Blitzkrieg 3 Test

Weltkriegs-Taktik der alten Schule

Rüdiger Steidle / 17. Juli 2017 - 15:49 — vor 17 Wochen aktualisiert
Zur RTS-Blütezeit gehörte die Reihe zusammen mit Sudden Strike und Codename - Panzers zu den beliebtesten Taktikspielen mit Weltkriegs-Hintergrund. Kann der dritte Teil nach über zehn Jahren Pause an frühere Erfolge anknüpfen?
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Die Entwicklungsgeschichte von Blitzkrieg 3 ist etwas verworren, aber zum Einstieg unseres Tests einen kurzen Abstecher wert. Sie erklärt nämlich einige Eigenheiten des nach langer Wartezeit dann doch endlich fertigen Produkts.

Ursprünglich warb der dritte Teil der ehrwürdigen Taktikserie mit zwei Schlagwörtern: „Massively Multiplayer“ und (Schock!) „Free-to-play“. Der Fokus sollte auf dem kostenlos zugänglichen Mehrspieler-Part liegen. Für die geplante Solokampagne sowie für diverse Erleichterungen wie schnellere Rangaufstiege sollten Spieler zur Kasse gebeten werden. Nachdem das Konzept allerdings in der Early-Access-Phase permanent in der Kritik stand, änderten die russischen Macher von Nival, seinerzeit auch Schöpfer des Originals, ihren Plan. Nun, fast vier Jahre nach der ersten Ankündigung, steht doch der Einzelspielermodus im Mittelpunkt und von typischen „Free-to-play“-Elementen wie Forschungsbäumen, Erfahrungspunkten und Belohnungen sind nur noch Reste übriggeblieben.


Was machen die Amis in Norwegen?

Wie der Name vermuten lässt und genauso wie seine beiden Vorgänger spielt Blitzkrieg 3 im Zweiten Weltkrieg, genauer: an den Fronten Europas und Nordafrikas. In drei Kampagnen von insgesamt rund 30 Stunden Dauer übernehmen wir das Kommando über die Sowjets, die Amerikaner und die Deutschen, wobei wir alle drei Feldzüge parallel antreten können. Der Verlauf folgt lose historischen Begebenheiten. Wir kämpfen mit der Wehrmacht zunächst in Polen und Frankreich, mit der US-Armee in Nordafrika und mit der Roten Armee in verzweifelten Rückzugsgefechten auf heimischem Boden. Allerdings nehmen sich die Szenariodesigner viele Freiheiten: Der nachgespielte fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz oder die Landung der Amerikaner in Norwegen beispielsweise dürften bei Spielern, die im Geschichtsunterricht aufgepasst haben, für Stirnrunzeln sorgen.

 
Infanterie kann Artillerie übernehmen, die aber nur ein paar Meter weit schießt.
Die verwendete Ausrüstung orientiert sich ebenfalls grob an verbrieften Vorbildern. Anfangs rollen vor allem leichte bis mittlere Panzer, etwa der sowjetische T-70 oder der britische Matilda Mk. II. Später kommen dann die großen deutschen Raubkatzen wie der Tiger oder der Panther zum Einsatz, die Gegenseite fährt zum Beispiel die Tanks der IS-Serie auf. Dabei nimmt es Blitzkrieg 3 mit dem Realismus nur teilweise genau: Ein leichter Spähwagen etwa hat keine Chance, frontal ein schwer gepanzertes Sturmgeschütz zu knacken. Es existiert sogar ein rudimentäres Schadenssystem. Beispielsweise können Kettenfahrzeuge vorübergehend lahm geschossen werden.

Auf der anderen Seite gibt es aber genretypische „Gesundheitsbalken“ und die Reichweiten der verschiedenen Waffensysteme wurden der Spielbarkeit zuliebe extrem beschnitten. Ein typischer Panzer schießt im Maßstab von Blitzkrieg 3 vielleicht 30, 40 Meter weit, Infanterie nur die Hälfte und selbst Artillerie feuert gerade mal über eine Bildschirmlänge.
 

Mit unserer Trupp durch Dick und Dünn

Die diversen Einheiten-Upgrades wirken sich nur geringfügig aus.
Motivierend ist, dass wir unsere Kampfgruppe nach und nach ausbauen und unsere Kerneinheiten von einer Mission in die nächste übernehmen: Fußtruppen, Geschütze und Fahrzeuge. Mit der Zeit verdienen sie Erfahrungspunkte und werden spürbar kräftiger. Glücklicherweise haben Verluste keine dauerhaften negativen Folgen; vor dem nächsten Einsatz werden ausgebrannte Tanks wieder instand gesetzt und selbst Tote stehen wieder auf.

So wächst unser Arsenal mit jedem Gefecht. Für besonders erfolgreiche Schlachten winken besonders seltene, starke Einheiten wie der sowjetische Bunkerknacker KV-2. Darüber hinaus schalten wir durchschlagendere Waffen, kräftigere Motoren und andere Upgrades frei, die aber enttäuschend wenig bewirken; der Forschungsbaum wirkt wie ein nicht zu Ende geführtes Überbleibsel aus den „Free-to-play“-Tagen.
 

Angriffsplan 08/15

Genreveteranen finden in der Kampagne kaum Überraschungen: Mal nehmen wir ein Depot ein und verteidigen es gegen einen anrollenden Gegenangriff, mal durchsuchen wir ein Dorf von Haus zu Haus nach Partisanen. Dann legen wir einen Hinterhalt für einen durchfahrenden feindlichen Konvoi. Angreifen, halten, eskortieren … Missionsdesign wie aus dem Lehrbuch: versiert konstruiert, aber etwas einfallslos. Die meisten Begegnungen dauern nur zehn Minuten oder eine Viertelstunde, es gibt aber auch einige wenige Großeinsätze mit mehreren Phasen und besonders schwierigen Sekundärzielen, für deren Erfüllung die besagten Spezialeinheiten winken.

In diesen Entscheidungsschlachten läuft Blitzkrieg 3 zur Höchstform auf: Ständig brennt es irgendwo, wir müssen unsere Verbände bald hierhin, bald dorthin treiben, und das Oberkommando hält uns mit immer neuen Forderungen auf Trab. Sollten wir in einem Szenario mal nicht perfekt abschneiden, können wir es jederzeit wiederholen, um unseren Fuhrpark zu erweitern. Wir dürfen viele Einsätze aber auch komplett überspringen, wenn wir auf die Belohnungen verzichten möchten. Die spielerische Freiheit haben wir genossen: Oft führen mehrere Wege zum Ziel und geschicktes Taktieren zahlt sich wirklich aus. Eine willkommene Abwechslung zum eingleisigen Missionsdesign vieler jüngerer Genrekollegen!
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Unser sowjetischer KV-2 ist für die deutschen Angreifer ein nahezu unüberwindbares Hindernis.
Jörg Langer Chefredakteur - P - 352204 - 17. Juli 2017 - 15:49 #

Viel Spaß beim Lesen!

Harry67 16 Übertalent - P - 4597 - 17. Juli 2017 - 16:01 #

"der Panzer IV des Genres" Sehr schön :)

Schöner Test, der dann eigentlich doch Lust auf das Spiel macht.
Ist denn mit Addons zu rechnen?

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - 5214 - 17. Juli 2017 - 17:09 #

Der Test sollte Genrekennern auch durchaus Lust machen. Blitzkrieg 3 ist ein wirklich sehr gefälliges Echtzeit-Taktikspiel, aus dem eben mit etwas mehr Arbeit und Innovationskraft nur sehr viel mehr hätte werden können. Dass Addons kommen, glaube ich weniger. Der Titel ist jetzt schon sehr umfangreich und deckt mit seinen drei Kampagnen und Hunderten Einheiten das europäische Szenario weitgehend ab. Eine Pazifik-Erweiterung wäre denkbar, halte ich aber für unwahrscheinlich.

Harry67 16 Übertalent - P - 4597 - 17. Juli 2017 - 17:28 #

Das mit dem großen Umfang hatte ich vor der kritisierten Variationsarmut gar nicht so realisiert. Danke für die Einschätzung!

Q-Bert 14 Komm-Experte - 1969 - 17. Juli 2017 - 17:06 #

Woran liegt es nur, dass bei der doch recht großen Vielzahl an neuen Strategietiteln seit langem kein Titel mehr vollends überzeugen konnte? Mangelt es an Budget, Ideen, begabten Designern?

xthtgek (unregistriert) 17. Juli 2017 - 17:45 #

Alles 3.
Wobei mir recht stark auffällt, dass in der letzten Zeit auch Teams als Heilsbringer hochgefeiert wurden, die schon zur Hochzeit der Echtzeitstrategie nur Mittelmaß hervorbrachten.

Für mich sind weder die Macher von Act of War ein Qualitätssignal, noch Entwickler, die an den späten C&Cs mitgearbeitet haben.

Hanseat 13 Koop-Gamer - P - 1689 - 17. Juli 2017 - 17:07 #

Schöner Test. Das bei den Strategiespielen nach wie vor die KI vernachlässigt wird, verstehe wer wolle. Ich meine grundsätzlich ist das Genre ausgeschöpft, die eigentlich Herausforderung besteht doch darin, zu den bekannten und bewährten Mechaniken eine vernünftige KI zu entwickeln.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - 5214 - 17. Juli 2017 - 17:11 #

Es gab ja schon durchaus Echtzeit-Strategiespiele mit brauchbarer KI. Erinnert sich noch jemand an Conflict Zone? Ist mir ebenfalls schleierhaft, warum modernere Titel da nicht zumindest aufschließen.

Hanseat 13 Koop-Gamer - P - 1689 - 17. Juli 2017 - 17:52 #

Ne Conflict Zone sagt mit gar nix. Muss ich mal suchen.

Namen (unregistriert) 18. Juli 2017 - 8:14 #

Ene wirklich gute KI würde einen großen Teil der potentiellen Spieler überfordern.
Eine gute KI hat schon damals einen großen Teil der Spieler überfordert. Nur sind heute Gedult und Lernwille wesentlich weniger stark ausgeprägt.

Warum sollten die Entwickler sich also selbst ihr Grab schaufeln.

Michel07 14 Komm-Experte - P - 1855 - 17. Juli 2017 - 17:16 #

Schön zu lesen, aber kleiner Fehler:
"Mit unserer Trupp durch Dick und Dünn" hört sisch hessisch an.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - 5214 - 17. Juli 2017 - 17:24 #

Ei guude, wie?

Hyperlord 15 Kenner - P - 3997 - 17. Juli 2017 - 21:43 #

Wo meschstn hie?

Danke für den Test! Geht da was mit Modding?

Michel07 14 Komm-Experte - P - 1855 - 17. Juli 2017 - 17:35 #

Gruss aus Rüdesheim an den Rodgau Monotones Kenner!

Tasmanius 16 Übertalent - P - 5692 - 17. Juli 2017 - 19:09 #

Super Test, danke!

xan 16 Übertalent - P - 5004 - 17. Juli 2017 - 19:35 #

Schöner Test, langweiliges Spiel.

malkovic 14 Komm-Experte - P - 1924 - 18. Juli 2017 - 10:32 #

Ich schließe mich an. Wieder mal ein sehr gut lesbarer Test von Rüdiger, der mir allerdings diesmal ein wenig ratlos scheint, was die Quali des Spiels betrifft. Daraus ergibt sich für mich die Meta-Botschaft: Todlangweiliges Game von der Stange, Finger weg :)

Titus-X 14 Komm-Experte - P - 1884 - 18. Juli 2017 - 13:10 #

Gut ausgedrückt.

anthraxsn 06 Bewerter - 54 - 17. Juli 2017 - 19:58 #

schöner test

Aladan 23 Langzeituser - - 39635 - 18. Juli 2017 - 5:39 #

Klingt gar nicht mal so schlecht. Vielleicht.. Irgendwann in der Zukunft.. Wer weiß.. ;-)

Jadiger 16 Übertalent - 5394 - 18. Juli 2017 - 22:10 #

Bis jetzt habe ich noch kein Echtzeitstrategie Spiel gesehen das an Men of war 2 rankommt.
Das ist leider immer noch der Maß aller WW2 Spiele. Voll Zerstörbare Umgebung, Panzer mit wirklichen Panzerung Modellen, Modul schäden, Soldaten haben ein Inventar sowie Fahrzeuge mit Munition und Sprit.

Wer sowas sucht sollte sich das unbedingt ansehen.

Harry67 16 Übertalent - P - 4597 - 19. Juli 2017 - 6:46 #

Wenn man die Fummelei mag, warum nicht?

Nagrach 14 Komm-Experte - 2328 - 19. Juli 2017 - 9:07 #

Fehler auf Seite 2: "Bevor wie sie in Sicherheit bringen"
Sollte wohl eher "wir" heißen.

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