Hardware-Check: Die PC Engine

Die weiße Blüte aus Japan User-Artikel

retrozocker 24. Januar 2012 - 16:25 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
Retro-Gamer werden sicher schon von der japanischen 8-Bit-Konsole PC Engine gehört haben. Schließlich erschienen hierfür in den 80er und 90er Jahren eine ganze Reihe hervorragender Spiele. Da die schmucke Spielmaschine aber leider nie den Weg in unsere Gefilde gefunden hat, wird es nun höchste Zeit, eure Wissenslücken zu schließen.
1987 war ein Jahr ohne große Höhepunkte: Die ARD strahlte anstatt der aktuellen Neujahrsansprache des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl versehentlich die Ansprache des Vorjahres aus, der Privatsender Eureka TV (der 1989 schließlich in ProSieben umbenannt wurde) nahm seinen Sendebetrieb auf und Boxrüpel Mike Tyson holte sich den Weltmeister-Gürtel der IBF. In Japan allerdings bahnt sich in genau diesem Jahr ein für Retro-Gamer nahezu historisches Ereignis an – die Spielekonsole PC Engine erblickt erstmals das Licht der Welt.

Vorsprung durch Technik
Einer der Starttitel für die PC Engine - The Kung Fu


Der revolutionäre Zwitter aus 8-Bit-CPU und 16-Bit-Grafikprozessor PC Engine wurde vom Elektronik-Riesen NEC in Zusammenarbeit mit dem Spiele-Hersteller Hudson Soft entwickelt und die enormen technischen Fähigkeiten des Herausforderers ließen die damaligen Platzhirsche Sega (Master System) und vor allem Nintendo (Famicom bzw. NES) im direkten Vergleich ziemlich alt aussehen. Für diese deutliche Überlegenheit sorgte neben dem 6-Kanal-Stereo-Sound vor allem die für damalige Verhältnisse sagenhafte Farbpalette von 512 Farben (davon 32 gleichzeitig darstellbar). Eingepackt in ein schlankes, weißes Gehäuse machte die PC Engine zudem auch optisch eine hervorragende Figur. Zu den Starttiteln gehörten die originalgetreue Umsetzungen von Irems Spielhallen-Shooter R-Type, die morbid, gruselige Flipper-Simulation Alien Crush (Naxat Soft) und das seitlich scrollende Beat-em-Up The Kung Fu (Hudson Soft). Diese Games sahen im Vergleich zu Titeln auf anderen 8-Bit-Systemen wirklich beeindruckend aus und zeigten deutlich, was auf Heimkonsolen künftig alles möglich sein sollte. Als Speichermedium entschied sich NEC kurioserweise gegen die handelsüblichen Module, und setzte vielmehr auf sogenannte HU-Cards. Diese flachen, scheckkartengroßen Kärtchen konnten gerade mal mit einer Speicherkapazität von maximal 8 Megabit aufwarten, was für die meisten der damaligen Spiele aber locker ausreichte. Dank besserer Komprimierverfahren konnte die Kapazität später sogar noch auf 20 Mbit gesteigert werden -- zum Beispiel für speicherintensive Titel wie Street Fighter 2 (Capcom) oder Parodius (Konami).

Aller Anfang ist schwer

Technisch hatte die PC Engine also klar die Nase vorn, allerdings haperte es vor allem anfangs noch am Spielenachschub. Während sich beispielsweise Nintendo dank cleverer Lizenzverträge der Unterstützung von Drittherstellern sicher sein konnte, musste sich die Engine größtenteils mit hauseigenen Neuerscheinungen von Hudson Soft begnügen. Die in dieser Phase veröffentlichten Spiele, wie das grandios spielbare Final Match Tennis oder das Multiplayer-Spektakel Bomberman (dank Adapter auch zu fünft spielbar) konnten sich aber durchaus sehen lassen und mussten den Vergleich mit der Konkurrenz nicht scheuen. Mengenmäßig konnte man aber einfach nicht mit den Mitbewerbern mithalten. Nach und nach schafften es die Macher aber, eine Handvoll kleinerer Spiele-Hersteller wie Sunsoft oder Human zu einer langfristigen Kooperation zu überreden und unter diesen suboptimalen Voraussetzungen schien eine Veröffentlichung der Konsole in den USA bzw. Europa in weite Ferne gerückt.



Ganz so einfach wollten sich die Engine-Macher aber nicht geschlagen geben und was kurz darauf folgte, war eine weitere technische Innovation, die den Ruf von NEC als zukunftsweisendem Hersteller von Unterhaltungselektronik ein weiteres Mal bestätigen sollte. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung der Konsole erschien ein optionales CD-Laufwerk auf dem japanischen Markt (noch lange vor Playstation und Co), mit dem sich den Spieleentwicklern dank der enorm gewachsenen Speicherkapazität und dem günstigeren Herstellungsverfahren ganz neue Möglichkeiten boten. Allerdings stockten die Verkaufszahlen des neuen Hardware-Add-Ons (welches mittels Adapter an die Konsole angeschlossen wurde) anfangs etwas. Die Hauptgründe hierfür waren der relativ hohe Preis des Laufwerks (umgerechnet ca. 800 DM) und die anfängliche Zurückhaltung der Software-Entwickler. Spieler und Hersteller mussten erst einmal von den Vorteilen des neuen Mediums überzeugt werden.

Auf in neue Gefilde

Trotz der genannten Anlaufschwierigkeiten durfte sich NEC im Mutterland Japan über eine stetig wachsende Fanbasis freuen und dank des Rückhalts der Kundschaft wagten die PC Engine-Macher 1989 nun doch den Sprung über den großen Teich, in Richtung Vereinigte Staaten. Äußerlich modifiziert und mit neuem Namen (Turbo Grafx 16), sollte die Konsole nun auch in der westlichen Welt für Aufsehen sorgen und neue Käuferschichten erschließen. Der Start dieses gewagten Unternehmens schien dank großem Presserummel auch durchaus zu gelingen. Die Release-Party fand beispielsweise im altehrwürdigen Zollgebäude von New York statt, bei der natürlich auch zahlreiche Pressevertreter anwesend waren und sogar der renommierte Nachrichten-Sender CNN berichtete von dieser Veranstaltung. Der damals zuständige NEC-Manager Ken Wirt zeigte sich mit den ersten Bestellungen der großen Handelsketten sehr zufrieden, doch die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht.
Die furiose Ballerei Lords of Thunder

Die mit reichlich Vorschusslorbeeren versehenen 16-Bit Nachfolge-Konsolen von Nintendo (Super NES) und Sega (Mega Drive bzw. Genesis) standen bereits in den Startlöchern und versprachen noch buntere und detailreichere Grafikwelten. Da half nur eins: Um diesen technischen Vorsprung zu kompensieren, musste das neue CD-Laufwerk auch auf dem amerikanischen Markt veröffentlicht und schnellstens mit möglichst beeindruckenden Spielen gefüttert werden. Die ersten Spiele mit glasklarem CD-Sound und cineastischen Zwischensequenzen sollten auch nicht lange auf sich warten lassen und sogar die einstigen Zweifler zeigten sich aufgrund der Möglichkeiten des neuen Mediums beeindruckt. CD-Hits wie Lords of Thunder (Fantasy Shooter mit krachigem Heavy Metal-Soundtrack von Hudson Soft) oder Y´s I&II (Action-RPG mit wunderschönen Zwischensequenzen ebenfalls von Hudson) sorgten reihenweise für offene Münder bei vielen Spielern und heimsten folgerichtig Höchstwertungen in der Fachpresse ein.    

NEC versuchte, sich mit Händen und Füßen gegen die drohende 16-Bit-Konkurrenz zu wehren und veröffentlichte bereits 1989 einen legitimen Nachfolger der PC Engine namens Super Grafx. Für das technisch nur leicht verbesserte Gerät (die Darstellung von doppelt so vielen Sprites und Farben war nun möglich) erschienen allerdings gerade mal fünf exklusive Spiele. Bis auf die Umsetzung des Spielhallen-Hüpfers Ghouls´n´ Ghosts (Capcom) kam allerdings keines dieser Spiele über das Mittelmaß hinaus. Die meisten Spieleentwickler konnten von den verbesserten Fähigkeiten dieses Geräts aber leider nicht überzeugt werden und so blieb es bei dieser handvoll Titel. Das halbherzige Projekt Super Grafx scheiterte kläglich und die Konsolen blieben wie das sprichwörtliche Blei in den Regalen der Händler liegen.

Anstatt sich aber auf das Wesentliche zu konzentrieren und mit einem waschechten 16-Bit-Nachfolger zu kontern, entschied sich NEC vielmehr, die nach wie vor treue Fanbasis mit einer Vielzahl an modifizierten Versionen des Dauerbrenners PC Engine zu verwirren. Im Abstand von nur wenigen Monaten bzw. Jahren erschienen teilweise nur leicht modifizierte Versionen der 8-Bit-Konsole, wie zum Beispiel die Core Grafx (grau eingefärbt und mit neuem Schriftzug, ansonsten unverändert), die PC Engine Shuttle (mit rundlichem, neuen Gehäuse) oder die Core Grafx II (ihr habt es erraten, neue Farbe, gleicher Inhalt). Die unübersichtliche Anzahl an erhältlichen Versionen der PC Engine war eher irritierend als wegweisend. Nur die 1992 erschienene Symbiose aus PC Engine und CD-Laufwerk mit  Namen PC Engine Duo (in Amerika als Turbo Duo erschienen), konnte als echte Innovation angesehen werden. Auch die Handheld-Variante PC Engine GT (in den USA Turbo Express) konnte durchaus überzeugen. Dank des hochwertigen Farbdisplays und der Möglichkeit, alle HU-Card-Spiele unterwegs zu zocken, erfreute sich das Gerät einer relativ hohen Beliebtheit. Aber ähnlich wie bei Segas Game Gear scheiterte die mobile PC Engine schlußendlich am viel zu hohen Batterieverbrauch und dem happigen Anschaffungspreis von fast 600 DM. 

Die Spielebibliothek wurde während dieser Zeit stetig erweitert und es erschienen besonders Anfang der 90er Jahre zahlreiche Klassiker, wie der abgedrehte Horizontal-Shooter Star Parodier (hier konnte man sogar als fliegende PC Engine die Gegner vom Himmel ballern), das herausragende Action-Adventure Castlevania: Dracula X – Rondo of Blood (Konami) oder die legendäre Hüpfspiel-Reihe Bonk 1 bis 3 (auch unter dem Namen B.C. Kid bekannt). Der Protagonist dieser Jump-and-Run-Serie, ein niedlicher Neandertaler mit extrem harten Schädel, mauserte sich im Laufe der Jahre sogar zum inoffiziellen Firmen-Maskottchen der PC Engine und die Spiele-Reihe wurde mit zahlreichen Umsetzungen für andere Systeme bedacht (unter anderem für das Super NES oder Commodores Heimcomputer Amiga).
Ende gut, alles gut?

Leider konnte sich die PC Engine schlußendlich nicht gegen die übermächtigen Widersacher von Big N und Sega behaupten. Das Werbebudget der Konkurrenz war einfach ein bis zwei Nummern größer und so war 1994 endgültig Schluß für das so hoffnungsvoll gestartete Projekt. Schade für hiesige Zocker ist vor allem die Tatsache, dass die PC Engine nie den offiziellen Weg nach Europa gefunden hat. Einigen Grauimporteuren ist es allerdings zu verdanken, dass eine handvoll PAL-Exemplare in Spanien bzw. Großbritannien ausgeliefert worden sind. Spiele für den PAL-Markt wird man allerdings vergeblich suchen.

Der ebenfalls 1994 in Japan veröffentlichte 32-Bit-Nachfolger PC-FX, der äußerlich eher an einen Mini-PC erinnerte, krankte an denselben Mankos wie seine Vorgänger. Die Unterstützung der Dritthersteller war nach wie vor mangelhaft und die Konkurrenz von Sega (Saturn) und dem neuen Herausforderer Sony (Playstation) zeigte deutlich, dass moderne Spiele künftig vor allem die dritte Dimension beherrschen sollten. Bei den für die PC-FX veröffentlichten Spielen handelt es sich größtenteils um Versoftungen von populären Anime-Serien und eine Vielzahl obskurer Erotik-Games. Nach rund drei Jahren und gerade mal sechzig veröffentlichten Spielen hatte NEC endgültig genug und zog sich endgültig vom Spielemarkt zurück.

Totgesagte leben länger

Werft ihr heute einen Blick ins World Wide Web, so werdet ihr sicherlich positiv überrascht sein. Aufwendig gestaltete Internet Portale wie www.pcengine.co.uk (englische Fanseite mit zahlreichen Tests und Downloads), www.pcenginefx.com (amerikanisches Portal mit eigenen Audio- und Video-Beiträgen) und sogar eine deutschsprachige Fanseite www.nexgam.de informieren euch über alles Wissenswerte aus dem PC Engine-Universum. Natürlich gibt es auch jede Menge Software-Emulatoren wie die MagicEngine oder Ootake, mit deren Hilfe ihr die Möglichkeit habt, PC Engine-ROMS (inklusive der CD-Titel) auf eurem heimischen Computer zu spielen. Die Homebrew-Szene in den USA und Europa ist leider sehr übersichtlich, aber findige Programmierer sorgten in den letzten Jahren immer wieder für sporadische Neuentwicklungen,  wie z.B. das Puzzle-Game Implode oder der Action-Titel Insanity. Zocker, die nicht gleich Unsummen für eine der zahlreichen PC Engine-Varianten und die entsprechenden Spiele hierfür investieren wollen, sind übrigens mit dem Kauf einer Nintendo Wii bestens bedient. Im Wii Shop Kanal stehen euch mittlerweile über sechzig Spiele als Download zur Verfügung (Kosten pro Titel zwischen 5 und 10 Euro), die ihr im Gegensatz zu vielen anderen Virtual-Console-Titeln auch in originalen 60Hz genießen könnt.
retrozocker 24. Januar 2012 - 16:25 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
Novachen 18 Doppel-Voter - 12973 - 24. Januar 2012 - 17:02 #

Achja, die PC-Engine... mein Freund hat bei seinen Eltern noch eine rumliegen gemeinsam mit Castlevania Dracula X: Rondo of Blood. Dazu noch eine 3DO mit Super Wing Commander... alles diese Konsolen die keiner mehr kennen will, aber irgendwie doch jeder haben möchte, da sie eben nebst vereinzelten Spielen absoluten Sammlerwert haben.

Netter Artikel :-).

Ich selbst habe eine PC-Engine nie besessen oder je an einer gespielt, habe da also überhaupt keine Erfahrung zu. Aber bei mir heißt das ja nichts, habe ja auch noch nie am NES und SNES gespielt *g*

retrozocker 13 Koop-Gamer - 1266 - 24. Januar 2012 - 17:35 #

Da hast du definitiv was verpasst. Ich hab damals die Berichte und Tests der PC Engine Spiele in den Zeitschriften verschlungen und war immer neidisch auf das Ding. Viele Jahre später hab ich mir dann endlich ein Exemplar mit CD-Laufwerk bei Ebay geholt. Ist schon beeindruckend, was die Entwickler damals aus der kleinen Kiste rausgeholt haben. Irgendwann leg ich mir noch eine Turbo Duo zu (Konsole inkl. integriertem CD-Laufwerk)

steever 16 Übertalent - P - 5650 - 24. Januar 2012 - 18:39 #

Danke für den schönen Nostalgieflash. :) PC-Engine... eines der Konsolen auf die ich immer neidisch geschaut, sie aber nie besessen habe (hatte damals ein Master System). Und die PC Engine GT war für mich immer das absolute Non-Plus-Ultra, auch wenn ich mit meinem batteriefressendem GameGear sehr zufrieden war. Ohja... Hudson. Viele schöne Erinnerungen, meist nur aus Zeitschriften. ^^

Dennis Ziesecke Freier Redakteur - P - 29657 - 25. Januar 2012 - 9:52 #

Die PC-Engine wollte ich (als einzige Konsole neben dem Neo Geo) immer haben, alle anderen haben mich nie so recht angesprochen. Schöner Text! :)

meanbeanmachine 14 Komm-Experte - 2471 - 25. Januar 2012 - 10:28 #

Danke für diesen schönen Bericht!
Da muss ich an meinen ersten Kontakt zu diesem Kleinod über die damalige MEGA FUN zurückdenken.

Hach, schön wars.. Besonders, weil sich die Schwärmerei bis heute nie einem Realitätstest unterziehen konnte.

Anonymous (unregistriert) 25. Januar 2012 - 19:18 #

Hab damals immer die Berichte in der Videogames und der Powerplay über die PC ENgine gelesen. Eine geile Konsole echt. Wirklich schade das das ding nie bei uns rauskam. Wäre ein guter Konkurrent zum SNES und Megadrive gewesen. Vor allem das Castlevania würde ich zu gerne mal spielen. Glaub es gibt eine PSP Version von dem Spiel

Anonymous (unregistriert) 25. Januar 2012 - 19:41 #

Ja cool die Videogames hatte immer eine eigene Sektion für das NeoGeo und die PC Engine. Ich erinnere mich an einen geilen Artikel zu Snatcher. Ein saugeiles Spiel von Kojima. Dummerweise sind viele spiele für die Engine nur auf japanisch. In den USA kamen nur ein paar titel raus. die Wii ist echt ne gute alternative oder halt die emulatoren. Aber ich will immer die echte konsole haben. Hab mir vor ein paar Jahren ne Turboduo geholt. Ist eine meiner lieblingskonsolen in meiner Sammlung.

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