Freakshow, Folge 2

Kuriose Flash-Games User-Artikel

Daeif 25. Februar 2011 - 10:38 — vor 6 Jahren zuletzt aktualisiert
Hereinspaziert, Hereinspaziert! Hier seht ihr die merkwürdigsten Computerspiele der Welt. Ob seltsame Genres, kuriose Szenarien oder einfach nur bodenlos schlechte Machwerke: In dieser Show kommt ihr aus dem Staunen nicht heraus!
Heute, liebe Freunde der Kuriosität, möchte ich euch auf die abenteuerliche Welt der Flashspiele aufmerksam machen. Seit das Internet zum Massenmedium geworden ist, steigt die Anzahl der Angebote im Web rasant. Das gilt auch für Flashspiele: Von simplen Plattformern über Puzzles, Adventures, bis hin zu dubiosen Gewinnspielen tummeln sich tonnenweise Ideen im World Wide Web, die dem geneigten Usern ein wenig Unterhaltung bieten möchten. Kein Wunder, dass sich unter diesem Wust an Angeboten auch einige Experimente finden lassen, die auf dem normalen Markt nicht einmal als Konzept in Erwägung gezogen werden würden. Betreten wir also die Kammer der Schrecklichkeiten und schauen uns vier Titel einmal näher an.

Samorost

Fangen wir mit etwas bekanntem an, um nicht sofort alle Leser zu vergrätzen: Wir reden von Samorost, einem kleinen, aber feinen Flash-Adventure, 2003 vom tschechischen Programmierer Jakub Dvorský erschaffen. Hier steuert ihr ein kleines Männlein, das ein gewaltiges Problem hat: Seine Heimat, ein Stück Holz, das irgendwie im Weltall treibt, wird von einem weiteren Stück Holz bedroht. Eine Kollision steht kurz bevor. Unser Held schwebt also in einer Rakete, die ganz offensichtlich aus einer Würstchendose gebaut wurde, zum „Raumschiff“, um die Katastrophe zu verhindern.

Nun kann man sich fragen, was zur Hölle moosbewachsenes Holz im Weltall zu suchen hat oder warum das Männlein in einer Würstchendose durch die Luft fliegt. Aber genau in diesem Setting liegt der Reiz bei Samorost. Die Welt, die ihr erkundet, habt ihr so in noch keinem Spiel gesehen. Beispiel gefällig? Gleich im ersten Bild seht ihr einen Hügel, der von den Bewohnern des Ortes sorgsam abgeerntet wird. Einer dieser Bauern macht gerade Pause und gönnt sich eine Wasserpfeife. Problem: Er raucht durch einen Schlüssel, den ihr benötigt, um einen Skilift zu betreiben, damit unser Männchen von der Absturzstelle wegkommt. Diese Verquickung aus Natur und Technik zieht sich durch das ganze Spiel und macht es dadurch spielenswert. Später entdeckt ihr z.B. ein Eichhörnchen mit einer Vorliebe für Jazz, einen Mann, dessen Kopf sich auch zur örtlichen Energieversorgung eignet usw...

Passend dazu ist die Musik, die aus einem alten Kriminal- oder Horrorfilm stammen könnte. Dafür enttäuscht nur das eigentliche Gameplay. Die Rätsel sind sehr simpel gehalten und erfordern zunächst das Absuchen des Bildschirms mit der Maus, um überhaupt zu wissen, welche Sachen ihr manipulieren könnt. Teilweise verlangt das Spiel das sogar von euch, etwa in einem komplett dunklen Bildschirm, in dem ihr erst mal das Licht anknipsen müsst. Solche Mängel sind aber durch das fantasievolle Setting zu verschmerzen. Haben wir schon die singenden Schafe erwähnt?

Aether

Nutzt die lange Zunge eures Reittiers, um euch in die Luft zu schwingen oder Rätsel zu lösen.
Gehen wir nun eine Stufe tiefer in die Seltsamkeit der Flashspiele. Aether ist ein famoser Mix aus Plattformer und Puzzle. Das Spiel stammt aus der Feder von  Edmund McMillen und Tyler Glaiel. McMillen dürften einige Indie-Experten kennen: Er ist einer der Köpfe hinter dem Live-Arcade-Hit Super Meat Boy.

Wie Super Meat Boy fordert auch Aether Geschicklichkeit von euch, wenn auch nicht in dem Maße. Ihr steuert ein schwer definierbares Monster, welches von einem Kind von der Erde gerittenen wird. Dieses Monster besitzt eine lange, klebrige Zunge, die es möglich macht, sich an Wolken zu hängen und daran zu schwingen. So hangelt ihr euch durch Himmel und Weltraum, um zu vier verschiedenen Planeten zu gelangen. Diese symbolisieren verschiedene Gefühle des Jungen, etwa Angst oder Hass. Um die Gefühle zu bekämpfen, müsst ihr kleine Rätsel lösen, die ihr teilweise durch Schwingen mit der Zunge bewältigt. Doch mit jedem gelösten Planeten schrumpft die Erde etwas...

Ähnlich wie Samorost besitzt auch Aether seinen eigenen optischen Stil. Zunächst sind alle Planeten sehr blass und farblos gehalten. Erst mit dem Lösen der Rätsel kommt Farbe ins Spiel. Auch das Charakterdesign ist stimmig und wirkt wie aus einem Guss. Jeder Planet hat auch sein eigenes Gesicht, welches ein bestimmtes Gefühl ausdrückt und glücklich wird, nachdem ihr das Rätsel gelöst habt. So wird die Aussage des Spiels, gegen die negativen Gefühle anzukämpfen, noch besser unterstrichen. Den Gesamteindruck trüben lediglich die Musik Marke 5-Sekunden-Loop und eine nicht immer ganz präzise Steuerung. Dafür demonstriert der Titel andeutungsweise eine bisher nur selten gesehene Seite von Computerspielen: Auch Games können eine Aussage haben.

Every Day The Same Dream

Ihr wollt mehr Spiele mit hintergründigen, philosophischen Fragen des Lebens? Dann präsentiere ich euch Every Day The Same Dream. Ihr spielt einen ganz normalen Durchschnittstypen, der jeden Morgen aufsteht, seine Frau begrüßt und dann zur Arbeit fährt. Und das geht weiter und weiter und weiter — oder doch nicht? Eine alte Dame begegnet euch im Fahrstuhl und sagt zu euch: „Noch fünf Schritte, und du wirst ein neuer Mensch sein!“ Was kann das heißen? Gibt es aus dieser endlosen Einbahnstraße doch einen Ausweg?

Den gibt es tatsächlich, denn eigentlich ist euch nach dem ersten Arbeitstag so langweilig, dass ihr andere Wege einschlägt als den zur Arbeit. Und dort gibt es einiges zu entdecken: Ein Obdachloser, der euch zu einem friedlichen Ort begleitet, eine Weide mit einer Kuh, ein einzelnes Laubblatt, das vom Baum fällt. Es gilt, diese banalen Dinge des Alltags aufzusuchen. Aber schließlich müsst ihr auch radikalere Dinge tun, um ein „neuer Mensch“ zu werden...

Every Day The Same Dream stellt nichts anderes als das immer gleiche Arbeitsleben und die möglichen Alternativen dazu dar. Das unterstreicht auch die Technik: Die Grafik ist in monotonem Grau gehalten, der Sound ein etwa 30-Sekunden-Loop, der aber nicht auf die Nerven geht, weil er so wunderbar zum Spiel passt. Genauso spartanisch ist das Gameplay: Figur nach links und rechts steuern, Aktionen mit der Leertaste: Mehr ist nicht und mehr braucht ihr nicht. Definitiv ein Spiel, das einem zu Denken gibt.

Game, Game, Game and Game Again

Was zur Hölle...
Nun beschreiten wir eine Grenze, das Unvorstellbare, die unterste Traumebene eines Gamers. Seid ihr bereit? Natürlich nicht, denn niemand, mich eingeschlossen, ist bereit für dieses Spiel oder wird es wohl jemals sein. Normalerweise sind Emoticons bei seriösen Artikeln strengstens untersagt. In diesem Fall kann ich aber nicht anders: (o_0)

OK, beschreiben wir erst das noch Verständliche, das Gameplay: Ihr seid ein rundes — Dingens, das sich rollend fortbewegt. In jedem Bildschirm müsst ihr rollend und hüpfend zum Ziel, einem Haus, gelangen. Jetzt zu den Levels: Jeder Bildschirm sieht in etwa so aus, als hätte sie ein Sechsjähriger gemalt, der heimlich an Papas Kaffeetasse genippt hat. Auch die Objekte erben dieses Aussehen: Mal könnt ihr zitternde Spritzen (oder so) aufsammeln, mal am Boden zappelnde Menschen. Mit jedem weiteren dieser Objekte füllt sich der Bildschirm mit irgendwelchen Kritzeleien oder Teilen von Gedichten, die manchmal lesbar sind. Am Ende des Levels seid ihr dankbar, vor einer drohenden Reizüberflutung den Level geschafft zu haben. Selbst der Sound will euch psychisch fertig machen und ertönt mit Pfeifgeräuschen, Summen, Brummen und ganz selten auch mal rhythmischen Klängen. Aber Vorsicht vor den bösen Kullikritzelhaufen!

Keine Ahnung, ob davon irgend etwas Sinn macht. Ich will es auch nicht wissen. Game, Game, Game and Game Again ist eigentlich weniger als Spiel an sich, sondern als Grenzmarkierung dessen, wie experimentell Spiele sein können. Im Bereich Film gibt es bereits haufenweise Experimentalfilme, für deren Inhalt die meisten nur ein Kopfschütteln übrig haben, warum also nicht auch bei Computerspielen? Trotzdem, eine Bitte noch an den Programmierer: Nimm einfach das nächste mal drei Substanzen weniger, ja?

Ein kleines Resümee am Ende: Wir haben heute Spiele mit eigenem optischen Stil, mit philosophischen oder gesellschaftskritischen Themen gesehen. Dazu kommt ein Titel, der mehr Fragezeichen hinterlässt als die jährliche Steuererklärung. Tatsächlich lassen sich Flashspiele dank der Einfachheit der Programmierung relativ leicht als Bestandsaufnahme eines ganzen Mediums nutzen. Man darf gespannt sein, ob wir in Zukunft auch im Mainstream mehr Spiele sehen, die gegen den Einheitsbrei ankämpfen, oder ob die entwickelten Ideen weiterhin ein Nischenthema bleiben.

Damit schließt die Show für heute. Kommt auch das nächste Mal wieder vorbei, wenn ihr die kuriosesten und merkwürdigsten Titel der Spielwelt erblicken wollt. Ich bin euer Gastgeber Däif und sage euch: C‘mon and meet your maker!
Daeif 25. Februar 2011 - 10:38 — vor 6 Jahren zuletzt aktualisiert
icezolation 19 Megatalent - 19180 - 25. Februar 2011 - 12:17 #

Samorost ist äußerst märchenhaft, mein Favorit unter den Nennungen ist aber ganz klar 'Every Day The Same Dream', auch wenn es für mich nicht als Spiel anzusehen ist. Hier wird viel Raum für Interpretation gelassen und die Entdeckungen, die der Betrachter macht, regen zum nachdenken an.

John of Gaunt Community-Moderator - P - 62718 - 25. Februar 2011 - 13:14 #

Danke für diesen sehr interessanten Artikel. Den Einschätzungen von jesters.ice kann ich mich guten Gewissens anschließen, Every Day The Same Dream ist auch mein Favorit. Als ich es das erste Mal gespielt habe, bin ich nicht darauf gekommen, auch mal andere Wege einzuschlagen und andere Möglichkeiten zu probieren. Erst beim zweiten Spielen hat sich mir die philosophische Tiefe erschlossen. Wirklich ganz großartig und jedem zu empfehlen.

Game, Game... habe ich mir eben mal angeschaut. Das ist wirklich das verrückteste Flash-Spiel, das ich bislang gesehen habe.

Calmon 13 Koop-Gamer - 1274 - 25. Februar 2011 - 13:24 #

Wer mal ein richtig gutes Zombiestrategiespiel ausprobieren will sollte sich mal:

http://www.kongregate.com/games/sarahnorthway/rebuild

anschauen. Richtig gut durchdacht und auf höchstem Schwierigkeitsgrad echt schwierig durchspielen.

Hagen Gehritz Redaktions-Praktikant - 5064 - 25. Februar 2011 - 16:25 #

Interessanter Artikel mit kleiner aber feiner Auswahl.

Flash Spiele sind wirklich immer für die eine oder andere Überraschung gut... manche auch für Herzanfälle oder Hirnaneurismen,
siehe dieses Video zu QWOP: http://www.youtube.com/watch?v=EmcMG4uxiHk

Ich würde auf jeden Fall noch One Chance empfehlen:
http://www.newgrounds.com/portal/view/555181
Ein sehr melancholisches Spiel. Man verkörpert John Pilgrim, der ein Heilmittel gegen Krebs entdeckt hat, aber dieses entpuppt sich als grauenvolle Gefahr: es attackiert plötzlich JEDE lebende Zelle, nicht nur infizierte und es wurde schon verbreitet.
Die Botschaft ist klar: In six days every living cell on this planet will die, you have one chance.

Man sollte nicht zu sehr darüber nachdenken, wie wahrhscheinlich das Szenario ist oder wie das genau funktioniert, man sollte sich einfach auf das Drama einlassen. Man hat noch 6 Tage und die Wahl wie man sie verbringt. Will man bei Frau und Kind sein, ein Heilmittel finden oder alle Werte beiseite schieben und sich vergnügen, wenn sowieso bald alles endet?
Man muss sich den Konsequenzen stellen bis der letzte Tag kommt.

One Chance hat mehrere Enden, aber man wird im Normalfall nur eines sehen. Die Besonderheit des Spiels ist nämlich, dass es eine Datei auf dem Rechner speichert, die verhindert dass man es von neuem starten kann, wenn man ein Ende erreicht hat. Man sieht nur die Welt wie sie nach den eigenen Entscheidungen zurückgeblieben ist, wenn man es neu lädt. Das lässt sich selbstverständlich umgehen, es gibt genug Guides dafür im Web, aber dann büßt das Game aber auch einiges seines "Zaubers" ein. Der Sinn ist es, den Titel wörtlich zu nehmen und sich als Gamer nur einmal ohne extra Leben, Continue oder New Game zufrieden zu geben, so bitter es am Ende vielleicht auch war wenn man nicht das erhoffte Happy End erreicht hat. Auch fällt dann auf, dass es nicht SO viele Entscheidungsfreiheiten gibt, es ist eben nicht wie ein Heavy Rain mit seinen Entscheidungsmöglichkeiten auf Wieder-spielwert ausgelegt, sondern das genaue Gegenteil.

Wie gesagt, Empfehlung von mir, sollte höchstens 10 Minuten in Anspruch nehmen. Vom Gameplay her ist es klar ein Klon von Every Day The Same Dream, die Optik ist auf Sparflamme, die Umwelt verfällt die atmosphäre gut unterstreichend mehr und mehr, Musik wird sehr spärlich eingesetzt.
Es ist nicht so hintergründig und dezent inszeniert wie EDTSD, ohne viele Interpretationsmöglichkeiten. Ich möchte aber auch nicht sagen es ist plumper, weil die Frage, was man in den letzten 6 Tagen der Menschheit tun würde (zumal wenn man sich selbst die Schuld daran geben kann) doch zu denken gibt.
Der Ansatz ist also doch sehr gut, abseits kleiner Schwächen.

Olphas 24 Trolljäger - - 47746 - 25. Februar 2011 - 17:10 #

Schöner Artikel! Every day the same day ist auf jeden Fall ganz oben auf meiner Liste von Flashspielen, die mich beeindruckt haben. Erst dachte ich: "Was soll das denn?". Aber als mir klar wurde, dass man versuchen muß aus dem Trott auszubrechen, habe ich nicht eher geruht bis ich alle Schritte gefunden hatte. Und immer, wenn ich wieder eine Möglichkeit entdeckt hatte, war das erstaunlich befriedigend.

TheEdge 14 Komm-Experte - 2450 - 26. Februar 2011 - 13:43 #

Danke für den sehr informativen Artikel. Ich bin ein riesen Fan von Flashgames.

McFareless 16 Übertalent - 5557 - 9. März 2011 - 0:02 #

Hey, cooler Artikel, kannte bis jetzt nur Aether und spiele die anderen morgen glaube ich mal an ;)

McFareless 16 Übertalent - 5557 - 10. März 2011 - 20:45 #

Dieses every day the same dream ist ja krass O_o

Aki1695 06 Bewerter - 76 - 12. April 2011 - 21:14 #

Aether ist ja geil :D

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