User-Kritik

Die etwas anderen Spielezeitschriften: GEE und Elektrospieler

Gamaxy 7. Oktober 2011 - 16:41 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
Das Angebot an Videospielzeitschriften ist vielfältig: Neben den altbekannten Titeln wie Gamestar oder PC Games finden sich dort auch einige Versuche, frischen Wind in den Spielejournalismus zu bringen. Der folgende Artikel stellt zwei dieser Hefte vor.
Mit seiner Kolumne bei Spiegel Online (GamersGlobal berichtete) erregte der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Gamestar, Christian Schmidt, einiges Aufsehen in der Videospielszene. Er behauptet darin, die Berichterstattung über Videospiele verliere sich derzeit zu sehr darin, Games nach allen Regeln der Kunst zu zerpflücken und zu analysieren, anstatt das große Ganze in einem Spiel zu sehen und es im Hinblick auf seine ethische und kulturelle Relevanz einzuordnen.

Doch sind wirklich alle Zeitschriften so? Interessehalber kaufte ich mir je eine Ausgabe der Zeitschriften GEE und Elektrospieler, die den Anspruch erheben, den etwas anderen Spielejournalismus zu vertreten. Im Folgenden berichte ich darüber, wie ich das Durchlesen erlebt habe.

So liest sich GEE
(GEE Media & Marketing GmbH, 3,99 €)

Auf den ersten Blick kein Videospiel-Magazin: GEE
Ich begann mit dem kleineren der beiden Hefte: Anders als viele Zeitschriften wird GEE seit kurzem im DIN-A5-ähnlichen Querformat gedruckt. Auf jede Seite passt also ungefähr nur halb soviel Text wie bei einem üblichen, im A4-Format gedruckten Magazin. Nach einem Editorial, in dem der Leser darauf hingewiesen wird, dass GEE nun vorzugsweise als iPad-App veröffentlicht wird, und nur noch "die besten Inhalte" dreimonatlich in Papierform erhältlich sind, folgen ein paar Seiten skurriler Neuigkeiten. Vergleichbar sind diese mit den "Kurios:"-News bei GamersGlobal, so wird z.B. über einen Bastler berichtet, der die aus Portal bekannten Sentry-Guns in Originalgröße nachgebaut hat. Für den interessierten Leser werden zudem weiterführende Links angegeben.

Anschließend folgt eine Seite mit Empfehlungen für iPad-Apps. Bereits hier wird ersichtlich, dass GEE nicht nur das "klassische" Gaming-Publikum, sondern z.B. auch Nutzer der Apple-Mobilgeräte ansprechen will. Dieser Eindruck bestätigt sich später im Heft durch einen vierseitigen Beitrag über die besten kostenlosen Spiele-Apps.

Der erste große Artikel im Heft zu einem Spiel dreht sich um Child of Eden, ist jedoch weniger Kritik als vielmehr eine Sammlung von Impressionen, in die gelegentlich Passagen aus einem Interview mit Tetsuya Mizuguchi, dem Designer des Spiels, eingestreut werden. Man hat den Eindruck, dass der Autor mit dem Spiel nicht richtig warmgeworden ist, da sich der Artikel weniger dem Spiel selbst als den Aussagen des Entwicklers widmet. Auch wird es immer wieder mit dem Vorgänger Rez verglichen, das am Ende des Artikels als "das zeitlosere und schönere Spiel" beurteilt wird.

Auch der nächste Artikel über Shadows of the Damned geht mehr auf die Skurrilitäten des Spiels ein und streift die Spielmechanik nur am Rande. Es folgt ein Artikel über The Witcher 2, der noch einmal das Moralsystem aus dem ersten Teil erklärt und die verzweigten Storyverläufe lobt. Negative Aspekte werden kaum erwähnt. Ob es keine gibt oder ob diese, wenn es sie gibt, sich nicht störend auswirken, erfahre ich als Leser nicht. Es bleibt mir als Leser überlassen, ob ich der Empfehlung des Autors vertraue oder nicht, eine wirkliche Begründung bekomme ich nicht.

Am Spiel L.A. Noire wird kritisiert, dass das eigentlich innovative Spielkonzept in ein sehr enges Handlungskorsett gepresst ist, wodurch sich die unterschiedlichen Entscheidungen und Handlungen des Spielers zuwenig auf den Spielverlauf auswirkten. Der Artikel lobt den Titel als mutigen Versuch, etwas Neues zu wagen. Dennoch verspüre ich nach dem Artikel nicht wirklich Lust, das Spiel auszuprobieren - auch wenn der Artikel kein Verriss ist.

Es folgen einige weitere kurze Artikel, die teilweise Lust aufs Anspielen machen (Alice - Madness Returns), an anderen Stellen jedoch auch aus ihrer Geringschätzung keinen Hehl machen (Hunted - Schmiede der Finsternis): "Und am Ende hat man dieses durchschnittliche Spiel genauso schnell vergessen, wie man es durchgespielt hat." Beschlossen wird die Sektion der kürzeren Artikel von der Rubrik "Wir freuen uns auf...", in der kurz kommende Titel angeteasert werden.

In der Mitte des Heftes wird dann über einen Sammler kurioser Gaming-Hardware berichtet. Unter dem Titel "Jäger der verlorenen Schätze" erfahre ich, dass es z.B. einmal eine Konsole mit dem Namen Stunt Cycle mit drehbarem Gasgriff für Motorrad-Spiele gab. Oder einen Bodencontroller namens "Sega Activator", der niemals in Europa auf den Markt kam: "Wer es jemals ausprobiert hat, weiß auch, warum." Interessanter Artikel. Danach ein aufschlussreiches Interview mit Cliff Bleszinsky, der die erzählerische Komponente von Gears of War 3 betont und erzählt, warum er kein Problem damit hat, zuzugeben, dass auch Playstation-Spiele gut sein können.

Das nächste Thema hat nur am Rande mit Spielen zu tun: Auf 8 Seiten wird die Geschichte der Transformers, der wandlungsfähigen Spielzeugautos, erzählt. Anschließend folgen zwei Seiten zum Spiel Transformers 3 und eine Seite zum zugehörigen Michael-Bay-Film. Nach vier Seiten zu kostenlosen iPad-Spielen folgen deren sieben über eine Modekollektion, die bis auf eine vermeintliche "Pixel"-Optik eigentlich gar nichts mit Spielen zu tun hat.

Screenshot von GEE Display, der iPad-Ausgabe
Unter dem Titel "Rückspiel" widmet sich das Heft dann dem Nintendo-Klassiker The Adventures of Zelda - The Ocarina of Time, das als Urvater der 3D-Action-Adventures beschrieben wird. Natürlich nicht, ohne einen kurzen Hinweis auf die Version für den 3DS hinzuweisen. Den Schluss des Heftes bilden mehrere Seiten, auf denen teils kuriose Gadgets, DVDs/BluRays und Musik-CDs vorgestellt werden. Zu Ende folgt noch einmal ein Hinweis auf GEE Display, die iPad-Version des Magazins.

Fazit zu GEE

Bereits durch den Titel, auf dem ein Transformers-Roboter abgebildet ist, wird klar, dass GEE nicht nur den klassischen Gamer ansprechen will, sondern den Spagat zu anderen Themen der modernen Unterhaltung versucht. Auch stehen die Spiele an sich nicht so sehr im Mittelpunkt, wie dies bei anderen Magazinen der Fall ist, außerdem werden sie erheblich weniger detailliert betrachtet. Durch diese Relativierung begreift der Leser die Games möglicherweise nicht als "das" Thema, sondern als eines von mehreren Themen, so dass bereits hierdurch eine Einordnung des Themas "Spiele" im Hinblick auf die sonstige aktuelle Unterhaltung stattfinden kann. Oder mit anderen Worten: "Schau her, Gamer, es gibt noch andere Themen, wir decken sie zwar nicht so intensiv ab, aber sie kommen zumindest vor."

Über die Aufmachung dieser "anderen" Themen kann man durchaus zwiegespalten sein. Einerseits werden sie etwas stiefmütterlich behandelt, andererseits lockern sie das Heft natürlich auf und zeigen, dass die Redaktion auch gerne mal über den Tellerrand der Spieleindustrie hinausschauen möchte und das auch tut. Dennoch erfindet GEE den Spielejournalismus natürlich nicht völlig neu, denn im Wesentlichen dreht es sich  immer noch um Games, wie sie sich spielen und ob sie Spaß machen. Dass da die Beschreibung des Spielablaufs nicht fehlen darf, ist offensichtlich. Aber durch das Weglassen von Wertungen hat das Heft eine weniger analytische, sich selbst nicht so ernst nehmende Note. Will man erfahren, wie ein Spiel vom jeweiligen Redakteur aufgenommen wurde, MUSS man den Text lesen und sich seine eigene Meinung bilden. Ob man die Artikel dann als Kaufanreiz auffasst, bleibt schlussendlich jedem selbst überlassen.

Für mich hat GEE etwas von einem unterhaltsamen Bildband, in den man immer wieder gerne reinschaut. Als allumfassende Spielezeitschrift würde ich sie nicht sehen, dazu erscheint sie zu selten und kann sich dementsprechend nur mit wenigen Titeln beschäftigen. Außerdem bleibt ein schaler Nachgeschmack aufgrund der Tatsache, dass es sich hierbei nur um ein Abfallprodukt der iPad-Ausgabe handelt. Dennoch ist das Heft sehr unterhaltsam, bietet eine breite Themenvielfalt und mit 3,99 Euro auch nicht zu teuer, so dass man es sich durchaus vierteljährlich leisten kann.
Captain Placeholder (unregistriert) 7. Oktober 2011 - 17:39 #

"Schau her, Gamer, es gibt noch andere Themen, wir decken sie zwar nicht so intensiv ab, aber sie kommen zumindest vor."

Ich verstehe das eher als "Schau her, Gesellschaft, Spiele sind ein essentieller Teil der heutigen Kultur und wir ordnen sie deswegen als Teil derselben ein."

Henke 15 Kenner - 3636 - 7. Oktober 2011 - 18:47 #

Ich gebe zu, ich habe die GEE damals gerne gelesen, mir dann ein Jahresabo besorgt, und voila : 2 Ausgaben später kam dann ein übelst zusammengeschustertes "Best-Of", dessen vier Farben (Ohne Scheiß) mir übelsten Augenkrebs und dessen aufgewärmte (da schon publizierte) Artikel mir Langeweile bescherten.

Dann war es eine Zeitlang ruhig; das nächste Heft hatte dann nur noch die vom Autor beschriebene Größe (Seitenanzahl dieselbe, halt nur A5 statt A4) und es wurde großartigst auf eben jene App verwiesen, die ich mir doch bitte anschaffen sollte.

Als Abonnent fühlt man sich natürlich verarscht, und auch wenn die Themenvielfalt und die (für mich) interessanten Artikel nun in ein kleineres Format gepresst werden, so bleibt doch ein fader Beigeschmack.

Zu einem (Kampf-)preis von 3,99 im Quartal ist das Heft natürlich zu empfehlen, von einem Abonnement würde ich dringenst abraten, da mir die Zukunft dieses Printmediums derzeit mehr als ungewiß erscheint!

Labrador Nelson 27 Spiele-Experte - - 93696 - 9. Oktober 2011 - 0:50 #

Korrektur: Seite zwei, 2. Abschnitt: Entweder "...den Hexer...zeigt..." oder "...wo der Hexer...gezeigt wird..." // "...den Hexer...gezeigt wird..." scheint falsch. :)

Gamaxy 19 Megatalent - P - 13402 - 9. Oktober 2011 - 15:34 #

Hab's korrigiert, danke.

firstdeathmaker 17 Shapeshifter - P - 6620 - 9. Oktober 2011 - 17:09 #

Die alte GEE habe ich mir immer wieder gerne geholt. Ich hab die Berichterstattung und auch den Kram darum echt gerne gemocht. Mit der Umstellung auf das IPad bin ich dann wohl leider aus deren Zielgruppe geflogen. Ich werd mir jedenfalls garantiert kein IPad kaufen.

Yolo 21 Motivator - 27876 - 11. Oktober 2011 - 10:42 #

Also den Elektrospieler lese ich nun regelmässig auf dem iPad. Ich finde da hat der Ex-Maniac Robert Bannert ein tolles Heft auf die Beine gestellt. Ganz besonders hat mir die Ausgabe gefallen, die sich nur mit Dragon Quest beschäftigt. Auch die Einbindung von Videos - finde ich - ist in der App hervorragend. Wenn man bedenkt, dass ein grosser Verlag wie IDG es zeitweise nicht hinkriegt, dass die Videos in der Gamestar App, funktionieren. Ist das entweder ein Armutszeugnis für IDG oder Wert für ein Riesenlob an die Macher der Elektrospieler App.

Zum Schluss. Danke für den Artikel dem Schreiber und an alle bitte Elektrospieler kaufen.

KingPott 17 Shapeshifter - 7272 - 11. Oktober 2011 - 17:30 #

Sehr netter Erfahrungsbericht.

Green Yoshi 20 Gold-Gamer - 24070 - 13. Oktober 2011 - 20:34 #

Schöner Artikel.
Die GEE hat mir bis zu ihrem unrühmlichen Wechsel aufs iPad immer sehr gut gefallen, zu schade, dass sie jetzt nur noch im Mini-Format und vierteljährlich erscheint.
Die Elektospieler hab ich ein paar Mal am Kölner Hauptbahnhof (woanders hab ich sie noch nicht gesehen) angelesen, sie trifft leider nicht meinen Geschmack.

Das einzig lohnenswerte Heft im Moment ist meiner Meinung nach die M!Games. Da merkt man anders als z.B. bei der Gamepro, dass noch Herzblut ins Heft gesteckt wird.

webs1 (unregistriert) 16. Oktober 2011 - 1:46 #

Schöner Erfahrungsbericht. Schade, dass es keine deutsche Version der EDGE mehr gibt.

Anonymous (unregistriert) 23. Oktober 2011 - 16:25 #

Vor dem Wechsel auf die App habe ich die GEE auch gerne gelesen, eben auch weil die Spiele dort eben nicht nach Noten und/oder Punkten bewertet wurden. Teilweise wurden die Rezensionen nicht mal von "echten" Spieleredaktueren geschrieben, z.B. der "Test" zu Call of Duty Black Ops hat ein Hamburger Musiker (!) geschrieben.

Das mit der App finde ich sehr suboptimal, vor allem für Leute die aus finanziellen Gründen sich kein Smartphone/ Tablet leisten können oder, wie in meinem Fall, in einer Gegend wohnen wo das mobile Internet kaum vorhanden ist.

An sich aber ein netter Test zum Heft, gerne mehr davon, wie wärs denn beim nächsten mal mit der RETRO oder der RETURN?

cdr_tofino 13 Koop-Gamer - 1402 - 22. Januar 2014 - 10:58 #

Die Elektrospieler ist auch heute noch eine der wenigen Zeitschriften im Spiele-/Konsolenbereich die sich zu lesen lohnt.

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