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Defcon: Atomkrieg im Kleinformat

Jerry 14. Juni 2012 - 12:03 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Wen es schon mal interessiert hat, was passiert wäre, wenn die roten Knöpfe im Kalten Krieg gedrückt worden wären, der kann sich mit diesem Artikel einen Einblick in Defcon verschaffen, einem kleinen Indie-Spiel mit viel Charme und interessantem Gameplay.
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Gleich vorweg: Wer einen Nuklearshooter à la Call of Duty oder ein Strategiespiel wie Empire Earth sucht wird hier nicht fündig. Denn bei Defcon handelt es sich um eine richtige Kalter-Krieg-Simulation wie ich sie mir persönlich nicht besser hätte vorstellen können. Das Ziel ist einfach: Vernichte den Gegner und schütze dein Gebiet während eines Nuklearkrieges. Die so genannten "Defcon"-Timer laufen in fünf Schritten ab, und lösen den Krieg langsam aber sicher aus. Was hier jetzt einfach klingt, ist in Wahrheit aber eine spannende Fahrt voller Taktik, Intrigen, Bündnissen und großen, großen Knallern ... großen nuklearen Knallern.

Gleich nach dem Starten fällt einem schon eines der größten Merkmale des Spiels auf: Seine minimalistische Grafik und Darstellung. Das Hauptmenü ist sehr simpel dargestellt. Es gibt einen Serverbrowser, eine Möglichkeit, selbst Räume zu erstellen oder das Tutorial (welches ich an diesem Punkt wirklich jedem empfehle, da ein blindes Starten in dieses Spiel schnell dazu führen kann, dass man zu nuklearem Staub gebombt wird, ehe man "Ups" sagen kann).

Witziges Detail für alle Büroarbeiter: Es gibt einen sogenannten Büro-Spielmodus, in welchem eine Partie immer sechs Stunden lang geht und das Spiel im Fenstermodus läuft. Falls der Chef kommt, kann man mit zweimal schnell auf Esc klicken das Spiel auch schnell in die Symbolleiste verschieben, so kann man gemütlich ganz langsam eine kleine Apokalypse während des Büroalltags erleben - nett.

Der Anfang - Defcon 5-3

Also Tutorial gespielt, alles aufgesaugt und los geht der Kampf um das nackte Überleben. In der Spiellobby wählt man sich einen Machtblock aus, zur Auswahl stehen:
  • Südamerika
  • Nordamerika
  • Europa
  • Afrika
  • Russland bzw. UDSSR
  • Südostasien
Schon hier ist die Entscheidung des Gebietes sehr wichtig. Wie auch im echten Leben haben die Machtblöcke in Defcon verschiedene Stärken was ihre Lage angeht. So ist Nord-Amerika zum Beispiel von den anderen Gebieten außer Süd-Amerika distanziert, hat aber ein großes Gebiet und ist aus allen Himmelsrichtungen verwundbar. Europa hingegen ist sehr zentral und kompakt. Doch ist man mit diesem Gebiet in gewisser Weise das Rote in der Zielscheibe. Immerhin ist das Gebiet gut zu verteidigen und man kann schnelle Schläge gegen die ganze Welt führen. 

Nachdem wir nun unser Land haben, gilt es, unsere Bevölkerung zu beschützen. Dazu bauen wir erstmal die drei wichtigsten Gebäude. Es gibt Radarstationen, Raketensilos und Flughäfen. Da das Ziel der Feinde unsere Städte sind, bauen wir die Raketensilos, die auch als Anti-Luftwaffen und Raketenabwehr dienen, in große Ballungsräume (zum Beispiel an der Ostküste Chinas), da die Atomwaffen global sind, brauchen wir uns um die Reichweite dieser keine Sorgen zu machen. Als nächstes kommen die Flughäfen. Diese können Bomber und Jäger verschicken. Während Bomber kleine Atomwaffen abwerfen und zur Flottenbekämpfung geeignet sind, werden Jäger für die Aufklärung oder die Abwehr feindlicher Bomber benutzt. Da es wegen des Treibstoffes eine bestimmte Flugreichweite gibt, sollte man sie an der Küste und an den Grenzen zu den anderen Staaten bauen.

Hier sage ich nochmals, dass dieses Spiel völlig minimalistisch aufgebaut ist: Es gibt keine Bauanimationen oder eine Bauzeit. Die Grafik in der Partie erinnert an eine Thermo-Google-Earth-Sicht und ist übrigens an den Film WarGames angelegt, macht ihre Arbeit aber gut, denn wenn der nukleare Krieg erstmal beginnt, ist Übersicht das A und O des Spiels. Hier hilft die klare Grafik deutlich weiter. Kommen wir zurück zu den Anfangsphasen, das dritte Gebäude im Bunde ist das Radar. Dieses Gebäude bauen wir in der Regel um unsere Grenzen herum, da wir mit ihm feindliche Raketen und Flieger ausfindig machen können, denn die Raketenabwehrsilos schießen nur auf Sachen, die auch in Radarweite sind. Nun da wir alles aufgebaut haben geht es an die Flotten. Es gibt drei Typen von Schiffen, das klassische Kriegsschiff, den "Carrier" (eine Art Flugzeugträger mit Anti-U-Boot Funktion) und das U-Boot. Eine Flotte besteht aus sechs Schiffen und lässt sich frei aufstellen. Interessant: U-Boote sind unsichtbar, bis sie auftauchen, auch für die Verbündeten. Außerdem hat jedes U-Boot sechs Atomsprengköpfe dabei, welche auf mittlere Distanz jederzeit abgefeuert werden können. Das wars auch schon. Mehr gibt es (noch) nicht zu bauen.

Erste Konflikte bis zum großen Knall - Defcon 3-1

Das Spiel bietet mehrere Spielmodi. Darunter ist ein normaler Deathmatch wer-als-letzter-zu-Staub-gebombt-wird-Modus sowie ein Survivor Modus, bei dem die Punktzahl nicht wie sonst für zerstörte Städte steigt, sondern für eigene Treffer von 100 auf 0 sinkt. Alle Modi haben einen anderen Reiz und spielen sich auch anders. So gibt es noch den zweiten Hauptspielmodus "Diplomacy". In diesem sind alle Spieler von Anfang an verbündet und sehen auch, wer wo und was baut. Es ist immer wieder spannend zu warten, wer nun einen Präventivschlag ausführen wird. Vielleicht haben sich auch schon längst drei Länder gegen mich verbündet. Vielleicht ist mein Verbündeter ein Verräter. Alles ist erlaubt und möglich. Neue Bündnisse entstehen. Konflikte kochen auf. Langsam wird der Kalte Krieg heiß.

Sobald der Alarm zum dritten Mal ertönt, weiß jeder: Jetzt wird es ernst, Defcon 3 ist da. Defcon 3 ist die erste Phase, in der man offene navale und aeriale Kämpfe führen darf. Die ersten Konflikte bauen sich auf und erste Bündnisse entstehen. In Gewässern die Vorherrschaft zu haben, lohnt sich in dieser Phase sehr, denn nur mit genug Schiffen und Kontrolle lassen sich die gefährlichen U-Boote abwehren, welche innerhalb von Minuten ganz Mitteleuropa auslöschen können.

Defcon 1 ist die erste, beste und längste Phase im Spiel, denn nun dürfen wir beliebig Raketen aus unseren Silos abfeuern. Doch hier dominiert Taktik: Nur wer das richtige Feingefühl und Timing hat, kann sich im Nuklearkrieg bewähren. Es gilt, die feindlichen Raketen abzuwehren und die feindlichen Städte zu vernichten, da ein Raketensilo immer nur Raketen abfeuern ODER feindliche Flugzeuge und Raketen abwehren kann, sollte man wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, um sich ohne Schutz auf die Offensive zu konzentrieren. Spätestens hier sind die Bündnisse geschmiedet und man sollte sich sicher sein wem vertraut werden kann.

Die Grafik in Defcon ist simpel, schön und übersichtlich.

Fazit und eigene Meinung


Defcon ist ein echtes Indie-Spiel. Man muss das Thema und die Atmosphäre mögen, um es zu genießen und genau das ist bei mir der Fall. Ich habe unheimlich viel Spaß mit diesem Spiel und finde, dass es für schlappe 9,99 Euro jeder Atomkrieg-Simulations-Fan mal ausprobieren sollte. Dieser Artikel ist ein bisschen kurz geraten, doch denke ich, ist das bei jedem Indie-Spiel so, da der Spaß nun mal bei jedem Spieler einzeln ensteht, jeder erlebt seine eigene Geschichte, das Spiel ist nur der Katalysator und gibt uns eine Grundlage. Jedenfalls kann man, wenn man sich auf Defcon einlässt, ein spannendes und aufregendes Spiel erleben, das auch noch nach fünf Jahren seinen Reiz nicht verloren hat. Viel Spaß beim nuklearen Krieg!

Jerry 14. Juni 2012 - 12:03 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
bolle 17 Shapeshifter - 7613 - 14. Juni 2012 - 13:31 #

Danke für den Artikel, ich mag den Titel auch sehr gerne, die Stimmung die er erzeugt habe ich bei keinem Anderen. Mir fehlt ein Absatz über den ethischen Standpunkt des Titels, weil fiktive Massenvernichtung und Zeitvertreib schon ein heises Eisen sein können, das wird aber bestimmt ausgiebig diskutiert werden. Ich finde, dass der Titel sehr gut damit umgeht und keinefalls das Thema verharmlosend darstellt - vielmehr sieht man, wie klinisch und unmenschlich die moderne Kriegsführung geworden ist.

Mein größter Kritikpunkt am Spieldesign ist übrigens, dass man mit "Esc" nicht vom Menü zurück ins Spiel, sondern auf den Desktop kommt, auf diese Weise habe ich schon einige Spiele aus Versehen abgebrochen. *nerv* :)

Tippfehler: "Sspätestens"

SonkHawk 14 Komm-Experte - 2151 - 14. Juni 2012 - 16:15 #

War nie mein fall. Zu viele Einheiten, zu ungenaue Steuerung, ... Der Funke sprang nicht über.

Admiral Anger 24 Trolljäger - P - 47879 - 14. Juni 2012 - 17:04 #

Schöner Artikel, leider aber kein Spiel für mich...

Fuzzymancer 12 Trollwächter - 918 - 14. Juni 2012 - 18:57 #

Ist schon ein interessantes Spiel. Müsste das auch nochmal rauskramen. Aber ich wundere mich, dass noch keiner ein Wargames Zitat zum Besten gegeben hat :P

Ketzerfreund 16 Übertalent - 5978 - 15. Juni 2012 - 14:59 #

Das ist schon in der 10-jähriges-Civ-Savegame-News. ;)

Andreas 16 Übertalent - 4622 - 14. Juni 2012 - 19:33 #

Ein seltsames Spiel. Der einzige gewinnbringende Zug ist nicht zu spielen.

bolle 17 Shapeshifter - 7613 - 16. Juni 2012 - 0:43 #

Wie pazifistisch. Wenn du dir zum Ziel setzt, möglichst keine Detonation zu sehen, empfehle ich, wenigstens SAM-Stellungen aufzustellen.

Defcon setzt da ein, wo Diplomatie nicht mehr hilft, gottlob ist das weiter von der Realität entfernt als je zuvor.

Andreas 16 Übertalent - 4622 - 16. Juni 2012 - 0:54 #

Das ist ein Zitat aus dem Film Wargames. Hatte es nur als solches nicht markiert. :)

Anonymous (unregistriert) 14. Juni 2012 - 21:20 #

Defcon als Spiel ist an sich gut, was das Spiel aber eigentlich kann, ist, diesen Terror im eigenen kopf auslösen.

Wenn ein weißer Fleck über einer Stadt aufstrahlt und eine emotionslose Zahl die Toten beziffert, laufen die Gedanken fast zwangsläufig Amok

Gigi d'Angostura 10 Kommunikator - 542 - 15. Juni 2012 - 9:47 #

Toller Artikel, ich mag das Spiel auch sehr gerne.

Nur was kleines hab ich zu ergänzen (Klugscheissen):

"Carrier" (eine Art Flugzeugträger mit Anti-U-Boot Funktion)

Carrier heisst Flugzeugträger. Wie jeder Flugzeugträger in der Realität wird er auch im Spiel von (nicht sichtbaren) Zerstörern und Kreuzern begleitet. Diese sind unter anderem für die U-Boot Abwehr zuständig. Weiters hat ein Flugzeugträger spezielle Anti-U-Boot Flugzeuge und Hubschrauber an Bord. Das ganze wird im Spiel sehr minimalistisch dargestellt.

:-)

viamala 12 Trollwächter - 982 - 30. Juni 2012 - 18:38 #

ist immmer noch in meiner liste: sollte ich mal spielen. danke für den artikel

vicbrother (unregistriert) 8. April 2013 - 18:28 #

Genialer Sound, geniale Grafik, genial einfaches Spielprinzip und am Ende eine einfache und unaufdringlich-konsequente Botschaft: Superspiel!

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