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Evoland - A Short Story of Adventure Video Games Evolution

Movit 11. April 2013 - 14:05 — vor 3 Jahren zuletzt aktualisiert
48 Stunden reichten Nicolas Cannasse, um mit seinem Schnelldurchgang durch 20 Jahre Zelda und Final Fantasy den Programmierwettbewerb Ludum Dare und 300.000 Spieler zu gewinnen. Mit sechs Monaten zusätzlicher Entwicklungszeit bietet er euch nun ein vollwertiges Indiespiel zum Kauf an - aber reicht pure Nostalgie für einen Bezahltitel?
Alles in Evoland startet einsteigerfreundlich und simpel: eine grobpixelige Figur, monochrome Darstellung und eine stumme 2D-Landschaft, die nur aus rechts und links besteht. Eine Botschaft am unteren Bildschirmrand fordert uns auf, nach rechts zu gehen. Tatsächlich könnt ihr euch auch nur in diese Richtung bewegen, zumindest bis ihr nach zwei Schritten eine Kiste erreicht, öffnet und eine weitere Textbotschaft zur erfolgreichen Freischaltung der Links-Taste gratuliert. Was als Textbeschreibung ein wenig platt wirkt, dauert in Wirklichkeit nur wenige Sekunden, dann hab ihr mit der Truhe zur linken bereits eine vollwertige 2D-Welt freigeschaltet, die an frühe Game-Boy-Landschaften eines Zelda: Link's Awakening erinnert. In diesem Tempo geht es dann auch zügig weiter.

Chronologisch nicht ganz korrekt, aber wirksam: Der Start in Game-Boy-Optik


Evolution im Schnelldurchlauf

Der Anfang des Spiels erinnert noch ein wenig an das kostenlose Flashspiel Achievement Unlocked (zu finden auf Armor Games). Die in kurzen Abständen positionierten Kisten schalten immer mehr technische und das eine oder andere spielerische Feature frei, stets begleitet von ironischen Kommentaren am unteren Bildschirmrand. Die sind zumeist amüsant, andererseits lernt ihr als Spieler, wieviele Überlegungen in solch einem Spiel stecken und welch lange Entwicklung Computerspiele zu den heutigen Qualitätssstandards hingelegt haben. Von der anfänglich heftig zuckelnden Blende zwischen zwei Bildschirmbereichen zu einer sanft folgenden Kamera, von der blockweisen Bewegung in einer schachbrettartigen, monochromen Game-Boy-Welt bis zur freien Steuerung und einer hochauflösenden, mit Texturen versehener 3D-Grafik - vieles davon ist so selbstverständlich geworden und doch sind es die Errungenschaft von zwanzig Jahren permanenter Weiterentwicklung. Und so geht es munter weiter.

Vor allem zu Beginn ist Evoland wie eine interaktive Führung durch die verschiedenen Stadien des Action-Adventures und der japanischen Konsolen-Rollenspiele, allen voran The Legend of Zelda und Final Fantasy. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer hat schon Lust, sich durch zehn Seiten Buchstabensalat einer Spielehistorie zu kämpfen, wenn man es unmittelbar als Spieler selbst erleben kann? Warum sich mit trockener, wissenschaftlicher Sachlichkeit durch das Thema quälen, wenn ein kurzer, bissiger Entwicklerkommentar das Gefühl viel besser wiedergibt und mich dabei zum Schmunzeln bringt? Viele Menschen brüten über Möglichkeiten, Geschichte ohne tödlich langweilige Endlosmonologe zu vermitteln, Evoland macht es einfach vor.

Spartanisch und doch eine sichtbare Weiterentwicklung: Die Stadien des Final-Fantasy-Interfaces


Das Problem mit dem Spielprinzip

Auf der anderen Seite geht Evoland nur wenig darüber hinaus. Der Versuch, ein funktionierendes Spiel zu erschaffen, gelingt nur mäßig. Was vielleicht besonders erstaunt, die Kombination der Levelerkundung und des Echtzeit-Kampfsystems eines Zelda mit der Überlandreise und dem quasi-rundenbasierten ATB-Kampfsystem eines Final Fantasy funktioniert. Zwischendrin aufgelockert wird das ganze noch über einen so typischen Diablo-Level, mit absurd großen Monsterhorden und der ebenfalls genial absurden Parodie des dazugehörigen Lootsammelns.

Doch letztlich bleibt das ganze nur eine Ansammlung von Zitaten. Durch das selbst gewählte Stilmittel mit der allmählichen, kommentierten Freischaltung von Spielfunktionen werdet ihr nie in das Spielgeschehen hineingezogen. Die Immersion kommt nicht zustande, ständig bleibt ihr auf einer Metaebene hängen. Der Untertitel - eine kurze Geschichte der Evolution von Adventure-Spielen - ist Programm und was als anschauliche Geschichtsstunde beginnt, ergeht sich zunehmend stärker in parodistische Anspielungen auf die spielerischen Vorbilder. Wobei man sich hier nicht beschweren kann. Die Gags treffen ins Schwarze und verleiten zum Schmunzeln: Wenn der Standardname der eigenen Spielfigur Clink und der seiner Begleiterin Kaeris lauten, wobei letztere im Spielverlauf natürlich noch inklusive hochdramatisch-emotionaler Begleitdialoge stirbt, weiß der Insider sofort Bescheid. Auch der Kampf gegen Riesenschildkrötenmonster namens Atuin in einer Landschaft mit maroden, halb eingesunkenen Super-Mario-Röhren sitzt.

Diablo für genau einen Level, inklusive deutlichem Kommentar zum Item-Sammelwahnsinn.


Fazit: Sehr nett, aber...

Evoland schafft es, die Atmosphäre seiner Vorbilder exzellent einzufangen und als eine Art liebevolle Hommage in kurzweilige Unterhaltung umzuwandeln, ohne wie eine billige Kopie zu wirken. Doch erreicht es auch nie ansatzweise die technische oder inhaltliche Qualität dieser Vorbilder und erschafft daraus nichts Neues. Nur an einer Stelle, an der ihr als Spieler ähnlich wie in Zelda: A Link to the Past den Wechsel zwischen den Stilepochen nutzen müsst, um in die jeweils unzugänglichen Bereich zu gelangen, blitzt das vorhandene Potential kurz auf. Genau da liegt das Problem. Wer mit der Erwartung eines unterhaltsamen Spielprinzips an Evoland herangeht, wird letztlich enttäuscht.

Vielmehr ist Evoland wie der Besuch in einem interaktiven Museum oder das Anschauen eines Parodiestreifens à la Scary Movie. Interessiert ihr euch nicht für die Referenzen, dann geht auch das Konzept von Evoland nicht auf und ihr bereut, den Indievollpreis gezahlt zu haben. Denn dann sind der Umfang und der Wiederspielwert einfach zu gering. Dennoch bleibt Evoland im Bereich Edutainment für den Interessierten und Kenner der Materie ein faszinierendes Stück Software. Wenn nach einem halben Tag intensiven Spielens bereits der Abspann rollt, hat das Spiel gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft, bevor Humor und Nostalgiegefühle überstrapaziert werden. Wem das als Kaufargument nicht ausreicht, der ist mit der online weiterhin kostenlos spielbaren Wettbewerbsvariante Evoland Classic gut bedient.
Movit 11. April 2013 - 14:05 — vor 3 Jahren zuletzt aktualisiert
Movit 12 Trollwächter - 1009 - 11. April 2013 - 14:15 #

Das Spiel ist derzeit für Mac OS und Windows erhältlich. Eine iOS-Fassung soll noch folgen. Seit einem Update unterstützt das Ding mittlerweile auch Gamecontroller als Eingabegerät. Bei Steam sollte das Update bereits eingespielt sein, bei GOG soll es noch kommen. Wer bei GOG kauft, kommt etwas billiger weg, weil man dort den Dollar-Preis bezahlt. Steam setzt den Preis wie gewohnt 1:1 in Euro um.

Guldan 17 Shapeshifter - P - 8309 - 11. April 2013 - 14:19 #

Wird in nem Sale mitgenommen, bin RPG Fan und die Trailer haben mich angesprochen.

Olphas 24 Trolljäger - - 46992 - 11. April 2013 - 15:07 #

Ging mir ähnlich. Als Zeitreise ist es schon sehr vergnüglich und interessant, vor allem wenn man die ganzen Stadien selbst mitgemacht hat. Rein spielmechanisch ist da wirklich nicht viel und ich war froh, dass es nicht allzu lang war.
Für mich war es auf jeden Fall kein rausgeworfenes Geld. Im Gegenteil, mir hat es gefallen. Aber wer ein gehaltvolles Spiel, abseits der Zeitreise sucht, der sollte seine Anforderungen etwas runterschrauben.

Philley 16 Übertalent - 5353 - 11. April 2013 - 15:13 #

Du legst ja ein ganz schönes Tempo vor... ;-)
(Man beachte den Output seit der Registrierung)

eQuinOx (unregistriert) 11. April 2013 - 17:15 #

he likes to move it, move it

Philley 16 Übertalent - 5353 - 11. April 2013 - 22:44 #

Du bist auch nicht viel besser ;-)

eQuinOx (unregistriert) 11. April 2013 - 17:14 #

Danke für den Tipp, Movit.
Gut geschrieben und spannendes Thema ;)

Wuslon 18 Doppel-Voter - - 9858 - 11. April 2013 - 18:32 #

Wandert früher oder später definitiv noch in meine Steam-Bibliothek. Danke für den Artikel.

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 13. April 2013 - 16:42 #

Die kostenlose Variante werde ich die Tage mal ausprobieren, mal gucken, ob mich die bezahlbare auch reizt.

Schöner Artikel, weiter so :)

goschi 13 Koop-Gamer - 1203 - 13. April 2013 - 21:56 #

danke für den sehr informativen Test, überzeugte mich davon, es bei Gelegenheit mal zu kaufen.

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 33797 - 16. April 2013 - 9:17 #

Ich find solche Ideen immer ganz nett, habe aber nicht unbedingt Lust, Geld dafür auszugeben. Ist z.B. auch bei DLC Quest so. Aber ich kann mir ja mal die kostenlose Variante angucken.
Der Artikel ist übrigens schön geschrieben, da kann noch mehr kommen. :-)

Crone 06 Bewerter - 51 - 20. April 2013 - 11:26 #

Das erinnert doch irgendwie an Minecraft, ich finds cool ;)

Zille 18 Doppel-Voter - P - 10736 - 28. März 2014 - 8:18 #

Schöner Artikel, danke dafür! :-)

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Shiro Games
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04.04.2013
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