Einmal Firmenboss sein...

SEGAGAGA

Gerjet Betker 30. Dezember 2009 - 21:57 — vor 7 Jahren zuletzt aktualisiert
Euch ist Sonic zu schlecht geworden? Ihr sagt, dass Innovation ein Fremdwort bei Sega ist? Ihr regt euch darüber auf, dass Sega nur noch halbgares Zeugs auf dem Markt wirft und die Spiele sowieso in der Grabbelkiste landen? Ihr behauptet, ihr könntet Sega besser führen als die Japaner? Beweist es mit der Sega Simulation SEGAGAGA.

„Um ein Videospiel zu entwickeln, muss man ganz besondere Fähigkeiten haben. Fähigkeiten, die es erträglich machen, das unmenschliche Stresslevel bei der Entwicklung von Videospielen überhaupt ertragen zu können. Das macht die Programmierer aggressiv  und gewalttätig, sodass wir sie einsperren müssen. Jedoch brauchen wir sie um gute Spiele zu machen. Das ist die harte Wahrheit der Branche.“

Dieses Zitat ist eine herrliche Einleitung in den Wahnsinn, der den Spieler in der Sega Simulation SEGAGAGA erwartet. Ein gekonnter Mix aus Firmensimulation, Rollenspiel, Dating-Sim, Shoot‘em‘Up und Strategiespiel ist eines der finalen Spiele der Dreamcast, als 2001 ihre Produktion eingestellt wurde. Bis heute genießt dieses Spiel einen besonderen Kultstatus bei Sega-Fans, da dieses Spiel nicht nur auf die Spielgeschichte von Sega selbst zurück blickt, sondern auch Parodien bekannter Videospiel-Serien in das Spiel einbaut. Durch gekonnte Wortspiele und Anspielungen auf die japanische Kultur wird zum Beispiel Solid Snake zu einem Herbergsvater oder Son-Goku zum Briefträger.

Tez Okano
stand seit Einführung der Dreamcast hinter dieser verqueren Idee des Spieles, auch wenn der Vorstand von Sega es zu erst als einen Scherz ansah, und entwickelte es zwei Jahre lang, ohne zu wissen, dass in seiner Sega-Parodie mehr Wahrheit steckte, als man ahnen konnte.


Die Story

Wir schreiben das Jahr 2025. Sega ist in dramatischen Schwierigkeiten. Der weltweite Marktanteil ist unter 3% gesunken, die restlichen 97% des Videospielmarktes gehören der Dogma Corporation, und man sieht sich gezwungen drastische Maßnahmen zu ergreifen. Mit dem Geheimplan SEGAGAGA werden willkürlich Kinder von der Straße in das Hauptquartier von Sega gezerrt, welche die Firma retten sollen. Eines dieses Kinder, mit dem passenden Namen Tarou Sega, wird vom Spieler übernommen.

Während man das Hauptquartier besichtigt, fällt dem aufmerksamen Beobachter neben der über-next-Gen Konsole Tera Drive, einem fiktiven Gegenpart zum realen Mega Drive mit spektakulären technischen Eckdaten, ein massives Tor auf. Die gute Seele des Spiels Alisa, welche absichtlich den selben Namen wie eine Phantasy Star-Heldin trägt, erklärt, dass dieses Tor nicht dazu da sei um Einbrecher abzuwehren, sondern um die Mitarbeiter an der Flucht aus dem Gebäude zu hindern.

Weiter erfährt man, dass seit 20 Jahren Keiner gewagt hat dieses Tor zu öffnen und Niemand weiß, wie die Entwicklungsabteilung von Sega jetzt aussieht. Eine vergessene Welt voller unergründeter Gänge, bevölkert von skurrilen Wesen liegt dahinter. Diese Wesen sind die früheren Spielentwickler, die mit den Jahren die Gestalt ihrer Eigenschaften und Schwächen angenommen haben.


Das Gameplay

Wie soll man bei diesem Potpurri aus unterschiedlichen Genres das Gameplay beschreiben? Am besten mit den Rollenspielabschnitten. In klassischer Rollenspielmanier bewegt man sich durch die Entwicklungsstudios vorbei an heruntergefallenen Deckenteilen und Turmhohen Pappkartonfestungen. Immer wieder gibt es Zufallskämpfe gegen Spieleentwickler, die fliehen möchten welche man überzeugen muss da zu bleiben.

Wenn man ihren Willen gebrochen hat, hat man die Chance sie in sein Entwicklerteam aufzunehmen. In zehn Sekunden probiert man ihn mit den richtigen Antworten auf seine Fragen zu überzeugen, natürlich mit dem Hintergedanken ihn für einen Hungerlohn arbeiten zu lassen. Manchmal trifft man beim Herumlaufen im Sega-Hauptquartier oder in Tokio auf bekannte Sega-Figuren, die mal mehr, mal weniger freundlich gesonnen sind.

Eine der traurigsten Geschichten hat Alex Kidd zu erzählen, welcher zum Kassierer in einem Laden verkommen ist. Er erzählt, dass er damals bei Sega eine Position inne hatte, um gegen N------- und sein Maskottchen M---- bestehen zu können, aber als Sonic groß heraus kam, wurde er von Sega gefeuert und es erschien kein Spiel mehr mit ihm.

Keine Angst vor der Schweinegrippe - denn da gibt es etwas von Segagaga.
Nun aber zum Kernelement des Spieles - zur Spieleschmiede. 21 der "überzeugten" Entwickler kann man auf die drei Studios verteilen und dort verwalten. Durch Schulungen kann man ihre Effizienz erhöhen oder durch einen Urlaub ihre Ausdauer. Natürlich gibt es auch äußerst merkwürdige Items die dieses bewirken, wie zum Beispiel ein junges Mädchen in ihrer Schulsport-Uniform, was eine vollständige Auffüllung der Ausdauer des gesamten Entwicklerstudios bewirkt - in einem Wort ausgedrückt: Moe!

Natürlich hat man nicht ewig Zeit an einem Spiel zu Arbeiten und ein zweites Duke Nukem Forever zu machen, da man den Spieß umdrehen und die Dogma Coporation vom Markt verdrängen will. Die Qualität und der Entwicklungsstand des entwickelten Spieles wird in Prozentwerten bei jedem Studio angezeigt und somit hat der Spieler die Entscheidung zu treffen, ob man den Markt mit vielen einfachen Spielen überfluten will für das schnelle Geld oder Zeit investieren will um echte Spielekracher, wie Mortal Wombat oder Rokujoman zu erschaffen.

Parodie einprogrammiert

Wie eben angeschnitten parodiert das Spiel viele bekannte Spiele der späten Neunziger. Alles sind japanische Wortspiele bei den oft nur ein Kana des Titels ausgetauscht worden ist. So wird aus Metal Gear Solid (Me-ta-lu Gii-ru So-li-do) ganz schnell das Tactial Sight-Seeing Action-Spiel Otalu Gear Solid. Otalu selbst ist ein Japanischer Ski- und Kurort auf der nördlichen Insel Hokkaidôs mit einer malerischen Architektur.

Weiter wurde aus Pokémon Tukemono, wobei Tsukemono gemeint war, japanische Gurken. Selbst die Funken-Maus Pikachu auf dem Cover wurde zu einem Nukachu, einer Reisbällchen-Maus.Das schon erwähnte Rokujoman ist eine Parodie auf den blauen Bomber Rokkuman (Mega Man), der zum Reismattenverleger umgebaut wurde. Auch einige nicht ganz jugendfreie Parodie-Spiele werden von den Entwicklern im Spiel entwickelt, vorrangig Lolly-Spiele als Parodie auf die Rally-Spiele aus dem Hause Sega.


Fazit

SEGAGAGA gehört zu den verqueren Nischenspielen, welche Pflicht für jeden Dreamcast-Besitzer sind, die gut Japanisch beherrschen und spielen können wie die Japaner. Ich selber warte sehnsüchtig auf ein Wii-Make des Spieles in einer mir verständlichen westlichen Sprache, da es sowohl ein kreatives RPG, als auch ein tiefgreifender Simulator der Videospielbranche ist. Nach diesem Artikel findet ihr das Intro zu Segagaga aber eine These noch vorweg: Wenn Videospiel-Journalisten genau so mutieren würden, wie die Entwickler der Spiele... möchte ich nicht freiwillig ohne fünf Fernseher mit meinem Gesicht drauf in die Redaktion von GamersGlobal gehen.


Gerjet Betker 30. Dezember 2009 - 21:57 — vor 7 Jahren zuletzt aktualisiert
Ganon 22 AAA-Gamer - P - 35495 - 4. Januar 2010 - 15:03 #

Sachen gibt's, hatte ich noch nie von gehört. Eigentlich unglaublich, dass Sega das wirklich rausgebracht hat. Wann zeigen Spielekonzerne schon mal Selbstironie?

Gadeiros 15 Kenner - 3082 - 4. Januar 2010 - 15:46 #

schön gemacht, otenko..
mir wirkt das ganze von idee und konzept wie die meisten parodien aber etwas verkrampft und gezwungen- irre ich mich?

@ganon
mir scheinen die meisten gags, die otenko beschrieben hat, eher seitenhiebe auf nintendo und leises gequängel zum traurigen schicksal des achso überlegenen sega zu sein. kommt mir garnicht mal selbstironisch vor- vielleicht irre ich mich total und man muss es spielen, um einen anderen eindruck zu erhalten. (bzw vielleicht habe nur ich allein den eindruck.)

Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 4. Januar 2010 - 16:02 #

Die Idee finde ich echt unschlagbar gut.

Henry 06 Bewerter - 98 - 4. Januar 2010 - 17:33 #

Need. This. Game. Now.

Guter Text, bring uns doch noch mehr "ungewöhnliche" Spiele näher, würde mich echt freuen.

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 4. Januar 2010 - 18:23 #

Klasse Artikel! Was es nicht alles für Titel gibt.

Zum Inhalt des Spiels: Ein bisschen scheinen sie sich ja doch selbst auf die Schippe zu nehmen, etwa mit der Tatsache, was aus Alex Kid geworden ist^^. Aber im Grunde würde ich Gadeiros recht geben.

Ridger 18 Doppel-Voter - P - 10362 - 4. Januar 2010 - 21:02 #

Hatte dieses Spiel oft in meinen Haenden, hab's aber immer wieder zurueckgelegt. Dank Gerjet schau ich's mir noch einmal genauer an. Hast Du es gespielt?

Gerjet Betker 19 Megatalent - 13638 - 4. Januar 2010 - 21:13 #

Leider nicht - nur die klassischen Playthroughs und den großen Bericht in der EDGE gesehen - und die haben ausgereicht, dass ich das Spiel haben WILL.

McFareless 16 Übertalent - 5556 - 4. Januar 2010 - 22:24 #

Hört sich interessant an, hätte ich ne Dreamcast und Japanisch als Sprache gelernt, würde ich sofort zuschlagen und versuchen es zu kaufen :)
Guter Artikel!

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