Je mehr Zeit vor dem Bildschirm, desto weniger Sozialleben?

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Jörg Langer 335719 EXP - Chefredakteur,R10,S10,C10,A10,J9
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2. März 2010 - 10:13 — vor 7 Jahren zuletzt aktualisiert

Die US-Fachzeitschrift Archives of Pediatric and Adolescent Medicine hat gestern eine Studie veröffentlicht, die von dem vermuteten Wirkungsgefüge von "Viel Zeit am Bildschirm" und "Sozialverhalten bei Teenagern" handelt. Darin geht es aber nicht nur um Computerspiele, sondern allgemein um jegliche Zeit, die vor dem Fernsehgerät oder Monitor verbracht wird, sei es mit Fernsehen, "ernsthaften" Computerbeschäftigungen oder PC- und Videospielen.

Archives of Pediatric and Adolescent Medicine führte die Studie mit 976 Teenagern durch, die 1987 15 Jahre alt waren, und 3043 Teeangern, die 2004 15 Jahre alt waren. Die Zeitschrift selbst fasst die Ergebnisse so zusammen:

Während der letzten 20 Jahre hat es eine deutliche Expansion bei der Bildschirm-basierten Kommunikation und Unterhaltung für Heranwachsende gegeben. [...] Heranwachsende, die mehr Zeit mit Fernsehen verbrachten, hatten ein größeres Risiko geringerer Bindung an die Eltern und ein größeres Risiko geringer Bindung an Gleichaltrige. [...] Für jede Stunde, die mehr fern gesehen wurde, erhöhte sich das Risiko geringer Elternbindung um 4 bis 13 Prozent und das Risiko geringer Gleichaltrigen-Bindung um 24 Prozent. Innerhalb der jüngeren Untersuchungsgruppe war das (nicht Hausaufgaben-bezogene) Spielen am Computer ebenfalls mit schlechterer Elternbindung assoziiert. während das stärkere Spielen am PC oder von Videospielen mit schlechterer Gleichaltrigen-Bindung assoziiert war.

Die Zeitschrift rät auf Grundlage der Ergebnisse Eltern zur Vorsicht, wenn ihre Kinder lange vor dem Bildschirm sitzen. Das klingt zunächst einmal sehr einleuchtend. Ob die Studie aber einberechnet, dass sich gerade für jüngere Menschen ein Teil des modernen Soziallebens schlicht "in den Computer" verlagert hat, wenn sie mit ihrer Peer-group via Websites, Social Networks oder E-Mail kommunizieren? Wurde daran gedacht, dass auch Handys und Smartphones "Bildschirme" im Sinne der Studie sind, da mit ihnen kommuniziert, gespielt und gearbeitet werden kann? Wir vermuten für beide Fragen eine negative Antwort. Eine lässliche Sünde: 2004 waren diese Trends sicher noch nicht so ausgeprägt wie heute, und Ende der 80er schlicht nicht existent. Dennoch könnte die Aussagekraft der Studie durch diese Faktoren eingeschränkt sein -- zumindest, was die Beziehung zu Gleichaltrigen anbelangt.

Johannes Mario Simmel 13 Koop-Gamer - 1597 - 2. März 2010 - 10:41 #

Das ist an sich eine einfache Rechnung. Ein Tag hat nunmal nur 24 Std. Wenn ich davon x Std. (allein) vor dem Bildschirm sitze habe ich x Stunden weniger Zeit für ein klassisches Sozialleben (also Face-to-Face sozusagen).

Ob das moderne Sozialleben (Facebook & Co) für die "optimale" Entwicklung zwischenmenschlicher Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen besser ist, als das "Spielen mit dem Nachbarsjungen/mädchen" möchte ich bezweifeln.

Wenn du (Jörg) schreibst, dass sich die Peergroup ins Internet verlagert, dann frage ich, wieviel Zeit ein Jugendlicher im Internet zur Kommunikation verbringen sollte. In dem Alter sind die meißten Freunde doch in der gleichen Schule/Klasse oder in der gleichen Stadt. Da sollte persönliches Treffen doch wichtiger sein, als 4 Stunden Chatten, wenn man nur 2 km aus einander wohnt. Das Problem, dass der Bekanntenkreis auseinanderdriftet kommt doch erst im Studium/Berufsleben zum tragen.

Gegen 8-stündige Total War Multiplayerschlachten mit dem besten Freund will ich mich hier natürlich nicht aussprechen, aber ich finde es schon bedenklich wenn Jugendliche den ganzen Tag zu Hause sitzen, sich Youtube Videos über ICQ zu schicken und chatten anstatt sich mal in der Stadt zu treffen
(vlt. sogar in einem Sportverein, aber das ist jetzt natürlich hart oldschool..) ;)

Jörg Langer Chefredakteur - P - 335719 - 2. März 2010 - 13:19 #

Schon vor dem Internet haben Jugendliche eines bestimmten Alters (und, wie man hört, nochmal gesteigert bei einem bestimmten Geschlecht) Stunden um Stunden am Telefon zugebracht, um sich mit Freunden auszutauschen. Kein Sozialkontakt?

Und jetzt mach aus dem Telefon mit Kabel eines ohne. Unterschied? Keiner. Und jetzt mach aus dem Handy ein Skype + Headset. Unterschied? Keiner. Und jetzt nimmt, je nach Situation, die Sprache weg und lass nur das Chatten. Wesentlicher Unterschied? Es bleibt doch ein Austausch mit Gleichgesinnten.

Ich sage doch nicht, dass ein Facebook-Kontakt mehr wert ist als ein Face-to-face-Kontakt. Aber er kann meiner Meinung nach für bestimmte Dinge gleichviel wert sein. Sicher nicht stundenlang oder gar hauptsächlich. Aber einfach zu sagen "15jähriger vor dem Rechner = kein Sozialkontakt" stimmt so nicht.

Johannes Mario Simmel 13 Koop-Gamer - 1597 - 2. März 2010 - 13:53 #

>>Aber einfach zu sagen "15jähriger vor dem Rechner = kein Sozialkontakt" stimmt so nicht.<<

Das habe ich auch nicht gesagt ;)

Meine Aussage ist einfach: Persönlicher Kontakt ist wichtiger (für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit) als Facebook, Skype & Co. Besonders für Kinder und Jugendliche.

Pro4you 18 Doppel-Voter - 12108 - 2. März 2010 - 17:51 #

Wichtiger? Deine Subjektive Entscheidung was wichtiger ist, ist dir überlassen, aber ziehe in diener These nicht alle Menschen mit ein. Manche sehen dies vielleicht anders und haben eine andere Meinung dazu.

Johannes Mario Simmel 13 Koop-Gamer - 1597 - 3. März 2010 - 9:37 #

Was besser für die Entwicklung eines Kindes ist, ist sicherlich nicht subjektiv zu unterscheiden, sondern ist wissenschaftlich zu untersuchen. Welche Meinung man zu dem Thema hat ist für das Ergebnis irrelevant. Daher ist es auch völlig egal ob ich andere Menschen mit einbeziehe oder nicht (was ich übrigens nicht mache).

Vidar 18 Doppel-Voter - 12486 - 2. März 2010 - 10:50 #

Am besten garnicht soweit kommen lassen und diese Social Networks mist hilft es sicherlich nicht sowas zu verbessern!
Dies merkt man jetzt schon wenn man mit jemand reden will der viel im chat usw ist... wirklich fähig mit einem normal zu reden sind die nicht...
am besten raus an die luft und fertig...

mik 12 Trollwächter - 992 - 2. März 2010 - 11:23 #

Immer schön die Vorurteile pflegen^^

So schlimm wie du sagst ist es nun auch wieder nicht (bei 90% der Leute)

PS: Ich nutze keines der Social Networks, gerade mal Skype fürs Anschreiben/Telefonieren.

Vidar 18 Doppel-Voter - 12486 - 2. März 2010 - 11:50 #

sry habs nicht genau geschrieben ich sprech da nicht von "älteren" leuten (ü20) sondern von jungen Leuten (10-15)!

ganz ehrlich teilweise sind die nicht fähig mit einem wirklich zu reden sind meine erfahrungen, die stammeln was dahin und "lolen" dich voll *schauder*

DeePo1nt 04 Talent - 11 - 2. März 2010 - 11:22 #

in der angesprochenen Studie gehts m.M. gar nicht um die verlagerte Kommunikation, sondern um den Rückzug der Jugendlich. Mit fernsehen und gaming geht man den "unangenehmen" Dingen des alltäglichen aus dem weg (ich behaupte, dass dies für jeden gilt, der länger als 30 Min spielt pro Tag - mich eingeschlossen)

Es ist einfach so, dass Hausaufgaben machen, das Altpapier bündeln und rausbringen einfach weniger sexy sind als mit elfen oder den marines eine tolle zeit zu erleben.

Und in den 80igern waren diese ablenkungen tatsächlich weniger verbreitet. Als ich bei einem kollegen mitte der 80iger den C64 entdeckte, war ich danach defintiv weniger oft auf dem Bolzplatz anzutreffen..

Und heute mit 32 muss ich mich regelrecht zwingen mein Sozial-Leben in Schwung zu halten, weil die interaktive welt dermassen verlockend ist

Deshalb: so unangenehm wie es für mich (und wahrscheinlich noch 2, 3 andere gamer klingt - die Studie stimmt wohl ziemlich genau.. ;)

Anonymous (unregistriert) 2. März 2010 - 11:24 #

Pendle jeden Tag zur FH in Venlo, da wirds eng mit dem Sozialleben.
So klassische Studentenpartys gibts nunmal nur in Deutschland und die Schulfreunde studieren alle woanders.
Vielleicht wird ja im Berufsleben wieder alles besser.

Anonymous (unregistriert) 2. März 2010 - 11:25 #

Kinder sind imo nicht so gefaehrdet, da die jeden Tag zur Schule fahren.

mik 12 Trollwächter - 992 - 2. März 2010 - 11:34 #

Oder Kindergarten

Aber die Masse an Video-spiele betrifft auch sie, zu meiner Zeit hatte ich lange gerade mal einen GameBoy und einen Atari 2600 (den wir zu Weihnachten bekommen hatten).

Marco Büttinghausen 19 Megatalent - P - 19331 - 2. März 2010 - 13:00 #

Mir ist immer noch nicht ganz klar was hier genau dargestellt werden soll, entweder geht es darum dass Zeit am Bildschirm weniger Zeit für Mitmenschen läßt, das ist logisch und wurde schon im ersten Kommentar vorgerechnet, dafür bräuchte es keine Studie. Wenn aber die Stärke der Bindung (im Screenshot steht "attachment to parents and peers") zu Eltern und Freunden *nicht* in Zeiteinheiten gemessen wird, dann frage ich mich wie dann?

Ginge es nur um verbrachte Zeit könnte man die identischen Argumente auch gegen Bücher vorbringen, jemand der viel ließt hat dann logischerweise weniger Zeit für anderes. Dann wäre das Fazit das jede Tätigkeit die man alleine macht böse ist, was nicht wirklich haltbar ist.

Sven 18 Doppel-Voter - 9146 - 2. März 2010 - 13:51 #

Uh-oh, wissenschaftliche Arbeiten auf GamersGlobal. Vom Chefred. :-)

> Ob die Studie aber einberechnet, dass sich gerade für jüngere Menschen ein Teil des modernen Soziallebens schlicht "in den Computer" verlagert hat, wenn sie mit ihrer Peer-group via Websites, Social Networks oder E-Mail kommunizieren? Wurde daran gedacht, dass auch Handys und Smartphones "Bildschirme" im Sinne der Studie sind, da mit ihnen kommuniziert, gespielt und gearbeitet werden kann? Wir vermuten für beide Fragen eine negative Antwort.

Dann oute ich mich mal und zerstöre ein paar Weltbilder: Man muss gar nicht einberechnen, dass sich das Sozialleben ins Internet verlagert, da derartige "Einberechnung" je nach Regressionsverfahren schlicht redundant ist.

Im Fachchinesisch: Leider ist das Paper kostenpflichtig, daher habe ich keinen Zugriff darauf, aber die Studie verwendet trans-sektionale Daten zweier Kohorten, also so genannte Panel-Daten - in einem solchen Fall liegt meistens das so genannte Difference-In-Difference-Modell als Regressionsmethode nahe, durch das sich serielle Korrelation abbilden und sich unter Anderem durch die Konsistenz der Standardfehler verifizieren lässt.

Auf deutsch: Würde die oben genannten Befürchtung zutreffen, müsste das direkt aus dem verwedneten Modell (welches auch immer es sein mag!) ablesbar sein - sofern das Modell nicht vollkommen falsch gewählt bzw. unpassend spezifiziert wurde. Bei fünf Autoren und einer an sich offensichtlich renommierten Zeitschrift kann ich mir das aber kaum vorstellen. Ich würde eher bei der Datengewinnung ansetzen: Einerseits ist die Stichprobe der zweiten Kohorte deutlich größer, wäre also eher als Kontrollgruppe geeignet, andererseits ist das betreute Ausfüllen von Fragebögen, also Selbstaussage, jetzt nicht unbedingt die zuverlässigte Art und Weise, an brauchbare Daten zu gelangen - welches Kind gibt schon zu, computersüchtig zu sein oder noch keine Freundin gehabt zu haben? Da helfen dann selbst nachträglich Anpassungen nicht mehr übermäßig: Gelogen ist halt doch gelogen.

Falls ihr das Paper haben solltet: Lasst es mir bitte mal zukommen! Klingt in jeden Fall interessant. :-)

Koveras 13 Koop-Gamer - 1507 - 2. März 2010 - 19:06 #

All diese Studien haben doch fast ausnahmslos eines gemeinsam: Es wird Korrelation mit Kausalität verwechselt, oder gar so getan als sei es das Gleiche.
Ich möchte mal stark bezweifeln, dass ein Kind, dass anfängt sich jeden Tag viele Stunden vor den Fernseher zu setzen, schon _davor_ ein gutes, enges Verhältnis mit den Eltern hatte. Wieso würde jemand urplötzlich auf sein "ausgeprägtes Sozialleben" verzichten und sich stattdessen langweiligem Fernsehprogramm zuwenden? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass es dieses tolle Sozialleben vorher schon nicht gab und mit dem Medienkonsum nur die sowieso schon freie Zeit ausgefüllt wird?
Es ist nur viel einfacher die Schuld irgendwelchen Medien aufzudrücken. Alle paar Monate kommt quasi die immer gleich falsche Studie heraus. Ob diese Forscher keine Freunde haben, mit denen sie ihre Zeit stattdessen verbringen könnten?

Sven 18 Doppel-Voter - 9146 - 2. März 2010 - 20:07 #

Also das müsstest du mir jetzt erklären.

Guck mal: http://archpedi.ama-assn.org/cgi/content/abstract/164/3/258

Die Forschergruppe mag einen negativen Zusammenhang zwischen parentaler Fürsorge und Zeit vor der Mattscheibe nachweisen können - übrigens für beide Kohorten. Also: Je weniger Zeit die Eltern mit dem Kind verbringen, umso mehr wird es in die Röhre gucken. Aber auch: Je mehr Zeit die Eltern mit dem Kind verbringen, umso weniger wird es in die Röhre gucken. So weit zur Korrelation, so wertneutral.

Du sprichst nun die Kausalität an, spielst das Ganze also gewissermaßen rückwärts: Gerade weil das Kind in die Röhre guckt, haben die Eltern versagt, bzw. ist es gerade die Leistung der Eltern, wenn das Kind neue Medien in vernünftigem Rahmen konsumieren kann. Das mag zwar auch stimmen, ist aber definitiv nicht Gegenstand der Studie: Sei es gegeben, dass Erziehung für das Kind wichtig ist, wäre es ceteris paribus vorteilhaft, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen. Mehr sagen die gar nicht. Wozu auch? Über den Sinn oder Unsinn solcher Studien kannst du dich dagegen sehr gerne aufregen - ist halt Wissenschaft. :-)

Anonymous (unregistriert) 2. März 2010 - 20:24 #

Ist doch eigentlich egal was da gesagt wird, solange man nicht selbst das Gefühl hat das man zu lange davorhockt ist doch alles in Ordnung.
Ansonsten sollte man mal seine Gewohnheiten überdenken und gut ist :P

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