Tüfteln für den Bruder

Lost Chronicles of Zerzura Test

Die Entwickler von Cranberry haben zuletzt mit den düsteren Adventures Black Mirror 2 und 3 von sich reden gemacht. Jetzt wechseln sie das Setting und schicken einen Wissenschaftler in die Wüste - und erzählen eine spannende Geschichte, die nicht nur Indiana-Jones-Fans und Freunden von Adventures wie Lost Horizon gefallen dürfte.
Tim Gross 1. Februar 2012 - 21:14 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots haben wir selbst erstellt.

Feodor Morales hat sich ganz der Wissenschaft verschrieben. Der leidenschaftliche Erfinder tut nichts lieber, als in seiner Werkstatt zu sitzen und an der Technik von morgen zu arbeiten. Mit seinem Erfindungsreichtum und Verstand hilft er den Menschen seiner Heimatstadt Barcelona, wo er nur kann; zur Zeit arbeitet er mit seinem Bruder Ramon für einen reichen Grafen an einem Fluggerät. Doch als unsere Erfindung vor des Grafen Augen in einen nahen Baum brettert, will der die Kirche über unsere Arbeit informieren, sollten wir nicht binnen einer Woche für funktionstüchtigen Ersatz sorgen. Was daran so schlimm wäre? Ganz einfach, wir schreiben das Jahr 1514 und die katholische Kirche ist alles andere als begeistert von der Wissenschaft – einschließlich seiner vermeintlich blasphemischen Anhänger wie Feodor. 
 
Die Drohung des Grafen, uns bei den Gläubigen zu anzuschwärzen, schreckt Feodor jedoch nicht von seiner Berufung ab. Schließlich ist er Erfinder aus Überzeugung. Das ist auch gut so, denn der messerscharfe Verstand eines Wissenschaftlers wird für Lost Chronicles of Zerzura, dem neuen Adventure der Macher von Black Mirror 2 und 3, dringend benötigt. In klassischer Point-and-Click-Manier rätseln wir uns von Barcelona über das Mittelmeer nach Malta. Schließlich führt uns der Weg nach Tripolis und letztlich ins namensgebende Zerzura, eine geheimnisumwobenen Wüstenstadt. Und das gegen den Widerstand der kirchlichen Obrigkeit, die sich in Form des Großinquisitors und seiner Soldaten personifiziert.
 
Der Zerzura-Mythos ist übrigens keine Erfindung von Cranberry oder Autorin Anne von Vaszary. Zerzura ist ursprünglich der Name einer legendären Oase, die als verschwunden gilt. Also eine Art "Atlantis der Wüste", so wie die Stadt Iram, die Gegenstand von Naughty Dogs Uncharted 3 ist. Erstmals erwähnt wurde Zerzura in einem Dokument aus dem 13. Jahrhundert. Passend zum realen Hintergrund haben sich die Entwickler große Mühe gegeben, die Renaissance und den Konflikt zwischen Kirche und Wissenschaft akkurat umzusetzen. Das Unterfangen ist gelungen, und so überrascht es nicht, dass Lost Chronicles of Zerzura kein witziges Adventure im Stil von Monkey Island ist. Trotzdem hat das Abenteuer seine amüsanten Seiten, denn am Ende ist es immer noch ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. 
 
Die Ereignisse überschlagen sich
Unser Bruder Ramon wurde entführt, doch bevor wir ihm helfen können, müssen wir zunächst von Malta wegkommen.
Doch zurück auf Anfang. Nachdem wir mit unserem Fluggerät grandios gescheitert sind, müssen wir uns etwas Neues ausdenken. Dabei ist Eile geboten, immerhin hat uns unser Auftraggeber eine knappe Frist gesetzt. Feodor wäre für jede helfende Hand dankbar. Sein seltsam weißhaariger Bruder Ramon beschäftigt sich allerdings lieber mit einem mystischen Artefakt, das ihm sein Onkel Thabit aus Valencia mitgebracht hat. Auf die Situation angesprochen, entgegnet Ramon nur, dass er uns auf andere Art und Weise helfen würde. Ständig plappert er etwas von unserer Herkunft und irgendwelchen Kristallen. Wir verstehen erst mal nur Bahnhof – oder um Epoche und Setting Rechnung zu tragen Karawanenhalt. Offenbar verfolgt Ramon ganz andere Ziele als Feodor. Also kümmern wir uns lieber darum, den Grafen in die Luft zu bringen. 
 
In der Werkstatt sehen wir uns um und sammeln mit ein paar einfachen Mausklicks Ideen für eine neue Erfindung, die wir im Nu zu Papier bringen. Dann noch schnell die nötigen Teile besorgt – ganz klassisch reden wir mit Leuten aus der Umgebung und kombinieren Gegenstände, um Rätselaufgaben zu lösen – und schon kann der Bau eines neuen Fluggeräts beginnen. Doch kurz bevor wir unser Meisterwerk vollenden können, taucht urplötzlich die Inquisition in Barcelona auf und fällt in unserer Werkstatt ein. Scheinbar haben die Kirche und der fiese Großinquisitor größere Probleme mit der Wissenschaft als wir zunächst angenommen haben. Innerhalb kürzester Zeit wird unsere schöne Erfinderstätte komplett niedergebrannt. Doch es kommt noch schlimmer: Soldaten entführen Ramon und der Großinquisitor lässt ihn nach Tripolis verfrachten. Das können wir natürlich nicht einfach geschehen lassen. Und so macht sich Feodor auf, seinen Bruder aus der Gefangenschaft zu befreien. Nicht noch ein Unschuldiger soll auf dem Scheiterhaufen brennen – und erst recht nicht sein eigen Fleisch und Blut. So beginnt das Abenteuer für den blauäugigen Erfinder. Und schnell findet er heraus, dass weit mehr hinter der Sache steckt, als zunächst angenommen. Hat das Ganze vielleicht sogar etwas mit Ramons mystischen Artefakten zu tun?
 
Die Geschichte um den sympathischen Erfinder wird spannend erzählt und wartet immer mit einer neuen, rasanten Entwicklung auf, bevor es dem Spieler langweilig wird. Unterwegs treffen wir auf die unterschiedlichsten Charaktere, die so auch in einem Indiana-Jones-Film hätten auftauchen können. Da wäre beispielsweise die wunderschöne Korsarin Jamila, die mit dem Degen umzugehen weiß, oder der zwielichtige Rafi, der immer einen lockeren Spruch parat hat. Auch entwickeln sich die Charaktere im Laufe der Handlung weiter, und der anfangs etwas unbeholfene, schüchterne Feodor mutiert im Spielverlauf zu einer Mixtur aus Daniel Düsentrieb und Henry Jones Junior. Damit sticht er den unsympathischen Helden aus Black Mirror 2 locker aus, wenngleich sich Feodors Wandel letztlich auch nicht gänzlich bündig darstellt.
Feodor muss aufs Schiff. Der einzige Zugang wird allerdings von einer Fackel erhellt und die Soldaten sind wachsam.

Das Schloss muss weg
Neben einer spannenden Geschichte sind gute Rätsel das wichtigste Standbein eines gelungenen Adventures. Und die Entwickler von Cranberry Production enttäuschen nicht. Die Denkaufgaben sind durchweg nicht sonderlich schwierig, aber auch selten so einfach, dass wir uns einfach zur richtigen Lösung durchklicken könnten. Lost Chronicles of Zerzura liefert dem Spieler über Dialoge mit anderen Charakteren oder das allseits bereitstehende Tagebuch Feodors zumeist genügend Hinweise, womit wir wohl selbst die härteste Rätsel-Nuss ohne allzu viel Mühe knacken würden. Ein weiterer Grund, warum die Rätsel nie frustrieren, ist die wenig offene Spielwelt. Das Spiel schickt euch meist von einem Punkt zum nächsten, mehr als vier unterschiedliche Schauplätze gleichzeitig stehen euch nicht zur Verfügung. Dadurch werden lange Laufwege eingespart, ohne dass die Spielwelt zu begrenzt wirkt, während die hohe Linearität den spielerischen Anspruch auf konstantem Niveau hält.
 
Obwohl ihr oft für längere Zeit an einen bestimmten Schauplatz gebunden seid, gibt es auch einige längere Rätselketten. Ein Beispiel: Wir befinden uns auf einem Schiff und müssen weiter nach unten vordringen. Einen Durchgang haben wir bereits gefunden, allerdings ist es mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Objekte, um es einfach aufzubrechen, gäbe es genug, aber mit dem Krach würden wir die Wachen alarmieren. Also muss eine andere Lösung her. Das wird nicht leicht, denn in unserem Besitz befindet sich lediglich ein herkömmlicher Nagel. Wir schauen uns um und entdecken einen Schraubstock, einen Kamin sowie ein paar Schwefelhölzer, ein Segeltuch und eine Laterne. Das muss doch irgendwie gehen. Nach kurzer Bedenkzeit entschließen wir uns dazu, den Nagel am Schraubstock zu einem Dietrich zurechtzubiegen. Doch im kalten Zustand würde der Eisennagel sofort brechen. Zum Glück gibt es ja noch den Kamin, den wir leicht mit Laterne und Schwefelholz entzünden können. Aber auch der Rauch würde die Soldaten der Inquisition auf uns aufmerksam machen. Deshalb tauchen wir das zuvor erwähnte Segeltuch in Wasser, damit es nicht anbrennen kann, und verstopfen damit kurzerhand den Kaminabzug. Jetzt können wir ungefährdet den Nagel erwärmen, anschließend zurechtbiegen und schließlich das Schloss öffnen.
 
Wir könnten noch weitere Beispiele für gelungene Rätselpassagen geben, bei denen wir uns etwa aus einem Raum herausrätseln müssen oder gar eine Kletteraktion, bei der nicht Geschick, sondern Köpfchen gefragt ist. Trotzdem ist Lost Chronicles of Zerzura nicht durchweg perfekt was die Denkpassagen angeht. Denn nicht immer wissen wir genau, was wir als nächstes tun sollen, selbst wenn uns das Spiel Hinweise liefert. Auch müssen die Rätsel stets in vorgegebener Reihenfolge bewältigt werden, was bisweilen ein wenig lästig ist. Wir entdecken beispielsweise eine Planke und Flachsfasern am Hafen von Barcelona. Beides können wir aber erst mitnehmen, nachdem wir den Auftrag bekommen haben, ein Boot damit zu reparieren. Warum, ist uns nicht ganz klar. Andere Gegenstände können wir schließlich auch direkt mitnehmen. Auch wenn wir noch nicht wissen, wofür wir sie gebrauchen können. Auf diese Weise bleibt immerhin das Inventar die meiste Zeit über besonders übersichtlich – ande
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re Gegenstände schleppen wir hingegen unnötigerweise durch das halbe Spiel. Und immer noch stört uns auch, dass die Hauptfigur uns das Einsammeln von Objekten oft erst dann erlaubt, nachdem Feodor sie wenigstens einmal kommentiert. Für solche Kommentare gäbe es auch die rechte Maustaste, mit der ihr Inventarobjekte untersucht und in ganz seltenen Fällen auch manipuliert. Im Spiel braucht ihr sie aufgrund der Zwangskommentare aber theoretisch fast nie. Das ist zwar irgendwo sehr komfortabel und nicht gänzlich unüblich bei modernen Adventures, es bevormundet den Spieler aber auch sehr.
 
Trotz dieser Kritikpunkte gehören die Rätsel in Lost Chronicles of Lost Zerzura aber zweifellos zu den besseren im Genre. Besonders gut gefällt uns, dass die meisten Aufgaben sehr stark auf den Hauptcharakter Feodor und seinen Hintergrund als Erfinder zugeschnitten sind. Das zeugt von Kontinuität und lässt so manche Aufgabe, die in anderen Spielen leicht konstruiert wirkte, plötzlich sinnvoll erscheinen. Auch Adventure-Profis freuen sich über die Vielfalt und den Einfallsreichtum der Rätsel, wirklich gefordert werden sie dabei allerdings nicht.
 
Von der Idee zur Erfindung

Ein Rätselbeispiel zu Beginn des Spiels zeigt, wie die Entwickler die Denkpassagen auf den Hauptcharakter zuschneiden und Minispiele integrieren. 1 Nachdem wir mit unserem letzten Fluggerät gescheitert sind, muss eine neue Idee her. 2 Dazu schauen wir uns in unserer Werkstatt um und suchen nach passenden Ideen für eine neue Erfindung. 3 In einem Minispiel, das sich genauso wie in Black Mirror 2 auch überspringen lässt, bringen wir unsere Einfälle in die richtige Reihenfolge und bekommen eine Konzeptzeichnung. 4 Zur Umsetzung unseres Plans fehlen uns nur noch die nötigen Teile, die wir von Bewohnern in der Stadt oder 5 von unserem Onkel Thabit erhalten. Danach gilt es nur noch, 6 die Erfindung auch zusammenzubauen. Und voilà: Feodor erfindet mal eben den Heißluftballon, rund 250 Jahre vor den Gebrüdern Montgolfier.

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Tr1nity 26 Spiele-Kenner - P - 73392 - 1. Februar 2012 - 21:23 #

Mal so ganz nebenbei, ich freu mich wieder mehr von Tim hier zu lesen :).

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 1. Februar 2012 - 22:16 #

Das ist aber nett von dir :) Ich werd ja ganz rot ...

samm 12 Trollwächter - P - 965 - 1. Februar 2012 - 21:25 #

Danke für den Test! Immer schön, etwas Neues über Adventures zu lesen, speziell wenn die Story taugt und das Setting recht unverbraucht ist... Etwas Kleines ist mir am Test noch aufgefallen, im Wertungskasten zu Sound und Sprache ist ein rotes Minus vorhanden, obwohl kein Negativpunkt aufgeführt wird.

Kriesing 19 Megatalent - - 14073 - 1. Februar 2012 - 22:38 #

Lost Chronicles of Zerzura steht auf meiner Warteliste. Es gibt zwar ein paar Minuspunkte aber die sind jetzt nicht so schlimm. Deponia war auf Grund des Settings nicht so mein Fall. Also startet für mich das Adventure-Jahr höchstwahrscheinlich mit Lost Chronicles of Zerzura. Danke für den schönen Test.

Asgar 09 Triple-Talent - 257 - 2. Februar 2012 - 0:15 #

Schöner Test.
Ich spiel gerade die Demo und freue mich schon richtig auf das Spiel, obwohl ich es vor einer Woche noch überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.
Macht bisher einen echt tollen Eindruck und die Tests die ich bisher gelesen habe scheinen das ja auch zu bestätigen.

floppi 22 AAA-Gamer - - 32639 - 2. Februar 2012 - 0:28 #

Danke für den Test, das Spiel tauchte noch gar nicht auf meinem Radar auf. Liest sich ja schon recht interessant.

Tassadar 17 Shapeshifter - 7747 - 2. Februar 2012 - 0:31 #

Hm, komisch der Test liest sich eindeutig nach einer 8,5 denke ich. Die genannten Kritikpunkte wiegen doch nicht schwer genug um z.B. im Vergleich mit Deponia gleich einen ganzen Punkt herunterzugehen?

yeahralfi 14 Komm-Experte - P - 1937 - 2. Februar 2012 - 9:06 #

Danke für den schönen Test.

Das Ding ist schon so gut wie gekauft. Grafikstil und Setting finde ich total ansprechend. Im Gegensatz zu Deponia, mit ich nicht so richtig warm werden will. Humor in deutschen Adventures ist ein ganz heikles Thema...

Kantiran 12 Trollwächter - 1176 - 2. Februar 2012 - 10:59 #

Ich finde das Setting auch sehr ansprechend! Und als alter Indiana-Jones Adventure Fan komm ich an dem Spiel wohl eh nicht vorbei :).

RAMMyourLIFE 09 Triple-Talent - 244 - 3. Februar 2012 - 18:22 #

Das Jahr fängt für Adventure Fans richtig gut an. Da mir die anderen Spiele von Cranberry auch gut gefallen haben, werde ich mir wohl auch dieses Spiel zulegen. Das Setting und der Fokus auf die Wissenschaft in der Renaissance gefallen mir sehr gut. Zudem wirkt das Spiel, soweit ich ich das anhand der Screenshots beurteilen kann, sehr atmosphärisch.

Doc Holiday 10 Kommunikator - 412 - 4. Februar 2012 - 18:41 #

Also Screenshot No.4 in der Bilderreihe ist aber mal 1:1 aus "Indiana Jones 4" abgekupfert (oder aber meine Erinnerung spielt mir einen bösen Streich).
Das wird Lucasarts aber gar nicht gefallen, so wie die nach über 20 Jahren immer noch die Daumen auf den alten Schätzen haben... ;-)

Cloud 17 Shapeshifter - 7698 - 6. Februar 2012 - 10:20 #

Fehler:

bei den Gläubigen zu anzuschwärzen

eine geheimnisumwobenen Wüstenstadt

Einen Durchgang haben wir bereits gefunden, allerdings ist es

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