User-Test

Braid

Razyl 25. Juni 2010 - 21:07 — vor 6 Jahren zuletzt aktualisiert
„Billig wirkende Kindergrafik, sieht aus wie ein schwacher Mario-Klon - was ist das denn für ein Spiel?“ So ähnlich erging es mir, als ich das erste Mal Braid gestartet habe. Das hinter dieser Fassade ein wunderbares Spiel mit stellenweise tiefgründiger Philosophie steckt, das hätte ich am wenigsten erwartet.
Als Jonathan Blow 2008 sein Spiel Braid auf Xbox Live Arcade veröffentlichte, ahnte er wahrscheinlich noch nicht einmal, dass sein Spiel nur wenige Wochen später weltweit nur Top-Wertungen absahen konnte. Weltweit steht der Titel derzeit bei großartigen 93 Prozent laut metacritic.com. Vor allem das durchaus innovative Spieldesign machte Braid zu dem was es ist.

Mittlerweile ist das Spiel auch auf dem PC erschienen und sogar seit diesem Monat als Retail-Fassung. Nun habe ich selbst auch zugegriffen und wurde mehr als überrascht vom Spiel.

Wie Mario und Prince of Persia

So eben habe ich Braid gestartet und mir begegnet eine, wie von Kinderhand gezeichnete 2D-Welt. Wie ich erkenne muss ich einen Charakter mit dem Namen Tim steuern. Mit jenem Tim laufe ich nun durch die eben angesprochene 2D Welt und überspringe kleine Hindernisse und sammele dabei Puzzle-Teile ein. Das klingt erst einmal wie ein Mario-Klon und das ist es zumindest in der ersten Welt so. Zwar lösen wir hier schon kleinere Rätsel, die die Hauptmotivation in Braid darstellen, um an die Puzzleteile zu kommen, aber die sind zumeist nicht wirklich schwer zu lösen.  Das wird sich aber noch ändern, wie ich später am eigenem Leib erfahren muss. Am Ende der ersten Welt erfahre ich, dass sich eine die Prinzessin, um jene geht es in der Geschichte von Braid, in einem anderen Schloss befindet (schon wieder eine Mario-Anspielung). Aber nach dieser ersten Welt, die übrigens eigentlich schon Welt 2 ist, legt Braid erst richtig los.
 
In der kommenden Welt werden nämlich nun die Fähigkeiten von Tim wirklich benötigt. Und was hat Tim für Fähigkeiten? Eine gute Frage, die eine einfache Antwort benötigt: Er kann die Zeit sowohl Vor- als auch
So sieht es aus, wenn wir die Zeit vorspulen.
Zurückdrehen, ähnlich wie in Prince of Persia. Anders als der persische Prinz darf aber Tim die Zeit beliebig lang zurückdrehen, sogar bis zum Anfang des Levels wieder. Diese Funktion ist überlebenswichtig in Braid, denn nur dadurch kann man viele Rätsel lösen. Ein kleines Beispiel gefällig? Der Schlüssel für die andere Seite ist in einer Grube mit gefährlichen Zacken. Man spring mit hinein, schnappt sich den Schlüssel und stirbt. Nun drehen wir die Zeit zurück, Tim lebt wieder und den Schlüssel behält er und man ist wieder an der Kante des Abgrundes. Nun überspringt man die Grube und die Tür öffnet sich auf der anderen Seite, da man den Schlüsse hat. Allerdings funktioniert das nicht immer, denn es gibt auch Gegner und andere Gegenstände die sich von dieser Zeitmanipulation nicht beeinflussen. Daraus ergibt sich am Ende ein Level voller kniffliger Rätsel, die teilweise stark an der Intelligenz des Spielers knabbern. Gegen Ende des Spiels erhöht sich der Schwierigkeitsgrad zunehmend, aber das Spiel bleibt weiterhin lösbar.

Und andersherum!

Aber nur Vor- und zurückspulen bringt es auf Dauer nicht, weshalb es in jeder der Sechs Welten immer eine neue Fähigkeit gibt. So kann Tim schon bald seinem Schatten dazu verwenden, dass jener unsere Bewegungen wieder genau richtig herum ausführt, während wir die Zeit zurückdrehen und Tim im Grunde zurück läuft Dadurch ergeben sich bis zum Schluss wahnsinnig viele knifflige Sachen, wo man teilweise bis zu 20 Minuten an einem Rätsel sitzt.

Rätsel gibt es massig in Braid. Manche sind leichter zu lösen, andere durchaus schwieriger.

Das Level-Design tut sein Übriges. Zwar unterscheidet es sich nicht von Level zu Level extrem, ist aber dennoch wahrlich gelungen. Das auch noch miauende Hasen und Feuerkugeln den Weg kreuzen macht die Sache noch spannender, denn auch solche Sachen muss man in die Rätsel mit einbeziehen.

Kindergrafik? Von wegen!

Wie schon eingangs erwähnt, sieht Braid auf dem ersten und zweiten Blick aus wie von Kinderhand gezeichnet. Jedoch sorgt genau dieser Grafikstil für das Beruhigende und Schöne am Spiel. Zusätzlichen sorgen nette Effekte und Animationen für ein grafisch ansehnliches Spiel, auch wenn man es kaum glauben mag. Theoretisch könnte man sich Braid in einen Rahmen an die Wand hängen und man könnte es dann als künstlerisch wertvolles Bild ausgeben.
 
Auch der Sound ist eher leicht gehalten. Klassische Musikstücke sorgen für Abwechslung in den Leveln und hören sich wunderbar an. Da kann man auch gerne mal träumen…

Ordentliche Steuerung, aber keine Sprachausgabe

Braid lässt sich einwandfrei steuern, besonders wenn ein Xbox 360 Gamepad vorhanden ist. Zwar lässt sich das Spiel auch gut per Tastatur bedienen, aber bei weitem nicht so gut wie mit dem Gamepad. Die Steuerung ist aber leider nicht konfigurierbar.
 
In solchen Textpassagen erzählt Braid seine Geschichte. Eine Vertonung wäre klasse gewesen.

Aber um was geht es denn nun genau in diesem Spiel? Im Grunde stellt Braid eine philosophische Parabel auf die Zeit dar, besonders auf deren Vergänglichkeit und das wir möglichst sorgsam mit ihr umgehen sollten. Doch das ist nur der kleinere Grundgedanke. Besonders das Finale in Welt 1 (die letzte Welt) endet auf einem philosophischen Höhepunkt, wo man auch stark nachdenken muss und zudem bietet jenes Finale viele Interpretationsmöglichkeiten. Leider wird die Geschichte nur über Texte erzählt, eine Sprachausgabe gibt es nicht. Das ist schade, genauso wie schade es ist, dass man Braid nach nur wenigen Stunden durchgespielt hat. Aber dieser Trip wird sich lohnen.

Fazit

Was soll ich noch über Braid sagen? Braid ist ganz einfach ein spielerisches Juwel, das mit einer stark philosophischen Geschichte aufwartet, auch wenn das Grundprinzip die Rätsel und die Geschicklichkeitseinlagen sind. Die Grafik ist einfach nur charmant, die Musik wunderbar und Braid zeigt, dass es doch noch etwas wie innovative Ideen gibt. Zwar könnte man sagen, dass Braid im Grunde „Mario + Prince of Persia“ ist, aber stimmt nicht: Braid ist tiefgründiger und kniffliger. Und der Preis für Braid ist zudem absolute Spitze. Also kaufen!
Razyl 25. Juni 2010 - 21:07 — vor 6 Jahren zuletzt aktualisiert
Jörg Langer Chefredakteur - P - 329354 - 25. Juni 2010 - 21:08 #

Schöner Text! Schreibst du noch eine Teasernews?

breedmaster 13 Koop-Gamer - 1501 - 26. Juni 2010 - 0:04 #

Gut geschrieben, wobei man da doch die Unterschiede zu Profis erkennt. Ich bin eigentlich kein Fan von Knoble Spielen dennoch hat mit Braid fasziniert. Die Level sind intelligent zusammengebaut und die Grafik vermitteln einen unglaublichen Charme.
Schön, dass du das Spiel mit nem Test würdigst!

Olphas 24 Trolljäger - - 47203 - 26. Juni 2010 - 6:46 #

Braid ist wirklich ein kleines Meisterwerk. Und wer wirklich 100% lösen will, dem droht bei manchem Rätsel um ein Puzzelteil akute Hirnexplosion. Zumindest ging es mir so. Die Zeitmanipulationen einzuplanen und dabei mit zu bedenken, was sich davon beeinflussen lässt und was nicht ist manchmal ganz schön verwirrend. Aber ich hab selten so ein Erfolgsgefühl bei einem Spiel gehabt wie in Braid, als ich endlich alle Teile gefunden hatte.

Blair 10 Kommunikator - 356 - 26. Juni 2010 - 15:06 #

Wenn dir schon bei den Rätseln um die Puzzleteile das Hirn explodiert, solltest du lieber nicht erfahren, dass im gesamten Spiel noch acht Sterne versteckt sind, die ein leicht alternatives Ende freischalten.
Die sind aber nochmal auf einem ganz anderen Rätsel-Niveau als die normalen Level, da reicht es nicht, einmal um die Ecke zu denken, nein, man muss echt schauen, wie man seine Fähigkeiten eigtl. nahezu missbrauchen kann, um an sonstewas für Stellen im Level zu kommen.

VisionGamer 10 Kommunikator - 418 - 26. Juni 2010 - 9:15 #

Sehr schöner Artikel. Leider bin ich mit dem Spiel auch nicht warm geworden, weil manche Rätsel echt nicht zu erschließen waren. Als ich mir dann die Lösungen angeschaut hatte, hab ich nur ein blödes Gesicht gemacht "Öhm, ja, alles klar." :D

Henry Heineken 15 Kenner - 3569 - 26. Juni 2010 - 10:21 #

Sehr schöner Test!

Bernd Wener 19 Megatalent - 13635 - 26. Juni 2010 - 11:01 #

Kann mich dem Fazit nur anschließen. Auch wenn es in Braid viel um die Zeit geht, ist das Spiel an sich einfach nur zeitlos genial. Ich fühlte mich beim Spielen von Braid tatsächlich mal wieder an die Zeit erinnert, als noch neue Genres geschaffen wurden. Auch wenn es natürlich seine Jump'n'Run Anleihen hat, ist es doch irgendwie etwas Neues. Absolut empfehlenswert.

Hoschimensch 14 Komm-Experte - 2046 - 26. Juni 2010 - 12:54 #

Braid ist wirklich sehr schön aber auch, meiner Ansicht nach, ziemlich schwer. Habe ich selten, dass ich auf Arbeit mir den Level gezeichnet habe und drüber nachgegrübelt hab wie ich ihn lösen kann. Das Spiel sollte jeder mal ausprobiert haben.

Sciron 19 Megatalent - P - 16097 - 26. Juni 2010 - 15:31 #

Ich finde das Braid einen der besten "Twists" der Spielegeschichte hat. Das Ende bleibt dadurch auf jeden Fall unvergesslich.

Die versteckten Sterne hab ich mir bisher erspart. Selbst mit ner FAQ is mir das teilweise echt zu mühselig. Hab mir das alternative Ende halt bei Tube angekuckt. Is aber auch nicht unbedingt "besser" als das Original-Ende.

Tassadar 17 Shapeshifter - 7758 - 27. Juni 2010 - 0:15 #

Also man sollte schon noch erwähnen, dass es zum einen noch zusätzliche Herausforderungen gibt, in denen man bestimmte Levels in einer bestimmten Zeit schaffen muss, was nur möglich ist, wenn man sich noch mal sehr intensiv mit den Levels beschäftigt und Abkürzungen sucht. Dadurch kann man sein Hirn noch mal fordern. Und es gibt, wie weiter oben schon erwähnt noch zusätzliche Sterne zu finden, diese sind dann vom Schwierigkeitsgrad her absolut verrückt. Selbst mit einer Komplettlösung ist es immer noch eine sehr große Herausforderung an sie heranzukommen. Wenn man alle hat, wird ein alternatives Ende freigeschaltet.
Auch erwähnt werden sollte, dass man im Epilog nur dann alle Texte zu sehen kriegt, wenn man die "Rätsel" dort löst.
Und was das Thema von Braid angeht, da gibt es zusätzlich auch noch ein sehr konkretes. Wer so fasziniert von Braid ist, wie ich, dem empfehle ich, sich bei GameFAQs oder anderswo noch sowas wie einen Story-Guide anzuschauen. Nur so viel: Zumindest in der englischen Version findet sich ein Zitat einer historischen Person. Damit werden dann auf einmal wieder sehr viele der Texte in einen ganz anderen Kontext gesetzt, was das Spiel nochmal genialer macht.
Insgesamt gesehen ist Braid für mich DAS Spiel, was ich nennen würde, wenn ich ein Beispiel für ein Spiel bringen sollte, das Kunst ist. Meiner Meinung nach ist es das von vorne bis hinten, sowohl Story, als auch Grafik und Musik. Und eines der faszinierendsten Spiele, das ich je gespielt habe. So viele "Aha-Effekte" und so viel Stimulation des Hirns produzierte bisher noch kein anderes.

Faerwynn 17 Shapeshifter - P - 6742 - 27. Juni 2010 - 21:34 #

Es gibt auch Leute, die "fehlende Vertonung" für keinen Kritikpunkt halten, weil sie ohnehin schneller lesen als andere vorlesen und dann die Dialoge immer wegdrücken damit es weitergeht. ;)

soupfairy 04 Talent - 19 - 21. Juli 2010 - 13:42 #

Braid ist wirklich eines der besten Spiele dieses Jahres. Zumindest empfinde ich das so. Die Hintergründe der einzelnen Welten erinnern mich stark an Bilderbuch-Landschaften, wechseln sich aber oft ab. Zudem lenken die Hintergründe während dem Rätseln kaum ab, was wichtig ist, denn bei manchen Rätseln musste ich mir schon ganz schön das Hirn zermartern.
Schade ist wirklich, dass die Dialoge unvertont geblieben sind, was die Atmosphäre zwar nicht ganz vollkommen macht, aber nicht weiter schlimm ist. So muss man sich zumindest nicht über etwaige nervige Stimmen aufregen die der Stimmung mehr schaden als guttun...

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