Nicht von schlechten Eltern

The Journey Down Test

Das Jahr ist nicht einmal zur Hälfte rum und doch konnten Genre-Fans 2012 schon einige sehr hochwertige Adventure-Kost genießen. In diese Riege möchte sich nun auch das Indie-Adventure The Journey Down einreihen, mit ungewöhnlichen Helden, Humor und einer sehr schönen Grafik im Gepäck. Wir haben für euch getestet, ob ihm das gelingt.
Philipp Spilker 31. Mai 2012 - 18:00 — vor 4 Jahren aktualisiert
Alle Screenshots stammen von GamersGlobal.

Für ihr Episoden-Adventure The Journey Down haben sich die Entwickler des Indie-Studios Skygoblin die Messlatte mit einem ihrer Vorbilder im Geiste schon im Vorfeld äußerst hoch gelegt. Die Gesichtszüge der Charaktere im Spiel sind nämlich von dem LucasArts-Klassiker Grim Fandango inspiriert, der von vielen Genre-Fans nicht zuletzt aufgrund seines höchst ungewöhnlichen Settings immer noch in hohen Ehren gehalten wird. Auch der Skygoblin-Kreative Theodor Waern bezeichnet sich als ein Fan von Tim Schafers Abenteuer. Dass er sich damals mit dem in der Totenwelt gestrandeten Manny Calavera und seinem Knochengesicht so gut identifizieren konnte, führt er vor allem darauf zurück, dass die Entwickler bei LucasArts eben nicht versuchten, die Charaktere möglichst echt und aufwändig aussehen zu lassen, sondern sich stattdessen ganz darauf konzentrierten, die Gesichter aufs Wesentlichste zu beschränken und sie emotional ausdrucksstark zu gestalten.

Im Episoden-Adventure The Journey Down soll nun das gleiche Kunststück gelingen, und zwar dem Vorbild von Masken der afrikanischen Chokwe- und Makonde-Stämme folgend. Diese dienen als Grundlage für die Gesichtszüge der ungewöhnlichen Helden im Skygoblin-Spiel und sollen dabei behilflich sein, der virtuellen Welt und ihren Einwohnern eine ganz eigene Note zu geben. Doch damit genug der Theorie. Ob ihnen dieses auf dem Papier vielversprechend klingende Vorhaben auch in der Praxis gelingt und ob die erste Episode auch abseits vom Visuellen Spaß macht, haben wir im Test gründlich untersucht.
In dieser Nahaufnahme gut zu erkennen: Die von afrikanischen Masken inspirierten Gesichtszüge der Charaktere.

Was nicht passt, wird passend gemacht
Wir lehnen uns weit aus dem Fenster und behaupten: Dieser Mensch ist böse. Wahrscheinlich sogar sehr.
Bwana und Kito, die äußerst unfreiwilligen "Helden" des Spiels, sind die Inhaber einer völlig heruntergekommenen Tankstelle nebst Charterflugzeug-Service im abgelegenen Hafendistrikt der Metropole St. Armando. Schon seit Ewigkeiten haben sie keinen Kunden gehabt, ihr Flugzeug ist eine einzige Bruchbude und zu allem Überfluss wechselte vor kurzem auch noch ihr Stromanbieter, der im Gegensatz zum Vorherigen wenig Kulanz bei nicht rechtzeitig eintreffenden monatlichen Zahlungen zeigt und ihnen daher kurzerhand den Strom abdreht. Ein wenig erbauliches Leben also, das nicht weniger stressig wird, als eines Abends eine Forscherin namens Lina bei ihnen auftaucht. Sie ist auf der Suche nach einem Buch, das sich auf dem Dachboden der Beiden befinden könnte. Als sie es dort tatsächlich findet, hat sie es plötzlich sehr eilig und möchte sofort einen Flug mit dem Charterflugzeug buchen, da sonst bald große Gefahr drohe.
 
Im Großteil des ersten Kapitels seid ihr daher damit beschäftigt, auf alle mögliche – und unmögliche – Art und Weise einen Propeller, zwei Triebwerke und eine Steuermöglichkeit für das uralte Charterflugzeug aufzutreiben. Nebenher aber werdet ihr auch weiter in die spannende Hintergrundgeschichte eingeführt. Sie dreht sich vor allem um die sagenumwobene Unterwelt. Die befindet sich unterhalb der offenbar scheibenförmigen Heimatwelt (Terry Pratchett lässt schön grüßen), in der Bwana und Kito leben. Wenn man über den Weltenrand hinüber schaut, kann man sie im Dunst erahnen, doch seit kurzem ist jeglicher Aufenthalt an eben diesem Weltenrand strengstens untersagt. Irgendetwas scheint in der Unterwelt, die wenige Jahre zuvor noch Thema schillernder Sagen war, die man seinen Kindern erzählte, vorzugehen. Wird hier politisch etwas vertuscht? Und hat das plötzliche Verschwinden des Ziehvaters von Bwana und Kito vor einigen Jahren etwas damit zu tun? Wir finden das Setup des größeren Story-Arcs von The Journey Down sehr gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass die Geschichte in folgenden Episoden auch das einlösen kann, was sie zum jetzigen Zeitpunkt mit den vielen offenen Fragen verspricht. Potential ist vorhanden, jetzt muss es nur genutzt werden.

Hmm, irgendwoher kenn' ich dich...
Eines der neuen Rätsel aus dem HD-Remake: Wir sind in einem Kühlraum eingeschlossen. Wie entkommen wir?
Falls euch der Name The Journey Down oder die oben beschriebene Hintergrundgeschichte seltsam bekannt vorkommt, hat das einen einfachen Grund: Es gibt das Spiel schon seit längerer Zeit in einer etwas abgespeckten (aber ebenfalls sehr gelungenen) Freeware-Variante, die ihr auch jetzt immer noch kostenlos spielen könnt. Im Gegensatz zu dieser Gratis-Version bringt das kostenpflichtige Remake logischerweise einige Neuerungen mit sich. Die offensichtlichste ist die sehr gelungene, beizeiten an Knetanimationen erinnernde Grafik, die nun hochauflösend daher kommt und sich vor anderen Adventures absolut nicht verstecken muss. Wir waren insbesondere von den tollen (und überhaupt nicht kurzen) Render-Videos angetan, die die Story zwischendrin vorantreiben und in einer Qualität daher kommen, die wir von einem Indie-Adventure nicht unbedingt erwartet hätten. Hier
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hat sich der Entwickler wirklich Mühe gegeben.
 
Außerdem wurden die Rätselketten überarbeitet und sinnvoll erweitert. Griff die Forscherin Lina in der Freeware-Version noch einfach so zum Telefon, um ein wichtiges Gespräch zu führen, müsst ihr nun zunächst einmal dafür sorgen, dass es überhaupt funktionsfähig ist. Auch einige Schauplätze mit neuen Charakteren und Aufgaben wurden hinzugefügt: Wir schätzen den Rätsel-"Mehrwert" des Remakes auf etwa 60-90 Minuten Spielzeit ein. Außerdem wurden die Charaktere, die in der Freeware-Version noch stumm waren, nun allesamt vertont. Diese Vertonung ist in den meisten Fällen gut gelungen, auch wenn man sich an den jamaikanischen Akzent von Bwana und Kito zunächst einmal gewöhnen muss. In einigen Fällen aber hätten wir uns zur Freeware-Version zurück gewünscht. So zum Beispiel bei dem chinesischen Koch, der mit einem dermaßen übertriebenen, stereotypen Akzent vertont wurde, dass es in den Ohren fast ein bisschen weh tut. Ähnliches trifft auf den französischen Türsteher zu, dem wir im Spielverlauf begegnen: Mon Dieu, voulez-vous s'il vous plait machen, dass es ganz schnell aufhört?
Ohne euch zuviel zu verraten: Dieses Schalterrätsel ist enorm witzig und absurd. Wir haben laut gelacht.
Olphas 24 Trolljäger - - 47025 - 31. Mai 2012 - 18:44 #

Davon hab ich ja noch gar nichts gehört! Danke für den Test. Allerdings werde ich hier wohl auf ein irgendwann erscheinendes Bundle warten. Einerseits, weil ich das immer so bei Episodenspielen mache und andererseits - das ist echt mal ein gepfefferter Preis für eine einzelne Episode. Aber auf meine Liste kommt es auf jeden Fall.

Wuslon 18 Doppel-Voter - - 9860 - 31. Mai 2012 - 21:25 #

Das Spiel sieht super aus, du hattes davon ja auch schon im Podcast erzählt. Allerdings sind 13 Euro schon nicht so ganz billig. Mal abwarten, wie es mit weiteren Teilen aussieht.

ronnymiller 12 Trollwächter - 859 - 1. Juni 2012 - 11:26 #

Grim Fandango ist für mich immer noch das beste Adventure aller Zeiten - der Stil von Journey Down hat mich also angesprochen.
Ja, 13 Euro ist nicht billig - aber ich war gestern im Kino und hab 13 Euro für 2 Stunden Avengers ausgegeben. Da kann ich auch 13 Euro für 4 Stunden Journey Down ausgeben, wenn dadurch sichergestellt wird, dass es auch wirklich weitere Episoden gibt.
Danke für den Test - hatte vorher noch nie was von dem Teil gehört und freue mich darauf, Journey Down zu spielen.

icezolation 19 Megatalent - 19180 - 1. Juni 2012 - 17:48 #

Huch, davon hab ich doch mal die pixelige Variante durchgezockt :o

Liest sich alles äußerst erfreulich! Ich werde aber wohl noch abwarten, was da noch weiteres auf uns zukommen mag.

Anonymous (unregistriert) 3. Juni 2012 - 19:59 #

Den Polygonfiguren fehlt es allerdings sowohl an Charme als auch an Proportionen.

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 33861 - 5. Juni 2012 - 16:06 #

Hm, das witzige Schalterrätsel hast du doch im Indie-Podcast schon mal gespoilert. ;-)
Wie auch immer, klingt interessant, aber doch etwas teuer für ein Episoden-Adventure.

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