Freakshow Folge 9

Lucky Luke User-Artikel

Daeif 26. Juli 2012 - 9:03 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
Howdy, Cowboys und Cowgirls! Hier seht ihr die merkwürdigsten elektronischen Spiele der Welt. Ob seltsame Saloons, kuriose Gringos oder einfach nur amateurhafte Greenhorns: In dieser Prärie kommt ihr aus dem Staunen nicht mehr heraus!
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Heute, verehrte Cowboys, geht es in den Wilden Westen. Was wäre dieses gesetzlose, raue Land ohne Revolverhelden gewesen, die in vielen Romanen und Filmen die einzige moralische Instanz in den weiten Wüsten des Westens darstellten? Einer der wohl bekanntesten Figuren ist der vom belgischen Cartoonisten Morris erdachte Cowboy Lucky Luke. Seine Geschichten, in denen er meist die Dalton-Brüder hinter Schloss und Riegel bringt, gingen um die Welt. Kein Wunder, dass natürlich sofort die Merchandising-Industrie anklopfte. Unter diesen unzähligen Produkten finden sich da auch massiv Computerspiele. Der hier vorgestellte Titel erschien in Europa unter dem einfachen Titel Lucky Luke auf der PlayStation. Bei Lizenztiteln gibt es eigentlich zwei Versionen: Seltene Titel setzen die Vorlage sehr gut und mit Liebe zum Detail um. Andere nutzen den guten Namen, um mit einem hingeschluderten Produkt möglichst viel Kohle zu machen. Zu welcher Kategorie könnte Lucky Luke wohl gehören? Tja, ratet mal, warum der Titel hier vorgestellt wird...

Gute alte Zeit

Wisst ihr, damals in der Grundschule gab es vier Jungs, die eine PlayStation besaßen. Einer davon war ich. Wir tauschten uns gerne über neue Titel aus, aber am liebsten redeten wir über Spiele, die möglichst jeder hatte. Disney's Hercules ist ein Beispiel, bei dem wir einen regelrechten Wettstreit hatten, wer das Spiel als erstes durchspielen würde. Ich verlor.

Eines Tages kamen meine Zockerkollegen auf Lucky Luke zu sprechen. Jeder hatte es, außer ich. Klar, dass man als Neunjähriger sofort dem Gruppendruck nachgeben musste. Ich bekam das Spiel an meinem Geburtstag und begann sofort mit dem Spielen. Doch kurz darauf redete keiner mehr über Lucky Luke. Es schien, als wollten sie etwas verdrängen. Kein Wettstreit diesmal. Jeder schien irgendwie nicht mehr weiterspielen zu wollen. Ich fragte mich, warum sich alle so anstellten. Bis ich weiterspielte und selbst dahinter kam.

Verlockende Mogelpackung

Lucky Luke ist zunächst einmal ein recht klassischer 2D-Plattformer. Aber wie viele dieser Titel auf der PlayStation, begnügt sich auch Lucky Luke nicht damit. Die Grafik besteht aus Polygonen statt Bitmaps und nutzt die 3D-Welt auch ausgiebig. Lucky Luke kann zum Beispiel teilweise in den Hintergrund laufen, die Kamera ist freier, und auch Bösewichte schmeißen ab und an mal etwas aus dem Hintergrund. Immerhin ist die 3D-Engine also nicht selbstzweckhaft.

Wisst ihr, was das Mieseste an diesem Spiel ist? Dass es zu Beginn gar nicht mal übel ist. Ihr lauft mit Lucky Luke durch eine kleine Westernstadt, erledigt böse Buben (vermutlich das einzige USK-6-Spiel, in dem man Menschen erschießt) und sammelt Dollarzeichen ein, die euch bei einer Anzahl von 30 neue Leben verschaffen und ab und zu komische Geräusche machen. Die Steuerung ist etwas mau, per Druck auf die Richtungstasten schlurft euer Cowboy nur schneckenlahm über die Prärie, erst der Druck auf den Kreuzbutton macht ihm Beine. Zudem scheint er nicht viel Sprungkraft zu besitzen. Nur, indem man gleichzeitig Viereck und Kreuz drückt, vollführt Lucky einen „großen Sprung“. Na ja, macht ja nichts, springen muss man in dem Spiel wohl nicht so viel. Denkt man sich zumindest in den ersten Levels.

Im Spielverlauf sammelt ihr weitere Extras ein. Mit Dynamit sprengt ihr euch an bestimmten Stellen den Weg frei. Schafft ihr es, in jedem Level vier B-Symbole zu finden, winken euch drei Bonuslevel. Euer treuer Hund Rantanplan markiert für euch Checkpoints im Level.

Dann gelangt ihr zum ersten Boss. Überraschung: Hier erwartet euch ein kleines Minispiel. Das ist eine große Stärke bei Lucky Luke: Der Titel ist sehr um Auswechslung bemüht, immer mal wieder stoßt ihr auf andere genrefremde Abschnitte. In diesem Fall müssen wir in einer Art Pong-Klon-Holzscheite, die der Bösewicht wirft, mithilfe einer Bratpfanne wieder zurückschleudern.

Ohne Arbeit kein Passwort

Schon der Beginn lässt nichts Gutes vermuten: So lahm steuert sich euer Cowboy? Immerhin sind präzise Sprünge kein Thema - noch nicht.
Bevor wir zum nächsten Abschnitt kommen, dürft ihr in einem Shop eure eingesammelten Dollars eintauschen. Wie bereits erwähnt, bekommt ihr für 30 ein Leben, für 100 erhaltet ihr das Passwort für den nächsten Level. Aber wir sind ja nicht mehr im NES-Zeitalter, in dem Passwörter die einzige Möglichkeit zum Speichern waren. Also suche ich nach einer Möglichkeit, meinen Spielstand auf die Memory Card zu speichern. Tja, ratet mal: Eine solche Funktion gibt es nicht! Entweder, ihr kauft euch ein Passwort, oder ihr beginnt in der nächsten Session wieder von null. Was für eine fatale Designentscheidung! Zwar gibt es in jedem Level recht viele Dollarzeichen, aber ab und an muss man schon richtig suchen, um auf die 100 zu kommen. Und Leben gibt das Spiel auch nicht so leichtfertig her, die wollen auch noch bezahlt werden. Wisst ihr, liebe Entwickler von Ocean, zu speichern sollte eine Selbstverständlichkeit sein, kein Luxus, den man sich erarbeiten muss!

Im zweiten Level verfolgt ihr auf dem Rücken eures Pferdes Jolly Jumper einen Zug, mit dem die ausgebrochenen Daltons fliehen wollen. Danach springt ihr auf den Zug und erledigt die Daltons selbst. Die können natürlich nochmal fliehen, wäre ja gelacht, wenn das Spiel hier vorbei wäre. Auch, wenn es besser wäre, denn bis hier ist Lucky Luke durchaus solide.

Wer braucht schon präzise Sprünge in einem Jump-and-Run?

Aber dann kommt das Pueblodorf. Hier müsst ihr zehn Mondperlen finden, um weiterzukommen. Aber die könnt ihr nicht einfach so einsammlen, nein, ihr müsst sie in der richtigen Reihenfolge bekommen. Also dackelt ihr eurem Hund hinterher (haha!), um die Perlen zu finden. Und ab hier lassen sich die Schwächen nicht mehr ignorieren. Zum ersten werden nun präzise Sprünge von euch gefordert. Aber können die Entwickler mir mal erklären, wie ich präzise Sprünge machen soll, wenn ich ständig zwei Tasten gleichzeitig zum effektiven Springen drücken muss? Ich verstehe es einfach nicht: Warum kann Lara Croft jeden Stabhochsprung ohne Stab gewinnen, aber eine Comicfigur muss eine „realistische“ Sprunghöhe haben? Ihr eiert also mehr schlecht als recht durch die Levels, vergeigt jeden dritten Sprung und verliert damit massiv Leben. Leben, die ich mir gerne wieder zurückkaufen würde, wenn ich nicht alles für die verfluchten Passwörter bräuchte. Arrrgghhh!

Ein weiterer extremer Minuspunkt ist das ab hier unglaublich miese Leveldesign. Die Entwickler schienen wohl in irgendeinem Rausch gewesen zu sein. Es geht hoch, runter, nach rechts, nach links, dann geht ihr durch eine Tür, kommt ganz woanders wieder raus, geht durch eine weitere Tür, seid plötzlich ganz unten, klettert wieder hoch und so weiter. Im Pueblodorf habt ihr wenigstens noch Rantanplan, hinter dem ihr ständig Schritt halten müsst, damit ihr euch nicht verlauft. In den drei weiteren Levels gibt es dann aber keine Gnade. Da gibt es dann ein völlig wildes Hin und Her, bei dem ihr irgendwann nicht mehr wisst, wo ihr hergekommen seid und wo ihr lang müsst.

Abwechslung ist Fehl

Aber wie bereits geschrieben, gibt es von den insgesamt 14 Levels gerade mal sechs reine Jump-and-Run-Abschnitte, und auch „nur“ vier davon sind derart verwurschtelt. Ansonsten bedient sich Lucky Luke aus vielen weiteren Genres. Einmal prügelt ihr euch durch einen Salon, dann fahrt ihr mit einer Lore durch eine Mine, dann wieder müsst ihr euch in einem Holzfällerwettbewerb beweisen. Aber auch diese Kapitel sind nicht frei von Mängeln: Bei der Prügelei reicht einfaches Hauen auf die Tasten. Bei der Lorenfahrt gibt es viele Stellen, bei denen ihr euch zwischen mehreren Abzweigungen entscheiden müsst. Einige dauern länger, andere sind logischerweise kürzer. Das wäre kein Problem, wenn die Entwickler nicht gemeint hätten, ein Zeitlimit einbauen zu müssen. Da ihr beim ersten Versuch keine Ahnung habt, welcher Weg der schnellste ist, verkommt der Abschnitt zum stupiden Trial-and-Error. Hoffentlich habt ihr auch genug Dollar für das Passwort eingesammelt!

Der Holzfällerwettbewerb ist ähnlich der Sprintsequenzen in International Track and Field. Ihr haut abwechselnd auf zwei Tasten, bis der Baum gefällt ist. Nur bei Track and Field dauerte das Ganze höchstens fünfzehn Sekunden. Bei Lucky Luke müsst ihr mehr als eine Minute aushalten. Und das zweimal hintereinander! Als Abschluss dient ein Railshooterabschnitt. Ihr hämmert einfach auf den Schießknopf und ballert alles ab, was sich bewegt. Lucky Luke braucht nicht mal nachzuladen, geschweige denn eine Strategie. Anscheinend gab es damals also doch schon Railguns. Kennt ihr den Film Django?  

Auch aus technischer Sicht ist der Titel eher Mau-Mau. Die Grafik sieht schwer nach 1995 aus, was traurig ist, wenn man bedenkt, dass das Spiel erst 1998 veröffentlicht wurde. Immerhin stimmt der Sound. Die Soundeffekte untermalen den leicht abgedrehten und humoristischen Comicstil perfekt. Auch die Musik ist stimmungsvoll und verbreitet richtiges Westernflair. Blöd nur, dass der Toncutter anscheinend mit einem Fleischerbeil arbeitet: Der jeweilige Track im Level stoppt nach einigen Minuten urplötzlich, um dann von neuem zu beginnen.

Fazit

Lucky Luke ist insgesamt relativ versaubeutelt: Die Steuerung, eines der wichtigsten Elemente in einem Jump-and-Run, wurde völlig vergeigt, das Leveldesign ist verwirrend, die Genreabwechslung nett, aber ohne jede Tiefe, und zu dem Speichersystem fällt mir nun wirklich nichts mehr ein. Mag es auch nicht das schlechteste Spiel für die PlayStation sein, so ist es aber ganz sicher eines der schlechtesten 2D-Plattformer für Sonys Erstling.

Damit schließt die Show für heute. Kommt auch das nächste Mal wieder vorbei, wenn ihr die kuriosesten und merkwürdigsten Titel der Spielwelt erblicken wollt. Ich bin euer Sheriff Däif und sage euch: „Inneminne-inneminne-inneminne-inneminne...“
Daeif 26. Juli 2012 - 9:03 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
TASMANE79 14 Komm-Experte - 1845 - 26. Juli 2012 - 9:36 #

Passwörter kaufen mit Ingame Währung die man suchen muss um weiterzuspielen wo man aufgehört hat, nenne ich Anspruch und Motivation. Somit überlegt man sich ein Durchrennen der Levels. Aber warscheinlich bin schon zu alt. ;)

Zottel 16 Übertalent - 4312 - 26. Juli 2012 - 16:23 #

Das dachte ich mir auch. Das wäre die einzige hier aufgezählte Sache die ich nicht als Mängel, sondern als durchaus motivierend bezeichnen würde. Aber Geschmäcker sind ja verschieden. Ich spiel auch Diablo und Fallout NV im HC Mode :)

Und so schlecht war das Spiel doch gar nicht, es hat damals in der Bravo Screenfun noch ne 3 bekommen ^^

TASMANE79 14 Komm-Experte - 1845 - 27. Juli 2012 - 7:46 #

Bravo screen fun, ja hatte ich auch mal;)

Red237 18 Doppel-Voter - P - 11172 - 26. Juli 2012 - 10:21 #

Warum denn Til Schweiger? Als dieses Spiel rauskam hatte Til Schweiger doch gar nichts mit Lucky Luke zu tun. Eckart Dux oder Andreas Mannkopf wären hier doch wohl passender.

FPS-Player (unregistriert) 26. Juli 2012 - 11:06 #

Ah, ein Kenner! Schön zu lesen :)

Zum Thema: Ocean hat nur ein einziges gutes Spiel (für ihre Verhältnisse) jemals produziert und das war "Batman - The Movie". Alle anderen waren mies und wir haben uns damals auf dem Schulhof immer gegruselt, wenn einer mit Ocean-Spielen ankam...

Faerwynn 17 Shapeshifter - P - 7555 - 26. Juli 2012 - 13:06 #

In der Tat, die Ocean Spiele hatten so ihren Ruf ^^

CBR 20 Gold-Gamer - P - 20946 - 26. Juli 2012 - 15:11 #

Echt? Ich fand Hook auf dem GameBoy gar nicht mal so übel.

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 26. Juli 2012 - 15:26 #

Ocean, LJN, Cryo... sowas gibt es heute gar nicht mehr^^

Zele 15 Kenner - 2903 - 26. Juli 2012 - 18:21 #

Ich wollte ja

Wizball - Aussage widerlegt^^

schreiben, aber dann fiel mir ein, das Ocean da nur Publisher war. *g*

FreundHein 14 Komm-Experte - 1896 - 26. Juli 2012 - 14:03 #

Von der Render-"Pracht" bekomme ich heute Nacht wohl Albträume. Gab's denn auch gute Umsetzungen?

Einen Vertipper habe ich noch entdeckt: "Merchendise" im ersten Absatz.

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 26. Juli 2012 - 14:43 #

Danke für den Tipp.

Meinst du mit „gute Umsetzungen" Umsetzungen dieses Titels oder allgemein zu Lucky Luke?

FreundHein 14 Komm-Experte - 1896 - 26. Juli 2012 - 14:49 #

Allgemein. Ich kenne noch zwei PC-Titel, die aber wohl auch nicht das Gelbe vom Ei sind.

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 26. Juli 2012 - 15:22 #

Schwer zu sagen. Ich kenne noch ein paar Game-Boy-Titel, die ich aber kaum noch im Gedächtnis habe. Glaub die waren eher schwach.

Und in jüngster Zeit ist die Lizenz erst gar nicht angefasst worden.

Yano (unregistriert) 26. Juli 2012 - 15:11 #

Wie bitte??? Der Artikel kann ja wohl nicht wahr sein :( , Lucky Luke auf der PSX war eine unglaublich liebevolle Umsetzung der Comic Vorlage, und es ist eine Schande das solche Werkgetreue Comic Umsetzungen nicht mehr gemacht werden.
Ja das Spiel war zum Teil schwer, aber es war auch wunderschön und hatte Charme, besonders für Lucky Luke Fans.

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 26. Juli 2012 - 15:25 #

Bitte beachte, dass die Umsetzung der Vorlage als solche nicht kritisiert wird. Die Musik wird von mir grundsätzlich sogar gelobt. Es sind eher die vielen groben Schnitzer im Gameplay, die das Spiel kaputtmachen.

Desotho 16 Übertalent - 4137 - 27. Juli 2012 - 1:23 #

Ich bin ja kein Journalist, aber die Bilder stammen ja offenbar nicht vom Autor, z.B. finde ich eines hier in einem Artikel von 2010: http://www.gameinformer.com/b/features/archive/2010/08/30/a-history-of-video-game-westerns.aspx

Sollte man da nicht irgendwie die Bildquellen irgendwo angeben?

Weryx 18 Doppel-Voter - P - 10698 - 27. Juli 2012 - 4:24 #

Bin ich böse weil ich nie sowas gespielt hab in den jungen Jahren? Mein erstes game war Fifa 98 und Need for Speed =/

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