Wir tauchen ein in

Die Welt des Nifflas

Daeif 5. April 2010 - 23:09
Der Name Nicklas Nygren wird wohl nur wenigen etwas sagen. Sein Spitzname „Nifflas” erhellt da schon mehr Gesichter, besonders, wenn man in der Indiegame-Szene unterwegs ist. Unter diesem Pseudonym schrieb der heute 27 Jahre alte Schwede einige bekannte Freewarespiele und machte sich mit diesen in der Szene einen großen Namen.
Nygrens Design-Philosophie: Sich zu Beginn niemals zu viel zumuten, sondern erst mal klein anfangen und Erfahrung sammeln. Seine ersten Werke zeigen dies nur allzu deutlich. Sehr simple Spiele wie Geoffrey the Fly oder The Turtle Philosopher ließen aber bereits die Handschrift des Meisters erkennen: Simple Plattformer mit selbst gemachter Musik. Diese spielt in quasi allen von Nygren kreierten Spielen eine vordergründige Rolle. Sein zweites Hobby besteht nämlich darin, Ambient-Musik zu komponieren. Neben den Soundtrack für die Spiele hat der Schwede bereits sieben spielunabhängige Alben veröffentlicht. Genau wie die meisten seiner Spiele hat Nygren einige musikalischen Werke kostenlos zum Download freigegeben.

Doch zurück zu den Spielen. Andere frühe Titel wie Riddle zeigen Nygrens Hang zur Originalität: In diesem Puzzlespiel müsst ihr die Regeln schon selber herausfinden. In späteren Spielen erweitert der Programmierer seine Konzepte und schien besonders an kugelförmigen Figuren Gefallen gefunden zu haben. In Werken wie Roll oder der kniffligen #ModArchive Story-Reihe übernehmt ihr die Kontrolle über einen Ball und müsst euch natürlich mit dessen physikalischen Gegebenheiten auseinandersetzen. All diese Ideen flossen schließlich in sein erstes Spiel, das einen höheren Bekanntheitsgrad erreichte.

Ein Ball rettet die Welt: Within a Deep Forest

Auf eurer Reise begegnet ihr unter anderem Wesen, die euch trotz Sprachbarriere neue Fähigkeiten verleihen.
In Within a Deep Forest müsst ihr erneut einen Ball steuern. Warum das so ist? Im Jahr 2500 ist die Welt durch einen verheerenden Krieg nur noch eine öde, wüste Landschaft. Um das zu verhindern, reist ein berüchtigter Wissenschaftler mit dem herrlichen Namen Dr. Cliché in die Vergangenheit, um eine Bombe zu zünden, die den gesamten Planeten einfriert. Dummerweise würde er damit auch alles Leben auf der Erde auslöschen.

Soweit, so gut, aber warum ist die Spielfigur jetzt ein Ball? Nun, im Grunde seid ihr nichts weiter als ein verunglücktes Experiment. Der irre Doc versuchte nämlich schon einmal, eine Bombe zu basteln. Dabei entstand aber ein intelligenter Ball. Zu Beginn des Spiels schafft es der Doktor nun doch noch, seine Bombe fertig zu stellen und zu aktivieren. Die Welt ist in großer Gefahr, und nur ihr als heldenhafter, äh, Ball, seid in der Lage, die Bombe am Zünden zu hindern.

Okay: Sonderlich logisch ist die Story sicherlich nicht. Dafür macht das eigentliche Spiel umso mehr Spaß, denn euer Ball hat die Möglichkeit, bis zu zehn verschiedene Formen anzunehmen. Diese verschaffen euch Zutritt zu weiteren Ebenen des Spiels, müssen aber erst einmal gefunden werden. Dabei sind die Formen gut ausbalanciert, kein Ball kann als Allzweckwaffe benutzt werden. Ein Beispiel gefällig? Bereits die zweite Form, der lila Ball, kann höher springen als der Standard-Ball. Dafür ist er jedoch deutlich kniffliger zu steuern, weswegen ihr im weiteren Verlauf immer mal wieder auf den Standard-Ball zurückgreift. Der Glas-Ball dagegen geht bereits in geringer Fallhöhe kaputt, kann dafür aber unbeschadet durch Laserbarrieren hüpfen. Und selbst ein Ball, der eigentlich so gut wie gar keine Fähigkeiten besitzt, wird an mehreren Stellen gebraucht.

So erinnert der Titel an eine Mischung aus herkömmlichen Plattformer und Spielen wie Zelda: Um das Spiel zu lösen, müsst ihr sowohl alle Formen des Balls klug einsetzen, als auch viel Geschick und Fingerspitzengefühl mitbringen. Gewürzt wird das Ganze mit experimentellen Ideen. Eine Indiana Jones-würdige Fahrt mit einer Lore oder eine plötzlich umgekehrte Steuerung stehen ebenso auf dem Programm wie Abschnitte mit zunächst unklarem Leveldesign. Klassisch wird es hingegen bei Schalterrätseln und standardmäßigen Jump‘n‘Run-Einlagen. Der Schwierigkeitsgrad ist recht hoch, dafür sind überall in den Levels leuchtende Checkpoints verteilt, ein Element, das sich in allen Nifflas-Spielen wiederfindet. Gegner trefft ihr hingegen nur sehr selten an und können von euch auch nicht besiegt werden.  

Das Menü ist euer zentraler Anlaufpunkt. Über zwei „Eingänge" in der Oberwelt könnt ihr dieses jederzeit erreichen. Hier bekommt ihr die Möglichkeit zu speichern (wichtig für z.B. neu erworbene Fähigkeiten) oder einen speziellen Trainingslevel zu besuchen, die „Harara Mountains". Dort solltet ihr öfter mal vorbei schauen, denn die Bälle steuern sich wirklich sehr unterschiedlich und nur hier habt ihr die Möglichkeit, ungestört ein Gefühl für den jeweiligen Ball zu bekommen. Am Ende der Karte findet ihr schließlich ein Dorf, das euch bekannt vorkommen könnte, wenn ihr einen weiteren Nifflas-Titel gespielt habt...

Kleines Wesen wird zum Astronaut: Knytt

Bruchlandung! Nun heißt es, schnell wieder von diesem Ort zu verschwinden.
Ein weiteres Merkmal, was alle Spiele des Schweden verbindet, ist die prächtige Levelgestaltung. Within a Deep Forest zeigte das bereits zögerlich. So erkundet ihr im Laufe des Abenteuers etwa den Mond, der Wallace & Gromit-getreu aus Käse besteht, oder eine kristalline Höhle. Für sein nächstes Projekt brachte Nygren die Landschaft schließlich in den Vordergrund. In Knytt seit ihr eines der namengebenen Wesen (aus dem schwedischen übersetzt etwa „winziges Geschöpf") und werdet bei einem Spaziergang von einem Außerirdischen entführt. Während der Reise durch das All wird dessen Raumschiff jedoch von einem Meteor getroffen. Das Ufo erleidet eine Bruchlandung auf einem fremden Planeten, das Alien und euer Knytt bleiben jedoch unverletzt. Nun gilt es, das Raumschiff wieder in Gang zu setzen. Dabei müsst ihr die verschiedenen Bauteile wiederfinden, die sich über den gesamten Planeten verstreut haben.

Eines vorneweg: Knytt ist als Spiel betrachtet nicht sonderlich komplex. Ihr braucht lediglich alle Bauteile finden, eine Hilfefunktion verrät euch dabei, wo sich das nächste Teil befindet. Da der Titel ein Plattformer ist, müsst ihr natürlich eure Geschicklichkeit unter Beweis stellen und einige Hüpfpassagen meistern. Ungewöhnlich: Das Knytt kann sich überall festhalten und alle Arten von Wänden hochklettern. Dadurch wird das Spiel für geübte Plattform-Spieler zu keiner großen Herausforderung. Darum geht es aber bei Knytt auch nicht. Vielmehr soll der Spieler erkunden, entdecken, staunen und sich Gedanken über diese fremdartige Welt machen. Auf dem Planeten lassen sich Dörfer kleiner Kulturen, Wüsten, Höhlen, Städte in den Wolken und vieles mehr finden. Welcher Herrscher wohl früher in der alten Burgruine regiert hat? Woran denkt die dunkelhaarige Schönheit gerade, als sie verträumt zum Meer herunter schaut? Es sind solche Fragen, die Knytt zu einem zwar kurzem, aber auch intensiven Spielerlebnis machen.

Doch nicht nur visuelle, sondern auch akustische Eindrücke bauen eine einmalige Atmosphäre auf. Bereits zu Beginn fühlt ihr mit, wenn Knytt und das Alien verloren auf einem Sockel stehen und ein scharfer Wind zu hören ist, der die Verlassenheit weiter unterstreicht. Später im Spiel sorgen dann zu jedem Themengebiet passende Klänge für die richtige Atmosphäre. So ertönen in der Wüste lateinamerikanische Klänge, während ihr in einem düsteren Abschnitt eine an Kinderlieder erinnernde Melodie wahrnehmt, die den Ort noch etwas schauriger daher kommen lässt. Hier lässt sich auch eine fette Spinne finden, die zu den wenigen Gegnern im Spiel gehört. Wie bereits der Ball aus Within a Deep Forest kann auch das Knytt keine Gegner besiegen, dafür glühen jedoch die Bäckchen des Wesens, sollte Gefahr durch einen Feind drohen. Doch nichtsdestotrotz muss man sich auf das Spiel einlassen, um Spaß zu haben. Freunde gepflegter Plattformer haben mit Sicherheit schon spannendere Titel gesehen.


 
Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 6. April 2010 - 4:28 #

Das ist ein spannender Typ mit guten Ideen. Lesenswert! :)

ChrisL 30 Pro-Gamer - P - 137308 - 6. April 2010 - 8:02 #

Sehr interessanter Artikel, der gut geschrieben und flüssig zu lesen ist. Werde mir bei Gelegenheit die erwähnten Spiele bestimmt mal anschauen - daher danke für die Tipps.

Anym 16 Übertalent - 4962 - 6. April 2010 - 18:47 #

Toller Artikel zu einem tollen Entwickler! Danke und gerne mehr davon.

Nur die Screenshots kämen als PNG vielleicht besser als als JPEG.

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