Von System Shock bis Bioshock 2

Moral und Ethik in der Shock-Serie Report

Kleiner Psychotest: Seht ihr ein Mädchen, das Schutz benötigt -- oder eine eiskalte Leichenfledderin?

Bioshock: Survival of the Fittest

System Shock erlangt seine Einzigartigkeit vorrangig durch SHODAN, die als permanent gegenwärtige Reizfigur auftritt. Mehr noch, identifizieren sich die Titel derart stark mit ihr, dass ein System Shock ohne SHODAN im Grunde nicht denkbar wäre. Vielleicht erscheint es daher schlicht ungerecht, Bioshock an ihnen zu messen. Der Vergleich lohnt allerdings trotzdem: Die Bezeichnung des spirituellen Nachfolgers trägt das Abenteuer in Rapture zweifellos zu Recht. So lassen sich nicht nur viele elementare Motive sowie Anspielungen auf die alten Spiele wiederfinden, sondern auch große Parallelen in der Handlung. Ähnlich wie in System Shock 2 öffnet sich in der zweiten Hälfte des Spiels ein kompett neuer Handlungszweig, nachdem wir zuvor unter Anleitung eines vermeintlichen Rebellenführers das gefallene Paradies namens Rapture seines rechtmäßigen (wenn auch moralisch fragwürdigen) Prinzipals entledigt haben. Dieser ließ die Stadt unter Wasser in der Absicht erbauen, im Einklang mit fortschrittlichster Technologie und Forschung ein menschenwürdiges und von staatlichen Doktrinen unabhängiges Leben zu ermöglichen. Doch diese Vision wird bald zum Albtraum. Die dauerhafte Vereinbarkeit von Natur und Technik, von Menschenwürde und Schaffung des "neuen Menschen" ist auch hier unten nicht möglich.

In beiden Teilen von System Shock nimmt der Spieler eine deutliche Position im Machtkampf zwischen Mensch und Maschine ein, Bioshock dagegen verzichtet auf eine derartige Fixierung. Statt einer künstlichen Intelligenz haben wir es ausschließlich mit humanoiden Gegenspielern zu tun. Ob es die Splicer sind, denen die mysteriöse Substanz Adam die Menschlichkeit in Aussehen und Verhalten genommen hat, oder die eigentlichen Antagonisten, der Mensch ist hier des Menschen Feind.
Moralische Fragen bietet auch Bioshock zuhauf. Da wäre zum einen eure ständige Konfrontation mit den Hintergründen des Bürgerkriegs der beiden Fraktionen in Rapture (die ihr wiederum durch "Audiologs" nach und nach erfahrt) -- unweigerlich versucht etwas in euch, zu entscheiden, welche der beiden Seiten "im Recht" ist. Zumal ihr nicht wirklich sicher sein könnt, welcher der beiden Seiten ihr nun eigentlich helft, und ob ihr damit das Richtige tut.

Zum anderen schafft es das Spiel (zumindest bei vielen Spielern), euch auch ganz direkt mit eurem inneren Schweinehund zu konfrontieren. Und zwar über das Stilmittel der Little Sisters. Diese kleinen Monster in Mädchengestalt (die auch aus echten Mädchen hervorgegangen sind) durchstreifen Rapture auf der Suche nach der Substanz Adam, die sie aus "Engeln" gewinnen. Ersetzt Adam mit Blut und Engel mit Leichen, und das Ganze klingt schon etwas garstiger. Als ihr zum ersten Mal einer Little Sister direkt begegnet, wird das höchst anrührend dargestellt, aus dem Monster wird vor eurem inneren Augen das kleine Mädchen, das es vielleicht einmal war. Und nun stellt euch das Spiel vor eine Entscheidung: Ihr könnt die Little Sister "ernten", also an das in ihr gespeicherte Adam herankommen, und so massive Vorteile im Spiel erhalten -- oder darauf verzichten, und sie leben lassen. (Dass sich die zweite Variante spielmechanisch kaum negativ auswirkt, weil das dann fehlende Adam anderweitig kompensiert wird, wisst ihr in diesem Moment nicht). Ihr steht also vor der Frage: Verhalte ich -- der Held im Spiel -- mich wie ein Kindermörder, oder nehme ich -- der Spieler -- negative Konsequenzen inkauf. Ein großartiger Moment, wie ihn nur wenige Spiele bieten.

Auch die symbiotische Beziehung zwischen Little Sisters und Big Daddys verdient nähere Betrachtung. Ihr begegnet beiden niemals allein, sondern als Duo. So ein riesenhafter, schwergepanzerter, großkalibrig bewaffneter Big Daddy würde uns in jedem anderen Spiel sofort attackieren. Einfach, weil dies das Wesen von Computerspielen ist. Nicht so in Bioshock: Verhalten wir uns friedlich und bleiben dem Duo fern, lässt uns der wandelnde Tiefseetauchanzug in Ruhe. Es ist ein wundersamer Anblick, wie beide an einem vorbeilaufen. Wenn sie dann von Splicern attackiert werden, die das Adam der Little Sister haben möchten, und der Big Daddy sich der Bedrohung entgegenwirft, kommt der Gedanke auf, dass es sich hier um eine Welt handeln könnte, die nicht auf unsere Anwesenheit angewiesen ist. Fast schon hinterhältig mutet es dann an, die Big Daddys doch anzugreifen -- nachdem man sich durch Umprogrammierung von Geschütztürmen, Aufmunitionieren und so weiter selbst bestens auf den Kampf vorbereitet hat, der immer ein Überraschungsangriff gegen eine neutrale Partei darstellt. Und nach jedem gelungenen Kampf stehen wir erneut vor der Frage: Befreien wir das schüchterne "Kind", dem wir den "Vater" genommen haben, oder opfern wir sie zugunsten einer zusätzlichen Portion Adam? Und wie schon bei System Shock können die Gedanken ins Kreisen geraten: Moralisch betrachtet ist das doch keine Frage, natürlich retten wir das Kind! Aber halt, es ist eindeutig keines, es hat leuchtende pupillenlose Augen, es läuft mit einer blutverschmierten Spritze von Leiche zu Leiche. Und auch der "Herstellungsprozess" der Little Sisters, den wir im Laufe des Spiels mitbekommen, ist nicht dazu geeignet, sonderliche Empathie mit den Wesen zu empfinden. Also doch: töten? Aber da bleibt das Kindchenschema, gegen das wir uns auflehnen müssen. Doch dann wieder: Ist es nicht wichtiger, dass wir unsere Mission erfüllen? Können wir da Rücksicht nehmen?

Man kann das Spiel von 2K Games als ein Statement zur Nachhaltigkeit unseres gegenwärtigen Handelns sehen. Ob wir über unser eigenes Leben hinaus an die nachfolgenden Generationen zu denken bereit sind. Ob der Zweck die Mittel heiligt. Durch diese Gedanken, die es bei den meisten Spielern nebenbei evoziert, erhebt sich Bioshock über das, was es spielmechanisch eigentlich nur ist: Ein nett aussehender, recht geradliniger Shooter mit minimalen RPG-Elementen.

Dr. Sophia Lamb wollte Gutes tun -- und hat doch nur ihre eigene Version einer Schreckensherrschaft geschaffen.

Bioshock 2: Der Masse dienen

In spielerischer Hinsicht ist Bioshock 2 sehr ähnlich zum ersten Teil, fast schon zu ähnlich, wie auch im GamersGlobal-Test zu erfahren ist. In Hinblick auf die Philosophie seiner Handlungsträger hingegen stellt es das krasse Gegenteil da. Der Bürgerkrieg in Teil 1 brach aus zwischen "gemäßigten" Bewohnern Raptures und denen, die der Wissenschaft und dem Drang nach dem "besseren Menschen" alles andere unterordnen wollten. Für letztere stand das Individuum stand über allem, vor allem über den Gesetzen oder moralisch-ethischen Wertvorstellungen. Wenn ich stärker sein kann als du, dann möchte ich es auch sein. Wenn du leiden musst, damit es mir gut geht, dann soll das so sein. In Bioshock 2 jedoch bekommt ihr es als Spieler mit einer antipodischen Philosophie zu tun: Die Psychaterin Sofia Lamb hat Andrew Ryan als Anführer Raptures beerbt, und sie fährt ein krasses Kontrastprogramm zu dessen zerstörerischer Selbstverwirklichungsvision: Sie will ihre Schäfchen behüten. Ihnen die Sicherheit einer Gemeinschaft geben. Für sie sorgen. Die Little Sisters reklamiert sie für sich. Was im Ansatz sehr löblich wirkt, ist natürlich zum Zeitpunkt des Spielbeginns bereits pervertiert: Das Sich-Aufopfern für das Kollektiv versteht Lamb ganz wörtlich, in ihrer religiösen Gemeinschaft zählt der Einzelne gar nichts. Als Spieler habt ihr durch euer Verhalten (den Little Sisters sowie anderen Charakteren gegenüber) direkte Auswirkung darauf, wie das Spiel endet. Ob "gut" oder "böse". Da ist sie wieder, die Moral in der Shock-Serie...

Und weiter? Bioshock 2 ist heute erschienen, vielleicht vom einen oder anderen Leser bereits durchgespielt. Ob der neuste Teil im großen Stile diskutiert und gedeutet werden möchte und auch in ein paar Jahren noch die schreibwütigen Gemüter erhitzen kann, wird sich wohl erst herausstellen, wenn die meisten von ihrem zweiten Aufenthalt in Rapture längst wieder aufgetaucht sind. Was aber schon heute sicher ist: Betrachtet man System Shock und Bioshock als eine einzige Reihe, so gibt es wohl wenige andere Serien, die zu soviel Nachdenken einladen können. Über die Motive der handelnden Spielcharaktere. Aber auch über sich selbst.

Autor: Sven Ohnstedt / Redaktion: Jörg Langer (GamersGlobal)
Jörg Langer 9. Februar 2010 - 23:07 — vor 6 Jahren aktualisiert
malcolmY 09 Triple-Talent - 292 - 9. Februar 2010 - 23:41 #

Wow, ein sehr schöner Artikel.

Die Shock-Spiele sind im wahrsten und positiven Sinne des Wortes merkwürdig. Selbst das nunmehr vielfach als triste Fortsetzung beschriene BioShock 2 hat (sofern ich das bis jetzt beurteilen kann) einen großartigen Unterton zu bieten, der natürlich im Schatten des Vorgängers etwas untergeht.

Grinzerator (unregistriert) 9. Februar 2010 - 23:58 #

Wo liegen eigentlich heute die Rechte an System Shock?

Christoph Licht Redakteur - 55125 - 10. Februar 2010 - 6:36 #

Immer noch bei Electronic Arts.

robsetabse 10 Kommunikator - 440 - 10. Februar 2010 - 1:48 #

schöner artikel!

system shock 2 hab ich damals irgendwie nicht gespielt.
vor einem jahr wollte ichs nachholen und hab das verflixte ding einfach nicht auf win xp zum laufen gebracht.
ich hab mich stundenlang in ihrgendwelchen foren rumgetrieben, hab verschiedene offizielle sowie inoffizielle patches installiert, einstellungen umgestellt undso weiter.
hat leider alles garnichts genützt. es wurde zwar besser. das tutorial konnte ich fertig spielen, aber nach der karriereauswahl und dem folgenden video war schluss. mist!
ich warte seitdem darauf, das mal eine angepasste version auf gog.com oder steam erscheint. würde mich freuen.

Fierran 07 Dual-Talent - 100 - 10. Februar 2010 - 19:30 #

Also ich habe SS2 erst vor ner Woche mal wieder ausgegraben und es auf meinem Vista System zum laufen gebracht. Habe mich hierbei an folgende Anleitung gehalten:
http://www.strangebedfellows.de/index.php?topic=106.0

Das einzige was nicht läuft sind die Videos, hatte aber keine Lust an den Codecs rumzuspielen. Man könnte versuchen die Videos per Hand abzuspielen, da gibt es auf der Seite nen extra Punkt wo näher drauf eingegangen wird.

Ich würde auch die Installation des SHTUP Texture Upgrades empfehlen, da das einige Texturen und Schilder deutlichst verbessert. Das kann über den Modmanager ganz einfach nach dem Deutsch Patch aktiviert werden. Dadurch werden zwar einige Texturen Englisch, die Texte bleiben aber alle Deutsch.

robsetabse 10 Kommunikator - 440 - 11. Februar 2010 - 21:54 #

uuuhhh
dankeschön!
dieses ss2 tool schaut ja sehr vielversprechend aus! dass ich das nicht selbst gefunden hab...
ich werds damit nochmal probieren! dankeschön!

heini_xxl 15 Kenner - P - 3165 - 10. Februar 2010 - 8:45 #

hab system shock 2 vor ein paar jahren gebraucht auf amazon gekauft. auf Win XP lief es, bei Vista hab ich es noch nicht probiert.
die athmosphäre im spiel ist tatsächlich immer noch einzigartig und dicht, die bedienung fand ich aber für heutige standards recht sperrig, da ist man mittlerweile zu verwöhnt :-) wäre zeit für ein remake oder mod...

Olphas 24 Trolljäger - - 48741 - 10. Februar 2010 - 10:11 #

Toller Artikel. Die beiden System Shocks gehören zu meinen erklärten Lieblingsspielen. Ich hatte nie ein intensiveres Gefühl bei einem PC-Spiel als dieser Widerwille, als ich gezwungen war, in System Shock 2 mit SHODAN zusammenzuarbeiten. Und die Erleichterung, als sich (natürlich) herausstellte, dass SHODAN doch der Feind ist.
SHODAN ist mein absoluter Lieblingsfeind. Der einzige, vor dem ich tatsächlich Angst hatte. Und das obwohl er/sie/es körperlos ist.

Ich glaub ich sollte wenigstens den zweiten Teil noch mal spielen :)

Bioshock hat mich nicht annähernd so beeindruckt, auch der große, überall angepriesene AHA-Effekt hat mich nicht so vom Hocker gehauen. Vielleicht weil ich mir der Botschaft schon vorher zu bewusst war.

Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 10. Februar 2010 - 13:38 #

Wirklich sehr guter Beitrag. Ich finde es richtig, den Aspekten Ethik und Moral in Videospielen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Und auch die Fokussierung auf eine einzelne Reihe ist offensichtlich angebracht, da diese Reihe allein schon genügend Ansatzpunkte für einen Artikel bietet.
Im Artikel zu Syndicate Wars (Seite 2) hatte ich das Thema Ethik und Moral oberflächlich angerissen, allerdings fände ich es spannend, dazu tiefergehende Arbeiten zu lesen. Vielleicht erscheinen ja künftig noch mehr Beiträge in diese Richtung! :)

Jan-Niklas 12 Trollwächter - P - 1154 - 10. Februar 2010 - 19:35 #

Wirklich ein ausgezeichneter Artikel. Hat mich sehr gefesselt und auch für die -Shock umso empfänglicher gemacht. Dafür auf jeden Fall vielen Dank und hoffentlich gibt es bald mehr davon in ähnlicher Machart zu anderen Spielen und deren Philosophie:-).

t-borg 14 Komm-Experte - 2093 - 10. Februar 2010 - 21:40 #

Toller Artikel, da schließe ich mich gerne an.

Wer sich intensiver mit System Shock auseinandersetzen will, dem empfehle ich folgende Seiten:

Through the Looking Glass:
http://www.ttlg.com/forums/forumdisplay.php?s=&forumid=78

Und die oben schon erwähnte Seite:
http://www.strangebedfellows.de/

Hier bekommt der geneigte Fan wirklich alles zum Thema System Shock & Bioshock geboten.

Bernd Wener 19 Megatalent - 13733 - 11. Februar 2010 - 17:03 #

Ich kann mich nur anschließen, super Artikel und wieder exakt so einer (neben den ganzen "kleinen" und/oder "kuriosen" News), die GG so wertvoll machen. Gerne mehr davon!

t-borg 14 Komm-Experte - 2093 - 12. Februar 2010 - 17:53 #

Nach dem zweiten Durchlesen muss ich anmerken, dass ich die deutsche Sprachausgabe sehr gut finde und nicht mittelmäßig, wie im Artikel beschrieben.

McFareless 16 Übertalent - 5567 - 13. Februar 2010 - 22:56 #

Schöner Artikel :)
Graphic ist leider nicht so schön von den beiden System Spielen :(

BiGLo0seR 21 Motivator - 29236 - 15. Februar 2010 - 15:21 #

Wirklich sehr schöner Artikel, mit guten Gedanken und Überlegungen.

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