Test: Gesunder Größenwahn

The Next Big Thing

Vor über einem Jahr versorgten die Pendulo Studios und Crimson Cow mit Runaway – A Twist of Fate PC-Spieler mit einem sehr guten Point-and-Click-Adventure. Mit The Next Big Thing wollen die Entwickler aus Madrid und der Hamburger Publisher nahtlos anknüpfen und schicken in ihrem neuen Abenteuer wieder ein Pärchen auf Rätseltour.
Philipp Spilker 2. Februar 2011 - 17:07 — vor 3 Jahren aktualisiert
PC
Alle Screenshots im Artikel wurden von uns selbst erstellt, wie bei fast allen Tests und vielen Previews.

von André Hoffmann

Das Jahr 2010 war ein Gutes für Liebhaber der gepflegten Gaming-Knobelei. Die drei Highlights Monkey Island 2 S.E., Lost Horizon und A New Beginning ließen jedes Abenteurerherz höher schlagen. Egal ob abgedrehte Schatzsuche in der Karibik mit Guybrush, mystische Nazijagd in Tibet mit Fenton oder dramatische Erdenrettung mit Fay in Südamerika -- für jeden Geschmack war etwas dabei. Aber auch 2011 lässt sich nicht lange bitten, sondern gleich zu Beginn die Adventure-Muskeln spielen. Auf der einen Seite buhlt das düstere Black Mirror 3 (GG-Wertung 8.5)  um eure Gunst, auf der anderen will das abgedrehte The Next Big Thing eure Aufmerksamkeit gewinnen. Ob es sich dabei aber auch wirklich um das namensgebende "nächste große Ding" handelt, haben wir für euch getestet.

In unserem "First15m"-Video zu The Next Big Thing erlebt ihr unkommentiert die ersten 15 Minuten des Spiels.

Monster! Sie sind überall!


Dan Murray ist ein bekannter und beliebter Sportreporter der Tageszeitung Quill ("Schreibfeder"). Statt neben seinem geliebten Boxring zu sitzen und von dort zu berichten, findet er sich allerdings zu Beginn von The Next Big Thing auf dem Anwesen des Horrorfilm-Produzenten William A. FitzRandolph wieder. Und als wäre das nicht schön ärgerlich genug, wurde ihm auch noch die unerfahrene Möchtegern-Investigativjournalistin Liz Allaire an die Seite gestellt. Zusammen sollen sie über die Verleihung des „Todesgockels“, ein Preis für die beliebtesten Filmmonster, berichten. Das ist ungefähr genau so attraktiv wie eine Berichterstattung über das Jubiläumstreffen eines Kaninchenzüchtervereins. Als sie auf dem lang ersehnten Heimweg sind. beobachten sie, wie Big Albert, eines der Film-Monster, durch ein Fenster in das Büro von FitzRandolph einsteigt. Liz wittert die Chance auf eine große Story und startet damit unversehens in ein großes Abenteuer.

Liz bei FitzRandolph, dem Besitzer des Filmstudios MKO.
Die Monster im alternativen Los Angeles der 50er Jahre, das in The Next Big Thing als Setting dient, sind aber nicht etwa verkleidete Menschen, sondern existieren wirklich und sind angesehene Darsteller in Filmen des Horror-Genres. Genannter Big Albert zum Beispiel ist das implantierte Gehirn eines Wissenschaftlers im Körper eines Bodybuilders. Das lässt Platz für weitere skurrile Nebenfiguren, etwa Professor Fly, eine hochintelligente Fliege mit Rauschebart, Frosch-T-Shirt und Drang zum Entwickeln von allerlei merkwürdigen Maschinen. Und dann wäre da noch dessen Assistent, genannt der Poet: Ein Dichter, der unter Einwirkung von unterschiedlichsten Schmerzen Prosa verfasst und optisch einem dicken Oger ähnelt.

Aber auch Liz und Dan sind durchaus skurrile Gestalten. Während Dan gerne einmal zu seinem Flachmann greift, Teile seines Gehalts regelmäßig bei Sportwetten einsetzt, keine Gelegenheit für ein Stelldichein mit Frauen auslässt und nicht müde wird, seinem übergroßen Ego Ausdruck zu verleihen, ist Liz ziemlich durchgeknallt. Neben ihren Selbstgesprächen hat sie, seitdem sie als zweite von drei Drillingsschwestern auf die Welt kam, immer den Drang, nur die Zweitbeste zu werden, vollendet gerne Sätze ihrer Gesprächspartner mit deren Worten, hat einen Mutterkomplex und ist leicht reizbar. Kein Wunder also, dass beide von der ersten Minute an eine innige Abneigung verbindet und sie auch keine Gelegenheit auslassen, sich gegenseitig ihre "Wertschätzung" an den Kopf zu werfen. Erwartet allerdings keine tieferen Einblicke in den Charakter der beiden Protagonisten. Sie sind zwar durchaus eigen, entwickeln sich aber im Lauf der Story kaum weiter. Klischees auf zwei Beinen sozusagen. Auch emotional verharren beide auf Sparflamme.

Schön anzusehen- und zu hören

Dass beide letzten Endes doch zusammenarbeiten hat einen einzigen Grund: Boxkarten. Damit Liz für die exklusive Story, die sie wittert, in das Büro von FitzRandolph einsteigen kann, muss sie Dan nämlich zunächst überreden, den Filmproduzenten abzulenken. Doch Dan lässt sich für diese Bitte nicht so schnell erweichen und so rätselt ihr euch zunächst die nötigen Karten ins Inventar, um sie Dan als Gegenleistung für seine Hilfe anzubieten. Damit ist der Weg für den nächtlichen Büroausflug und Dans Besuch bei der Meisterschaft im Fliegengewicht frei. Dumm nur, dass Liz in Folge ihrer Recherchen mitsamt der Karten verschwindet. Für Dan Grund genug, sich auf die Suche zu begeben: Schließlich geht es um den Kampf des Jahres.
 
Fortan bewegt ihr euch abwechselnd mit den beiden Hauptprotagonisten durch die sechs unterschiedlichen Kapitel des Spiels. So erforscht ihr zum Beispiel neben FitzRandolphs Anwesen samt Forschungsboot auch einen ägyptischen Tempel oder einen Zeppelin. Die gezeichneten, zweidimensionalen Hintergründe sind dabei immer wunderschön, stimmungsvoll und detailreich gestaltet und laden zum Erforschen ein. Auch die in 3D gehaltenen Spielfiguren stehen dem in Nichts nach und integrieren sich dank Cel-Shading-Optik sehr gut in die Umgebung. Etwas besser hätten jedoch die Bewegungsanimationen ausfallen können, die oftmals etwas holprig wirken. Und auch bei den Dialoganimationen wurde nicht das gesamte Potential ausgeschöpft, selten bewegt sich in Gesprächsszenen mehr als der Mund und die Augen der beteiligten Figuren, wodurch solche Szenen unnötig statisch wirken. Die Videosequenzen, welche nicht nur die verschiedenen Spielkapitel verknüpfen, sondern auch in kürzerer Form hin und wieder auftauchen, sind da gelungener. Weiche Bewegungsabläufe paaren sich hier mit guten Schnitten. Übrigens wurde sogar jedem Gegenstand, den ihr im Spielverlauf einsammelt, eine kleine Videosequenz gegönnt -- ein sehr ungewöhnliches Feature.
 
Keine Kompromisse kennt The Next Big Thing auch beim Ton. Die Synchronstimmen sind durch die Bank weg professionell besetzt und tragen so zur gelungenen Atmosphäre bei. Wenn Dan, gesprochen von Ole Jacobsen (Grunt in Mass Effect 2), süffisant den Macho heraushängen lässt oder Liz, gesprochen von Celine Fontanges (Bastila Shan in Star Wars - Knights of the Old Republic) nach einem kurzen Selbstgespräch wieder auf die Unterhaltung mit ihrem eigentlichen Gesprächspartner zurückkommt, nehmen wir ihnen das ab. Einzig für Big Albert hätten wir uns eine tiefere Stimme gewünscht. Hinzu kommt noch die fast immer gute Lippensynchronität. Pluspunkte gibt es auch für die abwechslungsreiche Hintergrundmusik, die sich je nach Situation passend ändert. Während wir aus FritzRandolphs Villa gedämpfte Tanzmusik der After-Show-Party hören, wechselt sie zu einem schwermütigen Geigenstück, sobald wir mit einem depressiven Roboter, der für die Landschaftspflege des Anwesens zuständig ist, reden. Kenner der alten Lucas-Arts-Adventures wird diese Dynamik an das legendäre iMuse-System erinnern -- nicht die schlechteste Referenz.

Big Albert (ein implantiertes Wissenschaftlergehirn im Körper eines Bodybuilders) in einer der sehr guten Cut-Scenes.
Green Yoshi 19 Megatalent - 15435 EXP - 2. Februar 2011 - 22:32 #

Ich mag die Pendulo Spiele, das Spiel wird zum Budgetpreis gekauft, erst Mal will Runaway 3 zu Ende gespielt werden.

Faxenmacher 15 Kenner - 3713 EXP - 3. Februar 2011 - 2:27 #

Finde dieses Spiel trotz der kurzen Spielzeit bis jetzt sehr gut. Mal sehen, vielleicht nicht zum Release aber kurz danach (10 bis 15€ billiger) ;).

Ganon 20 Gold-Gamer - Abo - 22384 EXP - 4. Februar 2011 - 18:24 #

Die genannten Kritikpunkte erinnern mich stark an Runaway 3. Anscheinend wurde die Engine seitdem nicht verbessert (statische Gesprächsanimationen, umständliche Hotspotanzeige) und es ist auch wieder sehr kurz... Aber das Szenario sieht schön abgefahren aus. Werde die Demo mal ausprobieren, aber es klingt soweit nach einem zukünftigen Budget-Kauf.

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Klassisches Adventure
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Pendulo Studios
Crimson Cow
04.02.2011
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6.8
MacOSXPC
Amazon (€): 4,99 (PC)
Gamesrocket (€): 17.95 (Download) 15.26 (GG-Abonnenten)
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