Liebe 2.0 - Verliebt in eine Spielfigur

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Alex Hassel 17895 EXP - 19 Megatalent,R10,S8,C9,A8,J10
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26. Juli 2009 - 18:17 — vor 7 Jahren zuletzt aktualisiert

Man könnte meinen, Nisan führt eine ganz normale Beziehung. Der 37-jährige Japaner und seine Freundin, Nemutan, verbringen ihre Freizeit wie viele andere Pärchen auch. Sie gehen gemeinsam essen, zum Karaoke singen, machen gemeinsam Urlaub, lassen sich bei allerlei Gegebenheiten gemeinsam fotografieren und unternehmen viele Ausflüge in Nisans Auto. Die beiden sind seit mittlerweile drei Jahren ein Paar und Nisan könnte sich nicht mehr vorstellen ohne Nemutan zu leben.

Dank ihr habe ich so viele wunderbare Dinge erlebt. Sie hat wirklich mein Leben verändert.

Während Nisan diese Worte sagt, streichelt er sanft über Nemutans Bein. Der Haken an der Sache? Nemutan ist ein ausgestopftes Kissen, genauer gesagt ist Nisans Freundin der Aufdruck auf dem Kissenbezug. Die Figur Nemu entstammt dem PC Spiel Da Capo, einem der zahlreichen pornografischen Anime Spiele aus Japan, die eher selten den Weg in westlichere Gefilde schaffen. Nemu ist dem Anschein nach etwa 10 bis 12 Jahre alt, trägt einen blauen Bikini und farbige Schleifchen im Haar. Für Nisan ist sie seine Lebensgefährtin, obwohl er weiß, dass sie nicht real ist.

Natürlich ist sie meine Freundin. Meine Gefühle für sie sind echt.

Was auf den ersten Blick wie ein bizarrer Einzelfall wirken mag, ist in Japan mittlerweile zu einer Bewegung herangewachsen. In ihrem Artikel für die NY Times trifft sich Autorin Lisa Katayama mit mehreren japanischen Männern, die eine Obsession für Animefiguren haben. Die als Otaku bezeichneten Personen investieren viel Geld und Zeit in ihr Hobby, welches meist aus dem Bereich Mangas und Videospielen stammt. Nisan ist ein Otaku, aber nicht jeder Otaku entwickelt deshalb Gefühle zu einer Spielfigur. Und auch nicht  jeder legt jene extreme Form der Verehrung an den Tag wie Nisan.

Vielmehr sind sogenannte 2D-Lovers wie Nisan ein kleiner Teil der Otaku-Szene. Aber eben auch ein Teil, der ständig größer wird. Die Gründe dafür, weshalb ein erwachsener Mann eine imaginäre Beziehung mit einer Spielfigur eingeht, sind vielfältig. Sicher zu sein scheint, dass viele Japaner sich immer schwerer in der modernen Beziehungswelt zurechtfinden. Fast ein Viertel der 30 bis 34-jährigen Japaner und Japanerinnen sind, einer Statistik zufolge, noch Jungfrau, 50% haben keine anders geschlechtlichen Freundschaften. Eines der erfolgreichsten Bücher des vergangenen Jahres in Japan war ein Ratgeber für Erwachsene über 30. Im Comicstil führt es den Leser Schritt für Schritt vom ersten Date, über das erste Mal bis hin zur Hochzeit. Nisan hatte vor seiner "Beziehung" eine Freundin aus Fleisch und Blut, diese habe ihn aber verlassen. Seine Umschwenken auf eine 2D-Freundin also die Flucht vor echten Menschen?

Natürlich würde ich gerne heiraten. Aber sehen Sie mich doch an. Wie soll jemand, der so etwas mit sich herumträgt, heiraten können? Die Leute denken sich wahrscheinlich aus welcher Klapsmühle ich abgehauen sein muss. Und ich würde wahrscheinlich das Gleiche denken wenn ich mich sehen würde. Ich habe sehr viele innere Konflikte. Die Leute sagen, dass es einige Otaku gibt, die nicht heiraten wollen. Aber das stimmt nicht. Viele von ihnen haben so wenig Selbstvertrauen, dass sie es einfach aufgegeben haben, aber tief in ihrem Inneren wünschen sich es sich von ganzem Herzen, wie jeder andere auch.

Einer, der die 2D-Bewegung in der Öffentlichkeit vertritt, ist Toru Honda. Er hat ein halbes Dutzend Bücher über den 2D-Lebensweg geschrieben und sagt, dass echte Liebe in der realen Welt ohnehin nicht mehr vorhanden sei. Schuld seien die Images der Film-. und Werbeindustrie, die den Leuten suggerieren, dass echte Liebe nur mit Geld und Schönheit einhergehen. Er und Anhänger seiner Meinung haben dann schließlich aufgehört sich selber diesen Idealvorstellungen zu unterwerfen und ihr Glück in 2D-Beziehungen gefunden. Hondas Fans gehen dabei sogar so weit, dass sie ihn auf einer Podiumsdiskussion spontan zu Hunderten auspfiffen als er zugab, Pornos mit echten Menschen zu konsumieren.

Im Internet startete 2008 eine Petition mit dem Ziel, die Heirat zwischen Menschen und 2D-Figuren in Japan zu legalisieren. Aus der Einleitung der Petition: 

Wir haben kein Interesse an der 3D-Welt. Wenn möglich möchte ich gerne der Ehemann einer 2D-Figur werden. Momentan sieht es nicht so aus, als ob Wissenschaft und Technik heute schon so weit sind um dieses Problem zu lösen, deshalb legalisiert es wenigstens, 2D-Figuren zu heiraten.

Im Juli 2009 verzeichnete diese Petition über 490.000 Unterstützer.

Gucky 22 AAA-Gamer - P - 34172 - 26. Juli 2009 - 20:34 #

Sehr interessante News, aber auch sehr gefährlich, denn ich halte es für moralisch höchst fragwürdig, wenn ein 37-jähriger eine virtuelle Beziehung zu einem 10 bis 12-jährigen, wenn auch fiktiven Mädchen führt. Die Mischung aus Verklemmung, Tabuisierung und auf der Gegenseite abstrakte exuelle Ausschweifungen wie z.B. normale Cafes, in denen die Leute Pornocomics lesen können, wären in dieser Form in unserer Gesellschaft wohl kaum möglich.

Alex Hassel 19 Megatalent - 17895 - 26. Juli 2009 - 21:02 #

Bei uns denke ich auch nicht das so etwas ohne weiteres möglich wäre. Aber Japan halt, um es mal salopp zu sagen: Anything goes. Japaner haben was Sexualität angeht und Pornografie mit kindlichen Figuren ja nunmal eine komplett andere Einstellung. Was bei denen normal ist würde jeden Durschnittseuropäer wohl arg vor den Kopf stoßen.

Ich finde das persönlich auch nicht gut. Denke aber auch das diese Vorlieben für Lolicons (so nennt man wohl diese kindlichen Figuren) dort eben verbreitet und scheinbar auch akzeptiert werden, von daher spielt dieser Aspekt eher weniger eine Rolle. Die Sache wäre ja auch nach hiesigen Werte- und Moralvorstellungen kaum besser wenn die "Partnerin" volljährig wäre. Comicfigur bleibt Comicfigur.

Carstenrog 16 Übertalent - 4808 - 28. Juli 2009 - 6:38 #

Also ich bin dafür! Dann komme ich wenigstens in eine günstiger Steuerklasse, oder ich könnte Lara Croft managen!

Freeks 16 Übertalent - 5530 - 28. Juli 2009 - 11:38 #

Warum hab ich nur das dumpfe Gefühl dass es da Probleme mit den Rechteinhabern geben würde :)

Freeks 16 Übertalent - 5530 - 27. Juli 2009 - 0:12 #

Die Psychologen und Psychoanalytiker der restlichen Welt hätten an Japan (falls sie ne Großoffensive starten würden) einen Heiden Spaß. Beziehungen mit 12jährigen Manga/Anime-Figuren da reale Menschen sie enttäuschten... Die Reinheit und Unschuld eines Kindes mit der Treue und Hörigkeit eines fiktiven Charakters, kein Wunder dass da echte Menschen abstinken.

Irgendwann will ich selbst nach Japan um diese ganzen sozialen Regeln selbst zu erleben auch wenn ich weiß dass ich als Westlicher davon wohl weitgehend ausgeschlossen werde.

Gute(r) News/Artikel hab die englischen jetzt nicht durchgelesen aber kann mir gut vorstellen wie viel Arbeit dass Übersetzen (deutsches Ergebnis ließt sich sehr gut) und zusammenfügen der Passagen war. Top!

estevan2 14 Komm-Experte - 1993 - 27. Juli 2009 - 10:55 #

Wenn man dann aber als Europäer in Japan unterwegs ist fällt einem das nicht so auf. An sich, erscheint das Leben in Japan sehr Westlich. Die Interessanten Seiten fangen in Manga Läden an, wo die Heftchen für die Schulkinder, schon richtig derbe Pornographie beinhalten. Das wird offen gezeigt. Ich habe dort sehr interessante Lokale entdeckt, in denen sich zB. nur Männer oder nur Frauen treffen. Innen hat das ganze einen sehr normalen Anschein, jedoch sind dann ohne japanische Sprachkenntnisse auch keine genaueren Analysen möglich :)
Zugfahrten in Japan zeigen dann jedoch auch wie einsam hier jeder vor sich allein hinlebt, da fast jeder nur auf sein Top Modernes Handy schielt, welche unseren bei weitem technisch überlegen sind.

Nach längerer suche entdeckt man dann tatsächlich noch einen Laden in dem Leute am Wochenende tanzen, doch diese Japaner hier scheinen absolut nicht der japanischen Norm zu entsprechen - wie ausgebrochen aus der Gesellschaft, tragen sie Kleidung die Revolution schreit. Diese wenigen trauen sich aber anscheinend nur in der Dunkelheit und abgeschieden vom Alltag so offen zu sein.

Ein sehr interessantes Land, in welchem ich ab und zu beruflich zu tun habe.

Alex Hassel 19 Megatalent - 17895 - 27. Juli 2009 - 12:39 #

Hört sich nicht nur interessant an, sonder für mich auch erschreckend. Irgendwann will ich selber mal nach Japan, aber auch nur um es auf einer imaginären Liste von Orten wo man mal gewesen sein soll, abhaken zu können.

All diese Erzählungen schrecken mich eigentlich eher ab. Ich bin ja auch eher ein technik affiner Mensch, aber das Level welches es in Japan erreicht hat bereitet mir Unbehagen. Was nützen einem die tollsten Handys, technische Spielereien und tragbare Videospiele wenn man nicht mehr in der Lage und Willens ist, jemanden vom anderen Geschlecht anzusprechen? Nobel geht die Welt zu Grunde.

raumich 16 Übertalent - 4673 - 27. Juli 2009 - 14:04 #

Interessanter Artikel.

Spontan habe ich mich gefragt, was ich "normaler" bzw. "besser" finde....

Das 25% der Japaner(innen) mit 30 noch keinen Sex hatten, oder wieviele Frauen wohl in Deutschland vergleichsweise schon unter 18 ein Kind haben (teilweise schon mit 11-12).

Das jemand eine Beziehung mit einem Kissen führt empfinde ich persönlich als sehr verhaltensgestört. Das jemand seinem Hund Klamotten kauft und ihn betäschelt wie (s)ein Baby aber auch.

Aber was ist gestörter? Ich glaube das ist Ansichtssache und so exotisch für uns Japan ist, so exotisch ist Europa für sie.

Das verringert zwar nicht mein Unverständnis gegenüber dem Inhalt des Artikels, läßt mich aber auch dran denken, erstmal vor der eigenen Haustüre zu kehren.

Alex Hassel 19 Megatalent - 17895 - 27. Juli 2009 - 15:59 #

Spleens und Verhaltensstörungen gibt es überall in der Welt, da hat Japan kein Monopol drauf. Allerdings kommt es mitunter im Internet so rüber das Japaner besonders zu verrückten Hobbies und Verhaltensweisen neigen. Eine genaue Erklärung hab ich dafür auch nicht, nur die Vermutung das extreme Obsessionen zum Thema Technik, Videospiele und Anime eben schneller und leichter im weltweiten Netz verbreitet werden. Wer regelmäßiger im Netz surft stößt früher oder später auf seltsam anmutende Cosplay Geschichten aus Japan, und da bildet sich schnell mal ein Klischee heran.

Ich habe neulich eine Doku über Objektsexuelle gesehen, das sind Leute die sich in Gegenstände verlieben und mit denen eine Beziehung führen. Eine Frau heiratet den Eifelturm, ein Mann liebt eine Dampflok... allesamt nicht mehr oder weniger "verrückt" als ein Japaner der eine Figur auf einem Kissenbezug liebt. Nur wie gesagt, diese Otaku Sachen verbreiten sich wohl schneller im Internet.

Gamaxy 19 Megatalent - P - 13402 - 27. Juli 2009 - 14:28 #

Bin dafür, aus dieser News einen Artikel zu machen. Da müsste man wohl noch ein paar Sachen ändern - vielleicht ein paar Punkte auch noch etwas ausführlicher behandeln, aber grundsätzlich finde ich, dass die Substanz für einen Artikel vorhanden ist.

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 35481 - 27. Juli 2009 - 15:00 #

Faszinierende Geschichte und ich bin auch begeistert von den niveauvollen Kommentaren hier. Anderswo würde man nur sowas lesen wie: "lol, die verrückten Japsen, voll pervers, rofl" (wovon ich mich ausdrücklich distanzieren möchte)

Freeks 16 Übertalent - 5530 - 27. Juli 2009 - 15:10 #

Genau das finde ich ja auch so toll an GG.de, konstruktive Kritik, interessante Diskussionen und aktuelle News. Die Community ist hier echt klasse und will sie nicht mehr missen. Wenn ich jetzt endlich mal anfangen würde aktiv im Forum zu sein und es eine Art Club-Funktion (is mir erst heute Morgen eingefallen, z.B. Japano-Club) gäbe kann die GG-Community nichts mehr aufhalten :)

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