Oxenfree

Schaurig-schönes Teenager-Drama

Test von Stephan Petersen / 31. Januar 2016 - 14:21 — vor 30 Wochen aktualisiert
Steckbrief
LinuxMacOSXPCPS4Xbox One
Adventure
Point-and-Click-Adventure
nicht vorhanden
12
Night School Studio
Night School Studio
15.01.2016
Link
Was machen ehemalige Telltale-Angestellte, wenn sie ein neues Studio gründen? Natürlich entwickeln sie ein Spiel, in dem es um Entscheidungen und deren Auswirkungen geht. Also alles wie bei Telltale Games? Mitnichten, doch lest selbst, was euch bei Oxenfree erwartet – im offiziellen "Indie-Test des Monats" von GamersGlobal.

Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Oxen…was? Oxenfree! Der Titel des Indie-Adventures bezieht sich vermutlich auf den Ausspruch „olly olly oxen free“, den Kinder im Englischen beim Versteckspiel benutzen. Dem Kindesalter sind die Protagonisten von Oxenfree allerdings weitestgehend entwachsen: Alex, Ren, Jonas, Nona und Clarissa sind Jugendliche, die eine schöne Zeit auf einer Insel namens Edwards Island verbringen wollen.

Heterogene Teenie-Gruppe

Das anfängliche Gespräch am Lagerfeuer verläuft alles andere als vielversprechend.
Die Voraussetzungen dafür sind jedoch nicht die besten. Alex, die wir durch das Abenteuer steuern, hat vor rund einem Jahr ihren Bruder Michael verloren. Daraufhin haben sich ihre Eltern getrennt und ihre Mutter hat neu geheiratet, wodurch Jonas ihr Stiefbruder wurde. Alex‘ Kumpel Ren mag den Neuen nicht sonderlich, weil er gewöhnlich viel Zeit mit Alex verbringt, und er ihn als Konkurrenz empfindet. Tja, und dann hat Ren auch noch ein Auge auf die zurückhaltende Nona geworfen. Clarissa wiederum, Ex-Freundin von Michael, ist ein ziemlich mürrischer Mensch, der Alex nicht ausstehen kann. Das Beziehungsgeflecht ist also alles andere als einfach.

Richtig kompliziert wird es jedoch, als Mysteriöses geschieht. Nachdem ein gemeinsames Spiel einer „Wahrheit oder Pflicht“-Variante am Strand nicht wirklich gut läuft, wollen Ren, Jonas und Alex eine nahegelegene Höhle erkunden. Dort öffnet Alex mit ihrem Radio versehentlich ein Portal. Fortan steht die Insel Kopf – manchmal tatsächlich auch im wörtlichen Sinne. Während die Teenager anfangs „nur“ Stimmen hören, werden die Ereignisse immer bedrohlicher, als Geister erscheinen und… Nun ja, zu viel wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Denn Oxenfree lebt von seiner Geschichte und seinen Charakteren. Und das macht der kleine Indie-Entwickler nightschool studio richtig gut. Die Dialoge sind erstklassig vertont und gut geschrieben, bis auf wenige Ausnahmen, in denen die Gesprächsthemen nicht so recht zur Situation passen wollen. Die Sprecher, allesamt bekannt aus Telltale-Spielen, machen einen tollen Job. Allerdings nur auf Englisch.
 

Dynamisches Dialogsystem

Alex sucht einen Weg durch die Höhle.
Die Charakterentwicklung ist nachvollziehbar und tiefgründig, vor allem aber haben wir einen erkennbaren Anteil daran. Denn das wesentliche Spielelement von Oxenfree sind die Dialoge und Entscheidungen, die wir unter Zeitdruck treffen. Anfangs erweist sich das als ziemlich hektisch, da das Dialogystem dynamisch ist. Wenn einer der Freunde redet, ploppen plötzlich zwei bis drei Sprechblasen auf, in denen sich unsere Auswahlmöglichkeiten befinden. Nun haben wir einen kurzen Moment Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Das Tempo dabei ist rasant, insbesondere in „Gruppengesprächen“. Clarissa sagt etwas, Nona antwortet, Ren macht eine Anmerkung, eine Sprechblase ploppt auf und wir haben nur zwei Sekunden Zeit für eine Entscheidung.

Während wir über die „richtige“ Auswahlmöglichkeit grübeln, geht das Gespräch derweil munter weiter – auch wenn wir zu spät klicken oder absichtlich keine Antwortmöglichkeit auswählen. Entscheiden wir uns für eine Antwort, fällt Alex damit je nach Situation jemandem ins Wort oder lässt ihn erst noch ausreden. Kurzum: Wir können nicht nur durch unsere Antworten Einfluss auf die Gespräche nehmen, sondern auch durch unser Nicht-Handeln. Das ist stark, weil es authentisch und viel realistischer als die Dialogsysteme der meisten Spiele wirkt, in der alle Welt ehrfürchtig auf die Antwort Ihrer Heiligkeit (aka des Spielers) wartet. Konsequenzen haben jedenfalls alle unsere Handlungen. Vielleicht hätte jemand noch einen interessanten Hinweis gegeben, wenn wir das Gespräch nicht in eine andere Bahn gelenkt hätten? Vielleicht entsteht aber ein Konflikt, wenn wir nicht einschreiten? Vielleicht …
Das dynamische Dialogsystem ist anfangs ungewohnt, überzeugt aber auf Dauer und ist eine große Stärke des Spiels.

Entscheidungen und Auswirkungen


Sicher, anfangs wirkt das Dialogsystem von Oxenfree etwas hektisch. Wer nicht über solide Englischkenntnisse verfügt, dürfte schnell verloren sein. Aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit macht es einfach nur Spaß, sich derart lebensnah zu unterhalten. Zudem seid ihr später meistens zu zweit unterwegs. Insbesondere der Abschnitt mit Nona ist sehr beruhigend, vorausgesetzt natürlich, eure Entscheidungen führen euch dorthin.

Konsequenzen haben unsere Handlungen auf Alex, die anderen Teenager und ihre Beziehungen zueinander. Wenn das geschieht, taucht während der Konversation ein Symbol des Kopfes der entsprechenden Person auf. Die Ergebnisse dieser Entscheidungen scheinen – so zumindest unser Eindruck – addiert zu werden. Sprich: Die Beziehung zwischen zwei Personen beeinflusst ihr nicht durch eine, sondern mehrere Entscheidungen in die eine oder andere Richtung. Am Schluss erhaltet ihr dann wie bei Telltale-Spielen eine Zusammenfassung und einen Vergleich mit anderen Spielern. Allerdings gibt es hier mehr mögliche Varianten als von Telltale gewohnt. So gehörten wir etwa zu den relativ wenigen zwölf Prozent, die es geschafft haben, … – nein, auch das wird natürlich nicht gespoilert.

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Wenn eine Handlung Auswirkungen auf einen Charakter hat, wird ein entsprechendes Symbol eingeblendet.
Jörg Langer Chefredakteur - P - 317186 - 31. Januar 2016 - 14:24 #

Viel Spaß beim Lesen!

RobGod 14 Komm-Experte - 2325 - 31. Januar 2016 - 14:29 #

Ach freut mich das, hier einen Test zu Oxenfree lesen zu können :)
Und dass es gut geworden ist, gleich zweimal :)

Slaytanic 22 AAA-Gamer - P - 31081 - 31. Januar 2016 - 15:40 #

Interessant, habe es gleichmal in die Steam-Wunschliste aufgenommen.

andreas1806 16 Übertalent - 4077 - 31. Januar 2016 - 17:59 #

Ui, gleich mal lesen, danke für den Test

Drapondur 23 Langzeituser - - 43494 - 31. Januar 2016 - 18:55 #

Werde es auch mal auf die Wunschliste setzen.

Unregistrierbar 16 Übertalent - P - 4403 - 31. Januar 2016 - 18:59 #

Sehr ästhetisch, das allein schon weckt mein Interesse.

mrkhfloppy 21 Motivator - P - 29639 - 31. Januar 2016 - 20:15 #

Das Dialog-System klingt interessant, anderseits mag ich den Zeitdruck nicht. Eine Zwickmühle, die ein Sale vielleicht lösen wird. Ein schöner Test!

contraspirit 11 Forenversteher - 588 - 1. Februar 2016 - 1:22 #

Das größte Problem dieses Pseudo-Spiels ist derzeit der Preis von 20€. Die sind die vier Stunden einfach nicht wären, zumal diese Zeitspanne sich vermutlich ohne die etwas nervigen Laufwege und das schnarchige Lauftempo noch einmal halbieren würde.
Schön sind die Dialoge, die von fantastischen Sprechern eingesprochen wurden, welche die zu vermittelnden Gefühle stets hervorragend wiedergeben. Überhaupt sind die Charaktere und was mit ihnen zusammenhängt die vornehmliche Stärke des Titels. Auch die Atmosphäre stimmt, wohingegen mich die Story eher verwirrt als begeistert hat, hab's aber auch nur einmal durchgespielt. Schön wäre es, wenn man einem Titel wie Oxenfree in der Zukunft auch etwas spielerischen Gehalt verpassen würde. Ein paar schöne Jump'n Run-Passagen böten sich aufgrund der Perspektive geradezu an.

akoehn 14 Komm-Experte - P - 2541 - 2. Februar 2016 - 7:18 #

Einmal alleine ins Kino gehen kostet auch schon 11-13 Euro. Da ist die Unterhaltungadauer deutlich geringer und man hat hin und zurück auch ein schnarchiges Lauftempo ; -)

Ich kaufe mir zur Zeit gezielt Spiele mit kurzer Spielzeit, da nur bei denen eine Chance besteht, sie in unter einem halbem Jahr durchzuspielen.

contraspirit 11 Forenversteher - 588 - 3. Februar 2016 - 13:38 #

Für 11-13€ gehe ich aber auch nicht ins Kino. Zumal ich hier als Vergleich eher andere Spiele sehe. LIFE IS STRANGE z.B. kostete auch nie mehr als 20€ für alle Episoden und bietet dabei sowohl deutlich mehr Spiel, deutlich mehr Umfang und deutlich aufwändigere Präsentation.

Sven Gellersen Community-Moderator - P - 19519 - 1. Februar 2016 - 10:51 #

Klingt richtig gut. Ich warte auf die PS4-Fassung, die zum Glück bereits bestätigt wurde.

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