Die Welt ist groß

Die Ansichten über "Killerspiele"

Camaro 30. August 2009 - 18:17 — vor 6 Jahren zuletzt aktualisiert
Seit nun mehreren Jahren wird auf vielfältige Art und Weise über das Thema "Killerspiel" in Deutschland diskutiert. Was ist ein Killerspiel? Sind sie schuld an Amokläufen? Sind sie eine Art Sport? Gehören sie verboten? Doch all das scheint "Kinderkram" zu sein, wenn man sich die neue Art der "Killerspiele" des US-Militärs ansieht.
Computerspiele werden von Jahr zu Jahr immer realistischer und das in fast jedem Genre. Bei Rennspielen wird das Fahrgefühl realistischer. Bei Fußballspielen werden die Ballphysik und die Bewegungsabläufe der Spieler realistischer. Bei Strategiespielen werden, mit detaillierter einstürzenden Gebäuden, die Grafik und wegen eben dieser die Schlachtfeld-Atmosphäre realistischer. Das Familienleben bei den Sims wird realistischer genauso wie das Stadtleben in Städte-Aufbauspielen. Das Shooter immer realistischer werden braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Denn sonst gäbe es nicht, von Seiten der Gegner dieser Spiele, die ganzen Diskussionen bezüglich "Killerspiele" und deren Verbot.
 
Ich will hier jetzt nicht die Diskussionen "Wie definiert man 'Killerspiel'?", "Sind 'Killerspiele' Schuld an den grausamen und sinnlosen Amokläufen?", etc. neu aufwärmen. Das sollen ruhig Andere tun! Vielmehr will ich diese Diskussionen in ein anderes Licht erscheinen lassen.

Politik vs. "Killerspiel"

Die Politik sieht, aufgrund der sehr jungen Täter Robert S. (Erfurt), Bastian B. (Emsdetten) und Tim K. (Winnenden), eine Ursache von Amokläufen in Ego-Shootern. Was ja auch ehrlich gesagt nicht verwunderlich erscheint. Schließlich gehen dort Spieler mit Waffen auf Gegner los und versuchen diese - teilweise mit teilweise ohne Taktik - zu töten. Und je nach Spiel gibt es für besondere Verdienste auch noch Belohnungen. Außerdem nähern sich Ego-Shooter grafisch immer mehr an die Realität an. Das ist auch der Grund, warum die Amokläufer den Unterschied zwischen virtueller und realer Welt nicht mehr hinbekommen haben sollen.
 
Und während der nun schon Jahre andauernden Diskussionen, wo sich mittlerweile neue Interessengruppen gegründet haben und Petitionen gestartet worden sind, gehen die US-Luftstreitkräfte (USAF) einen ganz anderen Weg. Statt die Gewalt - wie nach der Meinung vieler Spielekritiker - aus Computerspielen in die reale Welt zu holen, bringen sie die Gewalt in die virtuelle Welt und verpacken diese in "Spiele".

Drohnen steuern statt Flugzeuge fliegen

Wie das britische Online-Magazin Guardian vor kurzem berichtet hat, lernen bei den US-Luftstreitkräften mittlerweile mehr Soldaten, wie man Drohnen per Computer und Funk aus der Entfernung fernlenkt, als wie sie Flugzeuge in Gefechten fliegen müssen. Das Ziel der USAF ist es bis zum Jahr 2047 die Flotte an unbemannten Fluggeräten enorm aufzustocken. Während das US-Militär vor drei Jahren gerade mal zwölf Drohnen gleichzeitig lenken konnte, sind es nun bereits 50! Die unbemannten Systeme der Zukunft sollen, nach Angaben der Hersteller, dann nicht nur wie "dumme" ferngelenkte Raketen handeln, sondern intelligente Schwarm-Angriffe fliegen können. Auf einer Konferenz der Association for Unmanned Vehicle Systems International (AUVSI) waren auch schon "Nano-Drohnen" in der Größe von Motten im Gespräch. Diese sollen in Zukunft selbstständig das Innere von Gebäuden auskundschaften.

Geschätzte 15% des 230 Milliarden US-Dollar schweren Haushaltes wird das Pentagon bis 2015 in die "Waffentechnik der Zukunft" (Future Combat Systems) investieren. Bis 2020 soll dieser Anteil auch noch auf rund 24% gesteigert werden. Doch die technischen Neuerungen auf dem Gebiet erwartet das Militär laut einer Studie aber erst ab 2040.

Unterschiedliche Relationen

Zusammenfassend kann man also sagen, dass während in Deutschland versucht wird, den Hobby-Computerspielern "Killerspiele" wegzunehmen, weil in denen - aus Pixeln gebastelte - realistische Abbilder von Menschen oder anderen "Lebensformen" getötet werden, in den USA Soldaten an den PC "gelockt" werden um dort "Killerspiele" zu spielen, die real existierende Menschen töten.
Die Zukunft: Unbemannte und ferngelenkte Drohnen
Klar versucht man in Amerika so das Leben vieler Soldaten zu schützen. Denn wenn sie ferngesteuerte Drohen in den Kampf schicken, ist es eher unwahrscheinlich, das sie selbst während des Gefechtes sterben, was für die Menschen im Kampfgebiet anders aussieht. Nur rückt dies die Diskussionen in Deutschland auch in ein ganz anderes Licht. Weil während man bei der Weltmacht USA darauf setzt, am PC über reales Leben zu entscheiden und dafür sogar viel Geld ausgibt, diskutiert man in Deutschland über virtuelle Tode am PC.

Was stumpft mehr ab?

Bleibt jetzt eigentlich nur zu klären, was den Menschen mehr abstumpfen lässt? Ein Computerspiel, welches den Spieler zwar in eine immer realistischer werdende Welt eintauchen lässt. Das aber auch jederzeit bei Erfolg und Misserfolg dem Spieler Feedback gibt. Wo sich Spieler auch mal bei Matches, Turnieren, etc. zusammen mit dem Gegner über ein spannendes Duell freuen, egal ob man nun gewonnen oder verloren hat, weil es einfach eine Art "Sport" für die Computerspieler ist.
Oder lässt ein Militärprogramm - wo Soldaten auf virtuell dargestellte reale Ziele schießen und wahrscheinlich außer "Missionsziel erreicht", "Auftrag erledigt" oder "Feind eliminiert" keinerlei Feedback darüber erhalten, was sie nun da wirklich alles angerichtet haben - einen Menschen mehr abstumpfen?

Die Kriege der Zukunft

Wie sehen denn dann die Kriege der Zukunft aus? Eigentlich müssten nach der erfolgreichen Einführung von Drohnen - in verschiedenen Varianten - bei den US-Luftstreitkräften als nächstens die ferngesteuerten Land- und Seeeinheiten folgen. So dass dann irgendwann Ende dieses Jahrhunderts die USA - und vielleicht auch teilweise auch schon andere Staaten - ihre Soldaten nicht mehr zu Auslandseinsätzen schicken, sondern diese in "Schichtarbeit" am PC die ferngesteuerten Einheiten in den Kampf schicken lassen. Die Soldaten werden also für das "Killerspiel" spielen bezahlt, nur dass das "Killer" im Wort nun eine Bedeutung hat. In diesem Sinne möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat von P.W. Singer - dem Autor von Wired for War - beenden:

"It's an historic change. Going to war has meant the same thing for 5,000 years. Now going to war means sitting in front of a computer screen for 12 hours. Then you go home and talk to your kids about their homework."

"Es ist ein historischer Wandel. In den Krieg zu ziehen bedeutete vor 5.000 Jahren eben jenes. Jetzt bedeutet in den Krieg zu ziehen, dass man vor einem Computer-Bildschirm sitzt und nach 12 Stunden nach Hause geht wo man mit seinen Kindern die Hausaufgaben bespricht."
Camaro 30. August 2009 - 18:17 — vor 6 Jahren zuletzt aktualisiert
Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 2. September 2009 - 1:40 #

Ein sehr schöner Beitrag. Allerdings lehne ich die Gleichsetzung der Kriegsführung mit Fernlenktechnologie mit den im Volksmund sogenannten "Killerspielen" ab. Soldaten sind keine Mörder. :)

ganga Community-Moderator - P - 15586 - 2. September 2009 - 22:30 #

Interessanter Aspekt den du da anbringst. Ein schöner neuer Anstoss in der alten Debatte.

Maulwurfn Community-Moderator - P - 13879 - 4. September 2009 - 14:25 #

Krieg ist Krieg, Krieg ist immer Gleich! Da ändern auch keine Fernlenksysteme oder andere Waffensysteme etwas daran.
Hier einen Vergleich zu suchen zwischen der technologischen Entwicklung des Militärs und der Diskussion über Gaming am PC oder Konsole in Deutschland, finde ich einen epic fail.

Ein Soldat weiß genau, welche Wirkung sein ferngelenkte Rakete hat, und er geht auch nicht einfach nach 12 Stunden nach hause und tut so als wäre nichts gewesen. Jeder der so etwas auch nur im Ansatz für möglich hält, sollte dringend einen Facharzt aufsuchen.

raumich 16 Übertalent - 4673 - 4. September 2009 - 15:33 #

Den letzten Absatz halte ich für entscheidend!
Und deswegen behaupte ich jetzt auch ganz provokativ:

Ich halte es für moralisch fragwürdiger, in einem (immer realistischer werdenden) Spiel, Menschen zum Spaß zu töten, als dies Soldaten im Kontext ihrer Pflichterfüllung tun.

Denn ich kann mich bei keinem Computerspiel erinnern, Reue empfunden zu haben, was ich Soldaten allerdings nicht absprechen möchte.

raumich 16 Übertalent - 4673 - 4. September 2009 - 14:47 #

Grundsätzlich interessanter Denkansatz. Leider empfinde ich es als sehr fragwürdig, Computerspiele die zum Spaß gespielt werden, mit echten Tötungen zu vergleichen, die elektronisch "ausgelöst" werden.

ganga Community-Moderator - P - 15586 - 4. September 2009 - 16:01 #

Tun das denn nicht genau immer Politiker nach einem Amoklauf? Mit der geringen Abweichung, dass diese Tötungen manuell "ausgelöst" werden.

Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 9. September 2009 - 23:58 #

Das ist aber genauso unpassend. :)

DigiDragon 06 Bewerter - 92 - 9. Dezember 2009 - 21:30 #

Ich spiel immer shooter bin aber kein ammokläufer XD

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