Über die Atmosphäre eines Spiels

Die Furcht im Nacken User-Artikel

ChrisL 13. März 2010 - 13:55 — vor 7 Jahren zuletzt aktualisiert
Ein Spiel kann eine grandiose Grafik oder einen tollen Sound besitzen – wenn jedoch die Atmosphäre nicht stimmig ist, wird das Erzeugte im Kopf kaum oder gar nicht funktionieren. Stalker - Shadow of Chernobyl ist kein perfektes Produkt, in Bezug auf dichte Atmosphäre und dem Erzeugen von Furcht dennoch in der oberen Riege anzutreffen.
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Wie in allen anderen Bereichen des Lebens, ist auch die Atmosphäre in einem PC- oder Videospiel zu großen Teilen Ansichts- und Empfindungssache: Der eine bewertet eine bestimmte Szenerie oder Situation als gelungen, der andere kann daran nichts Besonderes finden. Mit Stalker - Shadow of Chernobyl (SoC) – das in diesem Artikel als Beispiel für stimmungsvolle Atmosphäre dienen soll – ist den Entwicklern zu weiten Teilen etwas Großartiges gelungen. Viele kleine Einzelheiten, wie zum Beispiel die Gespräche oder Gesänge der KI-Stalker, das Spiel mit Licht und Dunkelheit und auch die unaufdringliche aber dennoch immer präsente und bedrohlich wirkende Soundkulisse tragen sehr gut zur Atmosphäre bei und helfen dem Spieler – wenn er sich darauf einlässt – in das Spielgeschehen einzutauchen.

Die Geschichte von Stalker - Shadow of Chernobyl handelt 20 Jahre nach der Atomkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl, die in der Realität als Super-GAU und schwerste nukleare Havarie in der Geschichte der Menschheit bekannt ist. Als namenloser Söldner dringt der Spieler tief in die atomar verseuchte Zone ein, die sich aus unbekannten Gründen in den vergangenen Jahren weiter ausgebreitet und Mutationen und Anomalien hervorgebracht hat. Durch das Erfüllen verschiedener Aufgaben erhält man unter anderem Waffen und andere hilfreiche Ausrüstungsgegenstände. Mit zunehmender Spieldauer kommt man der Ursache für die Ausbreitung der Zone sowie einem unsichtbarem Feind immer näher.

Seit ich das erste Mal von SoC gelesen hatte, fand ich dessen Szenario faszinierend und spannend, dennoch habe ich es mir erst Mitte 2009, zwei Jahre nach dem Erscheinen, zugelegt. Nach wenigen Stunden des Anspielens blieb das Spiel aus verschiedenen Gründen monatelang unberührt liegen. Irgendwann versuchte ich einen neuen Einstieg, kam recht gut voran und war trotz einiger Unzulänglichkeiten nach relativ kurzer Zeit vom Spiel und dessen Story gefesselt. Unbedingt wollte ich mehr über das radioaktive Gebiet und dessen Hintergründe erfahren.

 Entspannung am Lagerfeuer Kernkraftwerk Tschernobyl
Links: Erholung am Lagerfeuer mit anderen Stalkern. Rechts: Das nur scheinbar verlassene Kernkraftwerk Tschernobyl. (Screenshots des Herstellers)

„Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“


Nun gehöre ich – ich gebe es freimütig zu – zu jenem Spielertyp, der es nicht besonders mag, durch dunkle Gänge zu schleichen, während die Taschenlampe als einzige, schwache Lichtquelle dient und auch die Vorräte an Munition oder Verbandsmaterial zu wünschen übrig lassen. Dass ich doch noch zu Stalker - Shadow of Chernobyl gegriffen habe, liegt zum größten Teil daran, dass mich schlicht die Geschichte des Einzelgängers und die erwähnte Rahmenhandlung sehr gereizt hat. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings auch noch nicht, was genau auf mich zukommt …

Je mehr Fortschritte ich im Spiel machte, desto umfangreicher und gefährlicher wurden meine Aufgaben als einsamer Stalker. Musste ich meine Spielfigur anfangs über weite Wiesen zu längst verlassenen Bauernhöfen steuern, ging es später immer öfter durch weitläufige Industriekomplexe, verfallene Fabrikgelände oder scheinbar aufgegebene Dörfer. Stellten sich mir zu Beginn nur relativ ungefährliche Gegner wie mutierte Wildschweine oder so genannte Schattenhunde in den Weg, bekam ich es im weiteren Verlauf mit sehr üblen Zeitgenossen wie den sehr schnellen Blutsaugern, den mysteriösen Poltergeistern oder den gefürchteten Telepathen zu tun. Und zwar nicht auf einer mit Blumen übersäten Wiese im herrlichsten Sonnenschein, sondern an düsteren, abgeschiedenen Orten, denen schon von weitem deutlich anzusehen war, dass man sich dort besser nicht aufhalten sollte ...

So lange es gegen Soldaten, Banditen oder andere Stalker – mit anderen Worten: menschliche, von der KI-gesteuerte Charaktere – ging, war alles in Ordnung. Die Feuergefechte machten Spaß und brachten öfters auch eine gewisse Herausforderung mit sich. Aber allein die Vorstellung, dass teils unsichtbare Mutanten und andere Kreaturen im späteren Spielverlauf theoretisch in jedem Moorgebiet oder in den nur schwach beleuchteten Tunneln und verwinkelten Kellergängen nur darauf warten, mich urplötzlich aus der Dunkelheit heraus anzugreifen, hat mich viel Zeit und erheblich mehr Nerven gekostet. Darüber hinaus kam hinzu, dass ich fast nur abends beziehungsweise nachts zum Spielen gekommen bin – vorbeifahrende Autos, die tagsüber vorhandenen Stimmen vom nahen Spielplatz, das Zwitschern der Vögel ... kurz die uns allen bekannten Alltagsgeräusche waren zu dieser Zeit schlicht nicht vorhanden. Auch aufgrund dieser sehr realen Stille konnte ich völlig in das Spiel eintauchen bzw. – und das ist nur schwer bewusst zu steuern – wurden die Psyche und der Kopf nicht ständig durch etwas abgelenkt, und sei es auch noch so unbedeutend.

 Recht harmlose Schattenhunde heranstürmender Blutsauger
Links: Recht harmlose mutierte Vierbeiner. Rechts: Ein gefährlicher Blutsauger, heranstürmend aus der Dunkelheit. (Screenshots des Herstellers)
COFzDeep 19 Megatalent - P - 17426 - 13. März 2010 - 17:42 #

Toller Artikel, und ich kann's voll nachvollziehen. Hab bei Stalker und auch einigen anderen Spielen schon des öfteren meine Maus vor Schreck zur Seite geschmissen ^^

Vin 18 Doppel-Voter - 11829 - 13. März 2010 - 18:02 #

Ich hab da auch so einen Kandidaten, den ich nie durchgespielt habe: Dead Space. Wenn Spiele mit der Angst spielen, wie es Fallout 3 oder eben Stalker tun, finde ich das gut - aber Dead Space hat es übertrieben. Angst, gepaart mit Zeitdruck und Ekel waren einfach zu viel für mich.

Erynn 08 Versteher - 222 - 13. März 2010 - 18:07 #

Ich kann mich da nur anschließen, ich bin bei Dead Space immer noch nicht ganz durch, genau aus deinen genannten Gründen. Die immer realistischer werdenden Grafiken verstärken das zusätzlich. Ähnlich gegrusselt (aber bei weitem nicht so sehr wie bei Dead Space)hab ich mich damals schon bei Aliens vs. Predator 2 oder eben Stalker.

Kanonengießer 14 Komm-Experte - 2484 - 13. März 2010 - 19:15 #

Ich hab bei Dead Space immer den Ton ausgeschaltet ab der Hälfte^^ Statt Geblubber, Schritte, Stöhnen und Knarzen lief Musik :D

Angsthase (unregistriert) 13. März 2010 - 18:25 #

Das ist natürlich fies. Da hilft "Mut antrinken" dann auch nicht mehr, weil man dann so schlecht zielt...

Maisto 10 Kommunikator - 475 - 13. März 2010 - 18:29 #

Hallo,

toller Artikel, Stalker ist meiner Meinung nach noch immer das atmosphärischte (gibt es das Wort) PC Spiel überhaupt. Allein die Musik im Hauptmenu war schaudernd und man hatte sofort die richtige Stimmung um sein Spiel zu laden. Das war schon groß.

An alle die noch DeadSpace durchspielen wollen (müssen ;)), tut es ! Es lohnt sich, aber vorsicht, seid am Ende (Extro) nicht zu leichtgläubig.

ciao

Maisto

Vin 18 Doppel-Voter - 11829 - 13. März 2010 - 18:35 #

das scheint mir bei einigen Ost-Europäischen Spielen zu sein. Neben Stalker seien da auch The Witcher oder Metro 2033 erwähnt, was ja auch eine klasse Atmosphäre haben soll. Und Heroes of Might and Magic 5 hat auch seine ganz eigene Atmosphäre.

Rouven Klatt 07 Dual-Talent - 109 - 13. März 2010 - 18:41 #

Oh ja. Da gibt es einige gut gemachte Szenen an die ich mich mit Schrecken erinneren kann ;) .
Aber am Besten blieb mir eine Szene in Unreal in Erinnerung. Im Tunnel wo plötzlich das Licht ausging. Ist wahrscheinlich in Erinnerung geblieben, da es die erste, richtige Schreck-Szene in der Computergeschichte war.

JCDenton 11 Forenversteher - 698 - 13. März 2010 - 18:50 #

Klasse Artikel! Schön das hier Stalker als Beispiel für die Thematik genommen wurde. Ich spiele schon ca. 13 Jahre am PC. In dieser Zeit hat es Stalker zu eben diesen Spielen gebracht, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Es ist nicht alles perfekt an Stalker (muss ich fast schon mit ein bissl Ironie schreiben ;) ), aber trotzdem aufgrund der im Artikel angesprochenen Punkte für mich schon heute ein Klassiker!

Bei Outcast war ich damals eben so fasziniert. Von der Atmosphäre natürlich nicht mit Stalker zu vergleichen, aber in Sachen Setting und glaubwürdiger Spielwelt ebenso auf seine Art noch heute beeindruckend.

@Rouven Klatt: oh man, die Szene ist unvergessen :-)

Anon (unregistriert) 13. März 2010 - 19:05 #

System Shock 2 will immer noch von mir beendet werden...

Sehr treffender Artikel.

ganga Community-Moderator - P - 16995 - 13. März 2010 - 20:20 #

Toller Artikel den ich total nachvollziehen kann. Metro 2033 ist so ein Spiel dass ich eigentlich total interessant finde, mir aber einfach zu beklemmend ist. Hatte das auch mal im ersten oder zweiten Medal of Honor, ist zwar schon ein paar Jahre her, aber da gab es in einem der letzten Level eie längere Szene, wo man durch einen verschneiten Wald musste und mit nem Scharfschützengewehr unterwegs war. Auch da war es ganz still aber im Level waren einige Schäferhunde unterwegs. Irgendwie fand ich diese Szene total beklemmend und konnte sie nur bei Tageslicht spielen. In MW2 ist ja nen ähnliches Level drin, da ist man allerdings zu zweit unterwegs was das beklemmende rausnimmt.
Bei den Splinter Cell Spielen ist man eigentlich ja auch alleine unterwegs, durch die 3rd Person Ansicht und die teilweise schon humorvollen Szenen hat das aber nichts beklmmendes.

Justin Sane 12 Trollwächter - - 1133 - 14. März 2010 - 0:05 #

Bin bei Stalker nicht so wahnsinnig weit gekommen...was ich bisher am gruseligsten, oder vielleicht besser aufregendsten fand waren die Ravenholm Levels in HalfLife 2. Die ganzen ausgewiesenen Grusel-Spiele wie F.E.A.R. zB fand ich dagegen eher langweilig...

Olphas 24 Trolljäger - - 48633 - 14. März 2010 - 9:24 #

Schöner Artikel. Stalker wollte ich eigentlich schon längst mal gespielt haben. Warum hat Steam eigentlich nur Clear Sky und Call of Pripyat im Angebot, aber den ersten Teil nicht?

jaws 15 Kenner - 3029 - 14. März 2010 - 11:37 #

Kam Lab X16 vor X18? Wenn ja, kann ich dir sagen: es wird nicht besser ;) Aber sonst schöner Artikel zu einem guten Spiel.

EvilNobody 14 Komm-Experte - P - 1881 - 14. März 2010 - 15:41 #

Klasse Artikel, hat mir sehr gut gefallen! Ich liebe es, mich zu fürchten! Das Tolle ist ja, dass man jederzeit aussteigen kann, wenn man will. Absolute Atmosphäreknaller (hinsichtlich der Angst) sind auch Undying, Resident Evil 1 (das Gamecube-Remake) sowie Dead Space. Letzteres ist aber selbst mir teilweise zuviel des Guten...ich konnte es immer noch nicht durchspielen, und ein Controller ging drauf, weil ich ihn vor Schreck gegen die Wand gepfeffert habe. Kein Witz!

ChrisL 30 Pro-Gamer - P - 143897 - 15. März 2010 - 13:22 #

Vielen Dank für eure Kommentare!

@ganga: An das verschneite Level in Medal of Honor kann ich mich auch erinnern - das hat mich damals auch gefesselt.

@Justin Sane: Oh ja, Ravenholm in Half Life 2 ... das war auch nicht ohne. Die engen Gassen, die dunklen, verlassenen Wohnungen. Richtig übel fand ich auch die schnellen Zombies, von denen man z. B. gegen Ende des Levels verfolgt wird.

ganga Community-Moderator - P - 16995 - 17. März 2010 - 3:37 #

Und ich dachte schon, das mit dem Schneelevel wär ne komische Eigenart von mir gewesen :)
Das Ravenholm Level in HL2 fand ich auch übel. Diese fiesen Zombies die über die Dächer angerannt/gesprungen kamen. Hilfe!

Tr1nity 28 Endgamer - 101122 - 18. März 2010 - 16:11 #

So schlimm fand ich die jetzt gar nicht. Ravenholm fand ich auch als einer der besseren Level, vor allem wegen den fiesen Fallen für die Zombies :).

frost 12 Trollwächter - 1032 - 18. März 2010 - 12:45 #

glückwunsch zu diesem gelungenen artikel! das spiel war wirklich ohne ende faszinierend, auf jeden fall ein meilenstein. mir sind nur wenige titel aus meiner mittlerweile auch schon 21jährigen spielerkariere bekannt, die so eine runde atmosphäre bieten konnten, grad auch aus den hier angesprochenen aspekten heraus.
und dead space war wirklich ein ganz schöner brocken, habe es auch erst nach einer längeren pause beendet und mache jetzt noch mal ein replay in dem nun freigeschalteten impossible-mode. es ist unglaublich, als würde ich ein neues spiel spielen, denn erst jetzt fährt der titel wirklich alles auf. völlig neues spielgefühl, probiert es mal.

MTR 12 Trollwächter - 1033 - 29. März 2010 - 19:05 #

Genialer Artikel! Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Ich hab als 15 Jähriger mal Doom 3 gespielt und da gibts die Szene, dass man in einen Spiegel schaut und auf einmal kommt aus der Dunkelheit so ein Monster. Ich hab meinen Puls echt im Kopf gespürt. Da war ich glaub echt noch zu jung... ;-).
Insgesamt ist Atmosphäre echt wichtig, wobei ich lieber menschliche Gegner habe als Monster oder Mutanten. Zumindest wenn es etwas Organisches ist, dann macht es mir nicht mehr so viel Spaß. Ravenholm mach ich deswegen auch echt im Schnelldurchgang, denn dieser Level schafft mich auch beim mehrmaligen spielen. Die Aliens aus Crysis fand ich (außerhalb des Raumschiffs) echt cool, denn die sind ja so metallisch bzw eher Technikviecher ;-). Ich bin mir aber bewusst, dass bei Stalker keine Roboter hinpassen ;-).
Heute bin ich sowieso eher ein Gegner von übertriebener Gewalt. Natürlich trägt Blut zur Atmosphäre bei, aber bei GTA 4 muss ich jetzt nicht Blutwolken sehen, wenn ich nur mal bisschen durch die Stadt cruise und aus Versehen einen Passanten treffe. Man passt dadurch zwar auch mehr auf, trotzdem wünsche ich mir einen einfachen Blut-aus-Schalter. Das dürfte doch nicht schwer sein.
Entgegen dieser Darstellung reizt mich aber God of War 3 so unglaublich, obwohl da ja im ersten Level schon Blut für 20 Spiele spritzt. Naja mal schauen ;-)
Auf jeden Fall genialer Artikel!

DigiDragon 06 Bewerter - 92 - 1. Mai 2010 - 19:12 #

Guter Artikel

HeadMunk 14 Komm-Experte - 1849 - 14. Oktober 2010 - 14:09 #

Großartiger Artikel! Hab Stalker selber nie gespielt, aber durch dein Geschriebenes kann man sehr gut nachempfinden, wie es sich ungefähr anfühlen dürfte. Gerade die detaillierte Beschreibung der Atmosphäre ist dir echt gelungen.

Ich geb zu, ich bin mit meinem Kommentar ein bissle spät dran. Aber mich hat der Aritkel im Nachhinein unwahrscheinlich interessiert, da ich meinen nächsten GG-Beitrag voraussichtlich in eine ähnliche Richtung lenke. Sehr inspirierend! :)

ChrisL 30 Pro-Gamer - P - 143897 - 14. Oktober 2010 - 17:06 #

Hui, ein Kommentar zu einem schon etwas älteren Artikel - danke dafür ... und natürlich auch für das Lob. :)

Endamon 15 Kenner - 3900 - 26. April 2013 - 21:40 #

Hab das Spiel jetzt nur wegen deinen Artikel installiert. Mal sehen wie weit ICH komme, bin nämlich auch nicht der Nervenstarke Mensch. Sehr gut geschrieben, Kompliment!

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