Konservativer Hüpftraum

Giana Sisters: Twisted Dreams Test

Die Giana Sisters kennen ältere Semester noch aus C64-Tagen. Damals erwartete Spieler ein anspruchsvoller Mario-Klon erster Güte. Mehr als ein Vierteljahrhundert später erschien mit Twisted Dreams eine Neuauflage, die nun auch für Konsolen erhältlich ist. Was ist dabei herausgekommen? Ein Mario-Klon erster Güte, und ein bisschen mehr.
Tim Gross 29. März 2013 - 17:47 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Computerspiele haben sich im Laufe der Zeit unglaublich verändert. In den 90er Jahren beherrschten Strategiespiele den Markt wie ein ehrgeiziger Kaiser sein riesiges Reich. Heute erscheinen pro Jahr maximal zwei Großtitel für Taktikfreunde und Einheitenverschieber. Bei den ersten gelungenen 3D-Spielen war es vollkommen ausreichend, einen spaßigen Shooter mit fünf Waffen und coolen Monstern rauszuhauen. Heute kommen Triple-AAA-Actionspiele nur selten ohne tiefgehende Hintergrundgeschichte oder Rollenspielelemente aus.

Ob man die Entwicklung der Spielegeschichte nun gutheißt oder nicht, ist für den vorliegenden Artikel auffallend unwichtig. Denn es gibt Genres, die sich innerhalb der letzten zwei Dekaden mehr oder minder gar nicht verändert haben – und das ist auch gut so! Dazu zählen nicht nur klassische Adventures, sondern insbesondere Jump-and-runs. Auftritt der Neuauflage
Giana Sisters: Twisted Dreams. Die erschien bereits im Oktober 2012 als Download, nun bringt Bitcomposer den Titel als "Sammleredition" für PC auch in den stationären Handel (siehe Kasten) und veröffentlicht ihn gleichzeitig auch via Xbox Live Arcade und PSN. Nicht von ungefähr haben wir uns für diesen Test für die 360er Version entschieden.
 
Kein Klempner-Klon
Die Sammleredition (PC)
Die Great Giana Sisters haben nicht nur den Sprung auf Xbox 360 und Playstation 3 geschafft, sondern auch in den analogen Handel. Ab sofort steht eine Sammlerbox für den Preis von 19,99 Euro für euch bereit. Darin enthalten ist das Hauptspiel mit zwei zusätzlichen Levels, zwei Skins für die Protagonisten, ein Fan-Poster sowie der Spielsoundtrack von Chris Hülsbeck mit 19 Titeln. Das Ganze kostet 5 Euro mehr als in digitaler Form, ein echtes Argument für geduldige Spieler, die bislang nicht zugegriffen haben.
Glaubt es oder nicht, in Giana Sisters: Twisted Dreams lauft und springt ihr von links nach rechts durch einen Level, stets auf der Suche nach dem Ausgang. Fiesen Gegnern könnt ihr dabei auf die Birne springen, gemeinen Fallen hingegen solltet ihr aus dem Weg gehen. Also alles wie beim berühmten italienischen Klempner Super Mario, nur dass ihr Kristalle anstelle von Münzen einsammelt. Alles wie bei Super Mario Bros.? Weit gefehlt. Denn abgesehen vom grundlegenden Spielprinzip, das alle Jump-and-runs gemein haben, ist Twisted Dreams längst kein Klon mehr, wie es beim Original, The Great Giana Sisters, in den 80er Jahren war (weswegen es nicht sehr lange zu kaufen war).

Die Unterschiede zum Nintendo-Maskottchen fangen schon beim Hauptcharakter an, da Giana über zwei Formen verfügt. Bei Variante A kann sie ihren Körper wild herumwirbeln und so durch die Luft schweben, um weit entfernte Punkte zu erreichen. In der alternativen Variante B hingegen verwandelt sie sich lieber in eine gefährliche Feuerkugel, mit der sie nicht nur Gegner niederstreckt, sondern sogar Hindernisse aus Stein zerbröselt. Als kleiner gefährlicher Ball lassen sich auch ganz prima lange, enge Gänge passieren und Geheimräume entdecken. Den beiden Formen wurden auch zwei gänzlich unterschiedliche Welten spendiert, zwischen denen ihr jederzeit wechseln könnt. So schwingt ihr euch bei Variante A durch eine kunterbunte Landschaft, die stellenweise mindestens so knuffig ist wie ein kleines Rudel Hundewelpen. Das Pendant dazu ist eine düstere Halloween-Welt, die nicht weniger schön anzusehen ist. Im Gegenteil, uns gefällt die Atmosphäre darin sogar noch einen Tick besser. 
 
Gemeine Fallen dürfen natürlich nicht fehlen, auch wenn ihr hier eine eher harmlose Gefahr seht.
Hüpfer zwischen den WeltenDamit wären wir auch schon beim wichtigsten Spielelement: dem Wechsel zwischen den beiden Welten, die aber nicht einfach getrennte Levels sind, sondern denselben Levels in zwei Varianten zeigen. Die jeweilige Alternativwelt hält also nicht nur optische Veränderungen parat, sondern bringt noch ganz andere Unterschiede mit sich. So kann es sein, dass in der bunten Welt der Weg durch ein Hindernis (etwa ein imposantes Burgtor) blockiert ist, im düsteren Paralleluniversum aber nicht. Weitere Beispiele sind Plattformen, die für Giana A stillstehen, sich beim Anblick von Giana B aber eilfertig in Bewegung setzen. Oder die Aufzüge, die hier nach oben, dort nur nach unten fahren. Nicht zu vergessen die hungrigen Piranhas, die sich auf der anderen Seite in scheue Schildkröten verwandeln, die sich zudem als Plattformen zweckentfremden lassen.

Die Liste ließe sich noch eine ganze Weile lang fortsetzen, wichtig ist aber nur, dass die
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Entwickler von Black Forest Games diese Möglichkeiten so ziemlich zur Gänze ausschöpfen und euch ein Leveldesign bieten, das seinesgleichen sucht. Es erwarten euch alternative Routen, jede Menge versteckte Geheimgänge und andere Überraschungen. Schon nach kurzer Spielzeit wird der schnelle Wechsel zwischen den Schwestern unglaublich wichtig. Da kommt es nicht selten vor, dass ihr Mitten im Sprung die Form mehrmals ändern müsst, um beispielsweise tödlich-spitze Stalagmiten unbeschadet zu passieren. Nur so und mit einer Prise Querdenkerei arbeitet ihr euch erfolgreich auf den Abspann zu.

Damit das Gehüpfe und Gerenne auf Dauer nicht allzu eintönig wird, erwarten euch hier und da kleine Rätsel, bei denen ihr beispielsweise Kisten verschieben oder Schlüssel einsammeln müsst. Allzu anspruchsvoll sind die zumeist nicht, sorgen aber gelegentlich für schöne Aha-Momente, wie man sie aus Portal kennt: "Ach so geht das!" In späteren Levels dürft ihr auch mal in einer Kaugummiblase durch die Gegend fliegen. Aber selbst ohne Rätsel und Kaugummi kann man jeden, der Twisted Dreams als eintönig bezeichnet, der Hüpfspiel-Blasphemie anklagen.
before
after
... mit nur einem Knopfdruck verwandelt in eine düstere Halloweenwelt, in der dunkle Farben, stachelige Pflanzen und eine verträumte Musik herrschen.
Jörg Langer Chefredakteur - P - 347316 - 29. März 2013 - 18:00 #

Viel Spaß beim Lesen!

Tassadar 17 Shapeshifter - 7807 - 31. März 2013 - 2:44 #

Auch auf dem PC lassen sich die beiden jungen Hüpfer gut steuern. Wer die Möglichkeit hat, sollte dennoch zum Gamepad greifen. -> Diese Aussage ergibt so keinen Sinn. Im ersten Satz wird (zum wiederholten Male bei GamersGlobal) PC automatisch = nur Tastatur bzw. kein Gamepad gesetzt, obwohl das nun wirklich völlig überholt ist, um dann zu sagen, dass man möglichst ein Gamepad benutzen sollte. Warum steht da nicht einfach "Auch mit der Tastatur lassen sich die beiden..." ?

The Eidolon (unregistriert) 29. März 2013 - 18:55 #

Ist es nicht so dass Giana die einzige spielbare Figur ist die ihre entführte Schwester zu retten versucht?

Ernie (unregistriert) 29. März 2013 - 19:23 #

Gute Frage, ich habe das immer so gesehen das Giana und Maria in dem Blauen Wirbel, sozusagen im Traum verschmelzen und die Talente der beiden verschiedenen Schwestern nötig sind um aus der Welt es Drachen zu enkommen.
Das was der Drache da am anfang verschluckt, sieht jedenfalls nicht nach Maria aus.

The Eidolon (unregistriert) 29. März 2013 - 20:18 #

http://www.kickstarter.com/projects/project-giana/project-giana?ref=search

Hier ist die Rede von Punk Giana und Cute Giana.
Also dürfte es recht eindeutig sein dass es im Spiel keine spielbare Maria gibt.

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 30. März 2013 - 9:42 #

Stimmt, das war ein Denkfehler meinerseits, weil im Intro beide Schwestern in den Strudel gezogen werden.

Kenner der Episoden 19 Megatalent - P - 16779 - 30. März 2013 - 15:06 #

Ich habe das bisher eher metaphorisch gesehen. Giana transformiert ihren Albtraum und sichselbst, um die Hindernisse im Traum leichter überwinden zu können. ;)

1000dinge 15 Kenner - P - 3048 - 29. März 2013 - 20:29 #

Kein Spiel für mich, aber es sieht wirklich extrem gut aus und spielt sich gut (habs angespielt).

cdr_tofino 13 Koop-Gamer - 1410 - 29. März 2013 - 21:39 #

Fand die Demo auf der Xbox 360 auch OK, aber die 1.200 Points sind mir momentan noch zuviel. Aber es kommt bestimmte der nächste Sale auf Xbox Live.

DerUnbekannte (unregistriert) 29. März 2013 - 22:07 #

Ist wirklich ein schönes Spiel geworden. Und irgendwie ironisch, dass der damals rotzfreche Mario-Klon heute in Sachen Ideenreichtum und Liebe den Klempner ganz schön an die Wand spielt.

Baran 12 Trollwächter - 826 - 30. März 2013 - 0:16 #

Diese Aussage kann ich nur nachvollziehen, wenn du dich auf die 2D-Marios beziehst.

DerUnbekannte (unregistriert) 30. März 2013 - 11:00 #

Bezieht sich natürlich nur auf die New Super Mario Bros Reihe. ;)

Warwick (unregistriert) 30. März 2013 - 10:12 #

Wie ein anderer User schon sagte: auf die 2D-Marios bezogen mag das ja stimmen, ansonsten spielt GS:TD meiner Meinung nach mehrere Ligen unter den Mario-Qualitäten.

Bei mir war die Luft beim Spielen von GS:TD ganz schnell raus. Am Anfang konnte mich die Grafik und das Wechsel-Feature noch begeistern, aber später fehlt es dem Spiel an Abwechslung, die Level wirken generisch und der Steuerung fehlt der Präzisionsfeinschliff.

Mein aktueller 2D-JnR-König ist immer noch DKCR, welches auch hier zurecht einen sehr guten Test und eine sehr gute Note bekommen hat.

DerUnbekannte (unregistriert) 30. März 2013 - 11:24 #

Gerade die von dir genannten Negativpunkte sehe ich eher bei den aktuellen 2D Marios (und ja, ich meine in der Tat nur die 2D Spiele).
Giana empfinde ich im Gegensatz zu Mario (und besonders DK) sehr exakt in ihrer Steuerung und das freiere Erforschen der Level fühlt sich mitsamt der kleinen Puzzles zumindest abwechslungsreicher an. Eine Ideen-Wundertüte wie DKCR ist es vom Levelaufbau natürlich nicht ganz, hat dafür aber eigene Stärken.

Ach ja, noch ein Wort zum ansonsten gelungenen Review: Der Negativpunkt mit der fehlenden Story und der flachen Charakterzeichnung ist doch wohl ein Witz. Oder bin ich wirklich der einzige, der lieber gar keine Story hat, als irgendwelche Alibi-Handlungen, die nur Zeit verschwenden? Auf "Bowser hat Peach in einen Kuchen gestopft und sie samt diesem entführt" verzichte ich jedenfalls liebend gerne und komme dafür direkt ins Spiel. ;)

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 30. März 2013 - 14:23 #

Der Negativpunkt ist kein Witz. Mir ist eine Geschichte wichtig, und ich bin der Meinung, dass man eine solche auch in einem Jump-and-Run umsetzen kann. Trine 2 habe ich als gutes Beispiel dafür genannt, auch wenn man die beiden Spiele nur bedingt miteinander vergleichen kann. Aber wie im Test auch steht, ist das kein schwerwiegender Kritikpunkt, eben weil es sich um ein Jump-and-Run handelt :)

Tassadar 17 Shapeshifter - 7807 - 31. März 2013 - 2:46 #

Wurde denn jemals ein Mario-Spiel wegen seiner Hintergrundgeschichte hier kritisiert? Denn mehr Inhalt als die von Giana Sisters (also quasi Null) hat die auch nicht.

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 30. März 2013 - 11:26 #

Dass die Level generisch wirken, kann ich so nicht unterschreiben. Es gibt ein paar Versatzstücke, die sich wiederholen, okay, aber für mich ist das alles liebevoll gestaltet. Mag vielleicht Geschmackssache sein, aber die Steuerung als unpräzise zu bezeichnen, ist für mich nicht nachzuvollziehen. Oder spielst du am PC mit Tastatur?

Tassadar 17 Shapeshifter - 7807 - 31. März 2013 - 2:29 #

Habe am PC (mit Gamepad) noch keine präzisere Steuerung in einem Jump'n'Run erlebt. Besser geht es in der Beziehung eigentlich nicht.

Bahamut 13 Koop-Gamer - P - 1599 - 30. März 2013 - 3:46 #

Gutes Spiel, aber warum kommt der Test dazu jetzt erst?

Jörg Langer Chefredakteur - P - 347316 - 30. März 2013 - 22:38 #

Im Oktober hatten wir keine Kapazität frei, und jetzt war ein guter Anlass wegen der neuen Xbox-360-Fassung und der PC-Sammleredition, mit der Twisted Dreams erstmals auch im Handel erhältlich ist.

SirDalamar 14 Komm-Experte - 2035 - 30. März 2013 - 6:55 #

Exzellente Arbeit, Herr Gross. Sie sind ein Meister des geschriebenen Wortes! Chapeau, chapeau!

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 30. März 2013 - 14:24 #

Ich werd ja ganz rot. Aber eine Frage: Hast du getrunken?^^

SirDalamar 14 Komm-Experte - 2035 - 30. März 2013 - 21:16 #

Nicht mehr als sonst.

Karpfenkrapfen (unregistriert) 30. März 2013 - 17:07 #

Hallo, nachdem mein vorheriger Kommentar hier irgendwie vom Sytem geschluckt wurde:

Also erstmal: Klasse Test zu einem schönen Spiel. Endlich mal wieder ein gutes J&R auch für PC. Super Meat Boy war nett, aber mir nachher doch zu schwer und eben doch sehr retro.

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 30. März 2013 - 18:44 #

Dein Kommentar wurde nicht geschluckt, ich hab mich schlicht verklickt :-)

Lipo 14 Komm-Experte - 2119 - 31. März 2013 - 10:29 #

Habe es mir für die 360 gegönnt =)

SaRaHk 16 Übertalent - 4553 - 2. April 2013 - 20:59 #

Woah,ihr seid spät dranne mit dem Test, GG. Hätte ich mir schon viel früher mal gewünscht - stattdessen musste ich mich mit so Seiten wie C-Bild zufrieden geben. :/ (immerhin hat der Fränkel den Test geschrieben, wenigstens etwas)

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 2. April 2013 - 21:04 #

Spät? Quatsch, gerade rechtzeitig zum Erscheinen der Sammeledition und der Veröffentlichung auf 360 und Co. Ist doch logisch ... :)

Kenner der Episoden 19 Megatalent - P - 16779 - 3. April 2013 - 13:12 #

Och, besser spät als nie. Immerhin hat das Spiel es heute morgen sogar ins Leverkusener Lokalradio geschafft. ;)

Doc Bobo 16 Übertalent - P - 5234 - 3. April 2013 - 15:48 #

Ich muss auch sagen dass es schwer, aber meist fair zugeht, jeglicher Mangel an Konzentration jedoch sofort tödlich endet (was auf die Dauer halt etwas anstrengend und wenig spaßig ist...). Einige Passagen kann man nicht auf Anhieb schaffen, da müsste man schon hellsehen und einen Level "auswendig lernen" zu müssen, halte ich für eher schwaches Leveldesign, als im positiven Sinne "herausfordernd" zu sein. Dennoch will ich es 1x durchspielen, denn irgendwie will man es dann doch schaffen, von daher macht der Titel schon einiges richtiges.
BTW: Bin ja definitiv ein Chris H. Fan (Apidya, Jim Power etc..) , aber soooo gelungen finde ich den Soundtrack ehrlich gesagt nicht, dafür hört sich irgendwie alles zu ähnlich an, aber das ist ggf. auch nur Geschmackssache.

Tim Gross Freier Redakteur - 23836 - 4. April 2013 - 11:41 #

Musik ist immer Geschmackssache und lässt sich in so einem Test natürlich nicht wirklich objektiv bewerten. Zumindest kann man nicht abstreiten, dass die Übergänge zwischen den Welten beim Sound sagenhaft gelöst sind.

Doc Bobo 16 Übertalent - P - 5234 - 4. April 2013 - 15:00 #

Da bin ich 100% bei Dir, das ist super gemacht!

immerwütend 22 AAA-Gamer - P - 31845 - 15. April 2014 - 13:25 #

Ich fürchte, dafür bin ich zu alt... die Reaktion lässt halt nach :-/

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