Freakshow #16

Barkley, Shut Up and Jam - Gaiden User-Artikel

Daeif 3. April 2013 - 15:26 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Hereinspaziert, hereinspaziert! Hier seht ihr die merkwürdigsten Computerspiele der Welt. Ob seltsame Genres, kuriose Szenarien oder einfach nur bodenlos schlechte Machwerke: In dieser Show kommt ihr aus dem Staunen nicht heraus!
Heute, meine geschätzten Sportsfreunde, geht es um Rollenspiele. Erinnert ihr euch noch an die Helden, die ihr mühevoll aufgelevelt habt? Ihr übernahmt so tapfere Heroen wie den namenlosen Helden aus Gothic, Punkfrisurenträger Cloud aus Final Fantasy 7 und... den ehemaligen Basketball-Champion und elffachen NBA-Allstar Charles Barkley? O je, wo bin ich jetzt schon wieder falsch abgebogen ...

Aber es ist wahr. Der Mann, der in seiner Karriere für die Philadelphia 76ers, die Phoenix Suns und die Houston Rockets gedribbelt hat, hat sein eigenes Rollenspiel. Durch seine sportlichen Erfolge und nicht zuletzt seine sympathische Art kann man ihn problemlos mit Spielern wie Michael Jordan oder Shaquille O'Neal gleichstellen. Allerdings schien er nicht ganz so öffentlichkeitsgeil gewesen zu sein wie die anderen beiden. Na schön, er hatte eine Rolle in Space Jam, hat aber nicht gleich eine ganze Schauspielkarriere gestartet wie beispielsweise der „Shaq“, dessen Schauspielkunst uns so glorreiche Filme wie Kazzam oder Steel beschert hat. Zumindest aber konnte er wohl dem Geld von Accolade nicht widerstehen, sodass 1994 der Titel Barkley Shut Up and Jam! entstand. Ein Jahr darauf gabs sogar noch ein Sequel. Um diese Reihe geht es heute aber nur indirekt. Ein Jahrzehnt später schienen sich nämlich einige enthusiastische Hobbyprogrammierer an den Titel zu erinnern und entschieden, eine eigene Version zu erstellen. Und mein Gott, ist diese Version eigen!

Nicht vergessen: Die Original-Barkley-Reihe war fest im Sportspiel-Genre verankert. Doch wie der Untertitel Kennern vielleicht schon verrät, ist Barkley, Shut Up and Jam – Gaiden ein waschechtes Japano-Rollenspiel. Selbst in meiner Phantasie könnte ich mir so einen Genrewechsel nicht ausdenken. Aber schauen wir mal, was das Spiel uns zu bieten hat.

Willkommen in der Post-Cyberpokalypse

Nicht etwa Ägypten, sondern eine alte Basketballer-Begräbnisstätte sucht ihr im Spiel auf. Wer hätte gedacht, dass der Sport auf einer Hochkultur basiert...
Der Titel ist im Jahr 2053 in der so genannten Post-Cyberpokalypse (keine Ahnung, was das bedeuten soll) angesiedelt. Wir werden in eine düstere Zukunft eingeführt: Graue Umgebung, Kriminelle auf den Straßen, und... Basketball ist verboten! Wir erfahren, dass Charles Barkley, logischerweise der Protagonist des Spiels, vor zwölf Jahren einen so genannten Chaosdunk performt hat, der sämtliche Zuschauer unabsichtlich tötete. So wurde Basketball illegal, die meisten Basketballspieler suchten sich ein Versteck oder wurden getötet. Auch Barkley führt mit seinem Sohn Hoopz (kein Verschreiber!) kein einfaches Leben in „Neo New York“. Dann aber wird alles noch miserabler: Ein weiterer Chaosdunk zerstört fast die ganze Stadt. Hauptverdächtiger ist natürlich Barkley, der jetzt vom „B-Ball Removal Department“, angeführt von Michael Jordan (aka „Son of a Bitch“), gejagt wird.

In diesem Hintergrund beginnt euer Abenteuer. Und eine andere Beschreibung hat die Story auch nicht verdient, denn die Szenarien, die ihr im Verlauf besucht, habt ihr definitiv noch in keinem anderen Spiel gesehen. Beispiel gefällig? Ihr müsst euch unter anderem durch eine alte Begräbnisstätte für Basketballer kämpfen, trefft auf eine Stadt voll mit zu antropomorphischen Tieren umoperierten Menschen, und besucht eine Insel, die von einem Zuckermonster heimgesucht wird. Das Szenario an sich spielt so häufig auf Basketball an, dass es schon fast schmerzt. Eure Gegner sind etwa Basketballspinnen, Trillerpfeifen oder Zombies, die statt Köpfen, na ja, ihr wisst schon, Basketbälle haben. Auch die NPC-Riege erfreut vor allem Fans des Korbballsports: So begegnet ihr auf euren Reisen Larry Bird, Vince Carter (als Cyborg!) oder den Geist von LeBron James. Seit dem Browserspiel Game, game, game and game again hatte ich nie so stark den Eindruck, dass die Entwickler irgendwelche bewusstseinserweiternde Substanzen genommen haben.

You are a B.A.B.B.Y.

So verrückt ist das Spielsystem immerhin nicht. Das so genannte B.A.B.B.Y.-System (fragt mich nicht, was das Kürzel bedeutet...) lehnt sich an typische japanische Rollenspiele an. Ihr lauft über die Karte, bis ihr sichtbare Gegner erspäht. Schon hier wird der Grundstein für den Kampfverlauf gesetzt: Schafft ihr es, dem Gegner in den Rücken zu fallen, bekommt ihr eine Bonusrunde im Kampf spendiert, ähnlich Spielen wie SaGa Frontier. Das gefällt deutlich besser als die Zufallskämpfe in Final Fantasy.

Beim Kampfmodus, der rundenweise abläuft, könnt ihr euch dann zwischen mehreren Optionen entscheiden. Die scheinen erst einmal simpel wie selbsterklärend: Ihr dürft zwischen Item, Defensive, Flucht, Zauberspruch (übrigens im Spiel „Zaubers“ genannt) und Standardattacke wählen. Doch gerade die Standardattacken, die vermeintlich langweiligste der Optionen, sind es, die dem Kampfsystem eine besondere Würze verleihen. Hinter jedem Angriff eines Charakters verbirgt sich nämlich ein kleines Minispiel. So versucht Barkley, per Freiwurf den Gegner zu schädigen, während Balthios James, Urgroßenkel von LeBron James, seine Gegner mit rhythmischen Tastendrücken niederstreckt. Das System braucht eine Zeit der Eingewöhnung, macht dann aber viel Spaß, weil ihr durch eigenes Können die Gegner besiegt und nicht durch stupides Klicken auf euren mächtigsten Zauberspruch. Einen Haken hat die Sache aber: Taktisch sind die Kämpfe nur selten fordernd. Einige Feinde reagieren auf Balthios' Zaubersprüche unterschiedlich, gegen Gegnermassen eignet sich besonders die Schnellfeuerwaffe von Hoopz, aber sonst reichen Standardattacken für die meisten Widersacher aus. Bei Bossen werden dann halt die dicken Zaubersprüche ausgepackt.

Auch die unterschiedlichen Charaktere sind spielerisch wenig abwechslungsreich. Klar, jede Figur hat ihre eigenen Standardattacken und Zaubersprüche, aber spielerische Tiefe will nicht so recht aufkommen. Immerhin lehnen sich die Charaktere an bekannte Klassen der Rollenspielwelt an: Balthios ist Zauberer, der Cyberdwarf ein Heiler und Tank, Barkley ein klassischer Krieger. Auch außerhalb der Kämpfe werdet ihr nicht viel Zeit in den Charaktermenüs verbringen: Nach Levelaufstiegen verteilen sich eure Stats automatisch, ändern könnt ihr sie nur durch drei Gegenstände, mit denen ihr eure Recken ausrüsten könnt.

Wie aus einem 16-Bit-Guss

Richtig gelesen: Nach der nächsten Fusion wird SquareEnix künftig Waffen herstellen. Hoffentlich auch die Gunblade...
Die Grafik gibt euch das angenehme Gefühl, ihr würdet gerade vor dem Super Nintendo und nicht vor dem PC sitzen. Besonders im Kampfbildschirm sind die Sprites sehr detailliert und nett animiert, Barkley sieht sogar genauso aus wie in der Original-Serie. Für die Weltkarte trifft das leider nicht ganz zu: Zwar sehen auch hier viele Figuren gut aus, bei einigen bekam ich aber den Eindruck, als seien sie hastig mit Paint dahingeklatscht worden. Die Umgebungsgrafik dagegen kann meist die Stimmung des jeweiligen Levels gut wiedergeben.

Ein dickes Plus bekommt das Spiel aber für die Musik, die ich auch nach dem Durchspielen noch tagelang rauf- und runterspielte. Allein das Titellied hat akuten Ohrwurmcharakter und könnte locker die Top 10 der Charts knacken. Freunde des Classic-Rock können sich außerdem etwa ab einem Drittel des Spiels auf einen Bosskampf freuen, der mit einem ganz besonderem Song untermalt ist...

Fazit: Dunk it, baby!

Barkley, Shut Up and Jam – Gaiden ist für mich beinahe ein Sleeperhit unter den Freewarespielen. Klar, dem Kampfsystem würde etwas mehr taktische Finesse nicht schaden, und auch der Charakterausbau könnte umfangreicher sein. Dafür ist das Szenario aber mal richtig bescheuert, die Story saugt euch so sehr hinein, dass ihr immer wissen wollt, wie es weiter geht, und die Technik ist auch fast einwandfrei, insbesondere der Soundtrack. Außerdem ist es für ein Spiel, das ihr völlig umsonst bekommt, mit etwas mehr als zehn Stunden recht lang. Wer sich also im Entferntesten für Basketball interessiert oder einfach nur Lust auf ein abgedrehtes Japano-Rollenspiel hat, sollte sich den Titel in jedem Fall saugen. Obwohl ich schon etwas enttäuscht war, dass der Endgegner im Spiel nicht Godzilla war. Oder Jay und Silent Bob.

Damit schließt die Show für heute. Kommt auch das nächste Mal wieder vorbei, wenn ihr die kuriosesten und merkwürdigsten Titel der Spielwelt erblicken wollt. Ich bin euer Gastgeber Däif und sage euch: Jordan, you son of a bitch!

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Diesmal ist es ganz simpel: Ladet das Spiel einfach und kostenlos von dieser Seite herunter. Keine Haken, Ecken oder Kanten. Den Titel gibt es sogar für Mac-Jünger, nur Pinguine gucken ins Leere.
Daeif 3. April 2013 - 15:26 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Fabes 14 Komm-Experte - 2518 - 3. April 2013 - 16:12 #

Sehr geil, wird getestet!

Name (unregistriert) 3. April 2013 - 18:18 #

"Den Titel es sogar für Mac-Jünger,"
Ein Satz ohne Verb ist kein schöner Satz

ChrisL 30 Pro-Gamer - P - 142716 - 3. April 2013 - 18:43 #

Danke für den Hinweis, ist berichtigt.

Wuslon 18 Doppel-Voter - - 9920 - 3. April 2013 - 20:33 #

Mann, Chris, du hättest nur "Danke für den Hinweis." schreiben sollen :-)

Wuslon 18 Doppel-Voter - - 9920 - 3. April 2013 - 20:41 #

Hab ich sofort runtergeladen, wird demnächst mal angetestet.

Freylis 20 Gold-Gamer - 21784 - 4. April 2013 - 4:55 #

Absolut wissenswerte Schmankerl. Und die Cyber-Post-Apokalypse ist ja einfach nur genial - alte Basketballer-Krypta - moechte mal ein Mainstream Spiel sehen, dass den Mumm hat, so abgefahrene Sachen zu bringen.

Danke, hab's wieder mal sehr gerne gelesen :)

IcingDeath 16 Übertalent - P - 5164 - 4. April 2013 - 7:42 #

Wie passend, aktuell arbeiten die Entwickler ja an folgendem: http://www.kickstarter.com/projects/talesofgames/barkley-2-an-rpg-sequel-to-barkley-shut-up-and-jam ;)

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