User-Test

Puerto Rico fürs iPad User-Artikel

Falk 1. Oktober 2011 - 11:00 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
Puerto Rico gilt als eines der besten strategischen Brettspiele überhaupt, musste bisher aber ohne offizielle digitale Umsetzung auskommen. Das ändert sich mit der guten, aber teuren iPad-Version.
Im Ranking der Brettspielseite Boardgamegeek hatte Puerto Rico lange Platz eins inne und hält sich seit Jahr und Tag in den Top-Drei. Es ist für anspruchsvolle Brettspiele das, was Starcraft für die Echtzeitstrategie und Alpha Centauri für die Rundenstrategie ist – ein Heiligtum für Gamer mit Hang zum Mythisieren. Zu einer PC-Umsetzung hat es aber nie gereicht, sei es, weil man es nicht für hinreichend familientauglich hielt oder weil es schlicht zu früh für den Digitalisierungsboom erschien.

Kolonisieren

Im Kern ist Puerto Rico freilich etwas ganz Banales – ein Wirtschaftsoptimierungsspiel. Das gibt auch schon der Name der als Vorbild dienenden, karibischen Insel vor, schließlich bezeichnet Puerto Rico auf Deutsch einen reichen Hafen. Also produziert man Kolonialwaren und verhökert sie auf dem Markt oder besser am besagten Hafen, von wo aus die Güter zu den europäischen Mutterländern geschippert werden. Das bringt Siegpunkte und davon die Meisten zu haben ist oberstes Ziel eines jeden Brettstrategen.

Dass diese Grundrezeptur von der reinen Spielmechanik getrieben wird, nicht etwa vom historischen Thema, erkennt man daran, dass der Autor Andreas Seyfarth, wie für europäische Brettspiele üblich, die Sklaverei unterschlagen hat. Auf den Plantagen der Spieler arbeiten natürlich ausschließlich Kolonisten aus der alten Welt, die ihre Interessen sogar in Zünften vertreten und sich auf der Hazienda ausruhen können.

Angetrieben wird das Spiel von sechs Rollenkarten, von denen jeder Spieler in jeder Runde eine auswählt. Die mit der Karte verbundene Aktion führen zwar auch die Mitspieler aus, aber der Inhaber einer Rollenkarte erhält einen Bonus. Wenn ihr den Siedler wählt, könnt ihr zum Beispiel statt einer Plantage einen Steinbruch anlegen, der später den Gebäudebau verbilligt. Wer sich als Aufseher versucht, erhält hingegen eine zusätzliche Kolonialware.

Oben Gebäude, unten Plantagen, und drumherum viele, viele Zahlen.

Optimieren

Für einen vorausschauenden Unternehmer ist es natürlich nicht damit getan, Plantagen anzulegen, Gebäude zu bauen und Arbeiter einzuteilen. Nein, wichtig ist das Timing. Wann macht ihr was, wie weit plant ihr voraus und was könnten die Konkurrenten in ihrem nächsten Zug vorhaben? Das führt häufig zu Stunk im Paradies, denn Puerto Rico ist gar nicht so reich, wie man meinen könnte, und so verwaltet man durchgehend eine Mangelwirtschaft. Man hat nie genug und selten das, was man benötigt.
Puerto Rico ist ans iPad-eigene Gamecenter angebunden und erlaubt Online-Partien -- die allerdings nicht immer problemfrei laufen.

Auch dieses Prinzip findet sich spätestens seit dem großen Erfolg des Seyfarthschen Magnum Opus in praktisch jedem strategischen Brettspiel. Wer als Fürst von Florenz schon mal ein großes Werk unvollendet lassen musste, weil der Opernsänger nicht direkt neben dem Bibliothekar arbeiten wollte, oder bei Agricola nicht über die Holzhütte hinauskam, weil immer, wenn’s drauf ankommt, ein einziger, läppischer Fisch fehlt, der weiß, was gemeint ist. Puerto Rico bewerkstelligt das mit einer ganzen Latte an Beschränkungen.

Der Plantagen-Pool, aus dem ihr wählen könnt, ist eingeschränkt, auf dem Marktplatz könnt ihr nichts verkaufen, das dort schon vorhanden ist, die Schiffe nehmen stets nur eine einzige Art Kolonialware mit und Gebäude gibt es nie genug für alle Mitspieler. Da Gebäude auch noch Siegpunkte bringen, bereiten sie besonderes Kopfzerbrechen. Ein Gegner will Baumeister sein, aber ich habe noch nicht genug Geld für das Gebäude meiner Wahl – spare ich nun weiter und verschenke damit eine wertvolle Aktion oder kaufe ich nur das für mich zweitbeste, aber billigere Gebäude?

Das ist das Grundprinzip des Spiels. Es führt dazu, dass man erst nach vielen Partien herausbekommt, welche Strategie man am besten wie angeht. Umdisponieren muss man ohnehin immer, da die Mitspieler durch ihre Rollenwahl viel durcheinander bringen können. Die ersten Versuche werden aber schon in den ersten Runden scheitern – man bemerkt das erst gegen Ende einer Partie, dann aber mit geballtem Frust.

Digitalisieren

Die iPad-Umsetzung kommt mit Game-Center-Anbindung, ermöglicht also das Kolonisieren im Online-Multiplayer. Allerdings berichten viele Spieler von Verbindungsproblemen, deren Ursache noch nicht klar ist. Mit dabei ist außerdem eine solide KI, gegen die ungeübte Spieler keine Chance haben werden. Leider ist es nicht ganz einfach, den Aktionen der Gegenspieler zu folgen. Dazu ist Puerto Rico einfach zu abstrakt, die KI-Züge sind zu schnell und ein detailliertes Protokoll des Geschehenen gibt es nicht. Wer das Brettspiel kennt, ist hier klar im Vorteil. Das gilt auch bezüglich der Regeln: die sind integriert und im Spiel als Hilfe abrufbar, allerdings nur als bloßer Text. Dazu kommt eine ordentliche Tutorialfunktion, die ingame in kurzen -- natürlich -- Texten den Ablauf erklärt.

Verglichen mit Smallworld enttäuscht vor allem die grafische Umsetzung, die eher nach einer kostenlosen Browser-Variante aussieht als nach einem iPad-Spiel der gehobenen Preisklasse. Freilich mussten die Entwickler von Codito Development auch mit einem optisch eher spartanischen Brettspiel arbeiten, das mit dem bunten, modernen Smallworld nicht annähernd mithalten kann. Besonders unglücklich ist das, weil der Brettspielverlag alea dieses Jahr eine Jubiläumsausgabe mit deutlich zeitgemäßerem Artwork auf den Markt bringt. Ein nettes Gimmick hat man allerdings eingebaut: Platziert ihr einen Kolonisten in einem Gebäude, wird dort ein Fenster erleuchtet, platziert ihr ihn auf einer Plantage, beginnt diese zu blühen. Diesen Ansatz hätte man gerne weiterverfolgen können.

Ein Preis von 5,99 Euro ist happig für eine App. Das Spiel selbst, also das eigentliche Regelset, ist das Geld allemal wert. Puerto Rico ist unverwüstlich und noch immer eines der besten Pappdeckelspiele für Strategen. Die iPad-Umsetzung ist jedoch durchwachsen. Zweierlei erwarten wir von einer digitalen Version eines Brettspiels: eine gute KI zum alleine zocken. Die ist da. Und ein tolles, State-of-the-Art-Drumherum. Das fehlt, gerade gemessen am Preis. Die Chance, Neulinge für Puerto Rico oder das Genre strategischer Offline-Spiele zu gewinnen, verschenkt man auf diese Weise.
Falk 1. Oktober 2011 - 11:00 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
mihawk 19 Megatalent - P - 13129 - 29. September 2011 - 8:21 #

Sehr schöner Test, ich hab zwar kein iPad, aber das Brettspiel werd ich mir mal bei einem Spieleabend in der Spielothek meines Vertrauens anschauen.

Melecatius 11 Forenversteher - P - 728 - 29. September 2011 - 9:38 #

Danke für den Test.
Gut zu wissen, dass ich mir die iPad Ausgabe nicht kaufen brauche.

Ich hadere immer wieder mit Carcassone, denn die Umsetzung ist sehr gut gelungen, aber mit 7.99 € auch nicht gerade ein Schnapper!

Falk 14 Komm-Experte - 1893 - 29. September 2011 - 12:04 #

Geht mir mit Carcassonne genauso. Die Brettspielverlage setzen ihre App-Preise leider durch die Bank ziemlich optimistisch an. Ich finde das schade, denn mit 79-Cent-Umsetzungen könnte man viele bisher Brettspiel-unaffine Menschen erreichen.

Wobei die Carcassonne-App äußerst professionell aussieht und ihr Geld durchaus in allen Belangen wert sein könnte.

Christoph Vent Redakteur - P - 132160 - 2. Oktober 2011 - 9:58 #

"Wobei die Carcassonne-App äußerst professionell aussieht und ihr Geld durchaus in allen Belangen wert sein könnte."
Das ist sie. Habe sie zwar damals zu Release für 3,99€ gekauft, hätte im nachhinein aber auch die 7,99€ bezahlt. Carcassonne ist wirklich perfekt an iPhone und iPad angepasst und sein Geld alleine schon durch den asynchronen Multiplayer-Modus Wert.

Sancta 15 Kenner - 3166 - 1. Oktober 2011 - 12:35 #

Ich kapiere das nicht, dass man Preise um die 5 Euro für ein vollwertiges Computerspiel inzwischen als happig bezeichnet. Am PC regt sich über solche Preise keiner auf, im PSN oder XBOX Live gilt das als super billig. Warum dann beim iPad nicht? Es gibt viele viele 79 Cent spiele, die wirklich nur für 2-3 Stunden Spaß bieten, dann hat man sie durch und viele davon sind einfach nicht mehr wert. Aber ein komplettes Spiel wie z.B. Carcassonne hätte bis vor kurzem 19,90 für den PC gekostet und niemand hätte sich beschwert. Man sollte also schon ein wenige zwischen Minispielchen und vollwertigen, wochenlang Spaß machenden Spielen unterscheiden im Preis, sonst gibt es bald nur noch Minispielchen.

Falk 14 Komm-Experte - 1893 - 1. Oktober 2011 - 12:49 #

Das stimmt schlichtweg nicht. Es gibt genug gute, ausgewachsene Spiele, die 5€ oder weniger kosten. Das iPad ist keine Minispielplattform.

Brettspielumsetzungen für den PC hätten keine Chance gehabt, wenn sie Vollpreis (also ~50€) gekostet hätten. Auf dem iPad ist es genauso, nur auf bedeutend niedrigerem Level.

Anonymous (unregistriert) 3. Oktober 2011 - 13:58 #

Du hast den Kommentar von Sancta entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.

Falk 14 Komm-Experte - 1893 - 3. Oktober 2011 - 16:33 #

Das gilt wohl eher für dich, anonymer Troll. Wäre dem nicht so, hättest du sicherlich näher erläutert, was du meinst.

Argh! (unregistriert) 29. September 2011 - 10:03 #

Kann ich so unterschreiben. Ich bin zwar nicht so erfahren in Puerto Rico, habe aber schon einige Runden mit meinen Leuten gespielt und öfters mal gewonnen. Aber die KI ist wirklich sehr hart im Vergleich zu Spielen wie Ticket to Ride, Catan oder Smallworld. Was natürlich auch daran liegt, dass es bei Puerto Rico, wie bei Schach, keinen Glücksfaktor gibt und alles berechenbar ist.

Auch das "den Zügen der anderen kann man nur schwer folgen" kann ich zu 100% nachvollziehen. Das liegt aber nicht nur an der Geschwindigkeit sondern auch an der grafischen Darstellung der Züge. Ich finde es besonders schwierig mitzubekommen, was für Gebäude die Mitspieler bauen, da diese nur grafisch dargestellt sind und es keinen Durchlauftext gibt a la "Spieler 3 baut eine Hazienda".

Ich würd mir für das Spiel einen einstellbaren Schwierigkeitsgrad wünschen.

Federweiser 10 Kommunikator - 391 - 29. September 2011 - 10:55 #

Das ist ein sehr schönes Brettspiel. Vor allem ist es für Einsteiger nicht sehr schwierig in die Spielmechanik reinzukommen. Es bietet aber sehr viele Möglichkeiten tiefer einzusteigen.

Wer es auf dem PC spielen möchte (ohne KI soweit ich mich entsinne), kann das auch mit dem Spiele-Client der Brettspielwelt: http://www.brettspielwelt.de/ tun. Dort kann man auch andere schöne Spiele spielen.

Falk 14 Komm-Experte - 1893 - 29. September 2011 - 12:02 #

Bei BSW stört mich seit jeher die Useroberfläche. Die ist katastrophal unübersichtlich und oldschool. Deswegen bin ich da nie über kurze Gehversuche hinausgekommen. Die Spielauswahl ist aber natürlich super.

Amco 18 Doppel-Voter - P - 10763 - 1. Oktober 2011 - 12:47 #

Wenn ich sehe was es so an schönen Spielen für das Ipad gib glaub ich langsam mit meinem Acer aufs falsche OS gesetzt zu haben :D

MachineryJoe 16 Übertalent - P - 4402 - 1. Oktober 2011 - 13:54 #

Es gibt auch für das Acer fantastische Spiele, allein schon die Titel von Gameloft sind sehr gut und da gibt es viele andere gute Firmen, wie ich bereits erfahren durfte. Grafisch sind die Autorennen oder dieser Sci-Fi Shooter "Nova" beeindruckend. Auch das vorinstallierte "Galaxy on Fire 2" als Privateer-Clone wirkte überraschend gut auf mich.

TwentY3 14 Komm-Experte - P - 2417 - 1. Oktober 2011 - 17:54 #

Ohne eingiges an Spielerfahrung hat man wenig Chancen. Die Tipps aus dem Boardgamegeekforum sollten aber allen Anfängern helfen.

Christoph Vent Redakteur - P - 132160 - 2. Oktober 2011 - 10:04 #

Puerto Rico hatte ich mir schon zu Release geholt und bisher noch nicht die Motivation gehabt, mich einzuarbeiten. Die Präsentation ist wirklich sehr mager und für Neulinge des Spiels ist daher die Einstiegshürde recht groß.
Wie es in Sachen Präsentation von Brettspielen auf dem iPad besser geht, beweisen eindrucksvoll Carcassonne und Ticket to Ride (Zug um Zug).

Faerwynn 17 Shapeshifter - P - 7365 - 1. November 2013 - 23:04 #

Gibt mittlerweile eine Version 2.0, werd sie mal antesten.

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