User-Kurztest: Fatale - Exploring Salome (+Video)

PC
Bild von Sven
Sven 9146 EXP - 18 Doppel-Voter,R8,S10,C1,A8
Alter Haudegen: Ist seit mindestens 5 Jahren bei GG.de registriertAlter Haudegen: Ist seit mindestens 3 Jahren bei GG.de registriertSilber-Schreiber: Hat Stufe 10 der Schreiber-Klasse erreichtDieser User hat uns an Weihnachten 2014 mit einer Spende von 25 Euro unterstützt.Bronze-Archivar: Hat Stufe 5 der Archivar-Klasse erreichtLoyalist: Ist seit mindestens einem Jahr bei GG.de dabeiBronze-Schreiber: Hat Stufe5 der Schreiber-Klasse erreichtBronze-Reporter: Hat Stufe 6 der Reporter-Klasse erreichtTester: Hat 5 Spiele- oder Hardwaretests veröffentlichtDatenbank-Geselle: Hat 100 Steckbriefe angelegtRedigier-Veteran: Verdiente 1000 EXP durch Edits fremder News/ArtikelStar: Hat 1000 Kudos für eigene News/Artikel erhalten

27. November 2009 - 13:50 — vor 7 Jahren zuletzt aktualisiert

Eines muss man Tale of Tales, den Indie-Entwickeln von The Path und The Graveyard, lassen: Es ist verdammt schwer, die eigenen Erfahrungen ungetrübt in zusammenhängende Sätze zu bringen, obwohl keine ihrer Episoden mehr als eine halbe Stunde Zeit in Anspruch nimmt. Vermutlich sagen daher auch im Hinblick auf Fatale - Exploring Salome, dem neusten Werk des Entwicklers, Bilder tatsächlich mehr als Worte: Das untenstehende Video stellt den ersten von insgesamt sechs Teilen eines ausführlichen, auf YouTube veröffentlichten, Walkthrough dar -- es zeigt sehr schön die Dreiteilung des Spiels:

Die Katakomben, in denen man eingesperrt durch das Loch in der Decke eine junge Dame beim Tanz zu orientalischer Musik beobachten kann, während diese auf in den Raum projizierten Texten verflucht wird. Sieben Schleier erscheinen am unteren Bildschirmrand, zeitgleich mit dem Letzten tritt ein maskierter, mit einem Schwert bewaffeneter Mann in den Raum -- er findet einen, egal wo man sich versteckt haben mag.

Die Kamera schwebt fortan schwerelos durch den Raum, direkt durch das Loch in der Decke hindurch, auf einen prächtigen Innenhof -- wie unscheinbar doch manches Treiben im Untergrund wirken kann. Überall stehen Kerzen herum, deren Flammen es zu erlöschen gilt. Einmal angeklickt, fährt die Kamera an die Kerze in fester Position heran und gibt dem Spieler die Macht der Dunkelheit, der sich die kleinen lordernen Lichtquellen nur kurzzeitig widersetzen können. Es dauert eine ganze Weile, bis man merkt, dass es dabei eigentlich gar nicht um die Kerzen geht: Sie werden von der Kamera meistens an den Rand gedrängt, ganz andere Sehenswürdigkeiten füllen den größten Teil des Bildschirms. Aufmerksame Beobachter können allerdings auch abseits dieser Standbilder in der sehr überschaubaren, aber detailverliebten Spielwelt eine Fülle an Kleinigkeiten entdecken. Einen besonderen Augenmerk verdient dabei eine spärlich bekleidete Dame, die sich zwar nicht von der Stelle rührt, allerdings trotzdem jedes Mal, wenn man vorbeischwebt, andere Gesichtszüge zu tragen scheint. Mit der Zeit fühlt man sich tatsächlich von ihr beobachtet.

Sind alle Lichter erloschen, weicht die Nacht langsam dem Sonnenlicht und veranlasst die junge Dame dazu, den Innenhof das Tanzfläche zu benutzen. Man guckt ihr eine Weile zu, ehe es einem in den Sinn kommt, dass sie es ist, der die unten mit Verlies zum Ausdruck gebrachte Verachtung gelten muss. Wie bereits Minuten zuvor steigert sich die Lautstärke der Musik stetig, doch erst jetzt lässt sich erkennen, wie sich die Tänzerin passend zur Musik mit zunehmend seduktiven Bewegungen in ihre Darbietung hineinsteigert -- kurze Augenblicke lassen ihre tranceartige Mimik erkennen. Langsam fällt die Spannung wieder ab, die Musik wird wieder leiser, bis sie schließlich ganz verstummt. Am unteren Spielrand erscheint ein kleines Menü, das ein wiederholtes Spiel als auch die Rückkehr zur Oberfläche des Betriebsystems anbietet.

Wieder einmal genügen Tale of Tales lediglich 30 Minuten, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen: Es ist schön zu sehen, dass es auch virtuelle Welten geben kann, die nicht zwanghaft unterhalten müssen. Im Gegensatz zu ihren vorherigen Werken benötigt es für Fatale - Exploring Salome allerdings einiges an Vorwissen, um es halbwegs zu verstehen.

Und so steht geschrieben...

Herodias -- so ist es unter Anderem im englischsprachigen Wikipedia zu lesen -- wurde zu Lebzeiten Jesu Christi in eine jüdische Königsfamilie geboren. Da Inzest -- nach modernem Verständnis -- zur Erhaltung der Macht damals keineswegs eine unübliche Tugend gewesen ist, heiratete sie zunächst ihren Onkel Herodes Boethus und trug ihre gemeinsame Tochter Salome aus. Vermutlich aufgrund ihrer Ambition, eine Königin zu werden, ließ sie sich jedoch wieder scheiden und ehelichte daraufhin Herodes Antipas, einen weiteren ihrer Onkel. Dafür wurde sie von Johannes, dem Täufer -- in den verschiedensten Religionen als einflussreicher Prophet und Wegbegleiter Jesu Christi dargestellt -- öffentlich kritisiert.

Die in Fatale - Exploring Salome bemühte Handlung hat ihren Ursprung nun im Neuen Testament, genauer im Evangelium des Markus (Markus 6: 14-29): So gab Herodes Antipas ein Bankett für hohe Offiziere und einflussreiche Männer in Galliläa. Nachdem Salome dem Wunsch ihres Stiefvaters nachkam und zur Freude der Anwesenden für sie tanzte, versprach dieser, ihr einen Wunsch zu erfüllen, ganz egal, was es sein möge. Salome bat daraufhin ihre Mutter Herodias um Rat -- diese wünschte sich jedoch nichts anderes als den Kopf von Johannes, dem Täufer. So schickte sie Salome wieder zu ihrem Stiefvater, der den Propheten zwar durchaus leiden konnte und Unheil nahen sah, aber dennoch einwilligte und den Heiligen im Verlies enthaupten ließ. Der Kopf wurde daraufhin auf einer Silberplatte den anwesenden Gästen präsentiert -- so wie sie auch im Spiel zu sehen ist.

Die Erzählung über die Enthauptung von Johannes, dem Täufer  und Salome ist seither mehrfach auch von anderen Autoren aufgegriffen und interpretiert worden -- auf diese Weise dürfte auch die Bezeichnung des Tanz der sieben Schleier für die Darbietung von Salome bekannt geworden sein. Einer dieser Autoren war Oscar Wilde, der den Stoff für die große Bühne adaptierte. Entwickler Tale of Tales gibt ihn in Fatale explizit als Inspirationsquelle an, sicherlich zwar auch aufgrund der kunstvollen Sprache dieser Fassung, allerdings wohl auch aufgrund eines in diesem Kontext nicht so ganz offensichtlichen Bekenntnisses zur Kunst.

Kunst als Selbstzweck

Oscar Wilde, seines Zeichens ein bereits zeit seins Lebens wie heutzutage häufig gelesener wie inszenierter Schriftsteller aus Irland, wird nachgesagt, seine Werke bestünden rein aus intrinsischen Motiven und seien in sich vollständig, ihre Existenz bedürfe daher keiner weiteren Rechtfertigung. Diese vorrangig philosophische Ansicht wird gerne mit den lateinischen Worten Ars gratia artis umschrieben, Kunst der Gefälligkeit wegen oder sinngemäß: Kunst als reiner Selbstzweck. An dieser Ansicht scheinen auch die Entwickler von Fatale ihren Gefallen gefunden zu haben: Statt erklärenden Worten, wie die gewollt eingebauten Kontroversen im Spiel -- Salome trägt beispielsweise einen iPod an sich, während in einer anderen Ecke große Lautsprecher neben altertümlichen Instrumenten stehen -- zu verstehen sind, gibt es ein Video zu sehen, wie der Tanz der sieben Schleier fast schon trotzig konventionell von Hand und damit ganz ohne Full-Motion-Capturing animiert wurde -- eben Kunst der Kunst wegen, nicht weil es anders nicht möglich gewesen wäre.

Kunst mag im Auge des Betrachters liegen, was auch immer eigentlich genau Kunst sein mag -- nimmt man das Werk als das, was es ist, kann man sehr gut damit leben, auch ohne zu wissen, was der iPod nun zu bedeuten hat. Nur wieso gerade dieser Beitrag -- laut Entwickler -- zur weiteren Etablierung des Mediums führen soll, können wohl auch nur die Entwickler selbst erklären: Mit den vielfältigen Interaktionsmöglichkeiten eines modernen Videospiels hat Fatale - Exploring Salome in dieser Form nicht viel zu tun, obwohl gerade darin einer der größten Vorteile liegt.
 
Fatale- Exploring Salome ist seit dem 4. November über die digitale Downloadplattform Steam erhältlich. Alternativ kann es etwas kostengünstiger auch über die offizielle Webseite bezogen werden -- einen Account bei Paypal dann allerdings vorausgesetzt.

Video:

tratschwelle 09 Triple-Talent - 316 - 27. November 2009 - 14:04 #

Scheint ein interessantes Progrämmchen zu sein.

Ich bitte lediglich um Berichtigung der Namen:

"John der Baptist" heißt im Deutschen offiziell "Johannes der Täufer".

"Herod" ist der König Herodes.

"Galilee" ist "Galiläa".

Und die "Gospeln von Mark" sind das "Evangelium von Markus".

Mit bibelfesten Grüßen...
tratschwelle

Philipp Spilker 20 Gold-Gamer - P - 22470 - 27. November 2009 - 14:05 #

Wurde schon von mir berichtigt. Mit ebenfalls bibelfesten Grüßen ... :)

Philipp Spilker 20 Gold-Gamer - P - 22470 - 27. November 2009 - 14:03 #

Sehr gelungene Eindrücke und Hintergrundinformationen zu einem Spiel, bei dem ich dir, ohne es selbst gespielt zu haben, aufs Wort glaube, dass es schwer zu beschreiben ist. Auch deswegen ein sehr lesenswerter Kurztest, da Fatale ansonsten nur auf den wenigsten Websites überhaupt behandelt wird. Was schade ist, denn: auch wenn die Spiele sicher nicht jedermanns Sache sind, so sind Tale of Tales doch unbestritten Pioniere auf ihrem Gebiet. Mal sehen, ob sie in naher Zukunft mal mit einem Spiel richtig erfolgreich sind.

Anonymous (unregistriert) 27. November 2009 - 14:06 #

des Markus, des Markus. Genitiv.

Philipp Spilker 20 Gold-Gamer - P - 22470 - 27. November 2009 - 14:10 #

Bastian Sick, bist du es? Nicht so schüchtern. (korrigiert) ;)

Equi 14 Komm-Experte - 1912 - 27. November 2009 - 14:25 #

Nunja, vielleicht ist dies ein Beitrag zur weiteren Etablierung des Mediums, weil es jetzt auch ein Kunstspiel gibt.
Es gibt massenhaft, mit bildlichen Metaphern und Andeutungen überladene Kunstfilme, zu deren Verständnis, oft auch großes Vorwissen im Bezug auf religiöse oder philosophische Teilgebiete von Nöten ist. Bei Büchern und Songs lässt sich sowas natürlich auch finden.
Abseits dieser Entspannungsspiele wie Flow oder Osmos ist mir jetzt auch noch kein reines Kunstspiel bekannt. Bin aber auch nicht so bewandert in der Indie Szene.
Vielleicht haben wir hier einfach ein Spiel, welches ganz schlicht das Spektrum des Mediums erweitert. Ein Kunstspiel, das Menschen mit Affinität auf diesem Gebiet viel Freude und vielleicht auch Inspiration bereiten kann, ganz ohne gameplaytechnische Höhenflüge, sondern nur mit seiner Inszenierung und seiner Aussage.

Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 28. November 2009 - 22:24 #

Sehr hübsch! Ich freue mich. :)

Kommentar hinzufügen

Neuen Kommentar abgeben
(Antworten auf andere Comments bitte per "Antwort"-Knopf.)
Mitarbeit
Adventure
Ego-Adventure
Tale of Tales
Tale of Tales
05.10.2009
Link
7.0
MacOSPC