Meinung

Mick Schnelle: "Spiele für Senioren" Meinung

Der PC-Joker-, PC-Player- und GameStar-gestählte freie Journalist liebt Simulationen und Aufbauspiele. Er findet und bemängelt mit untrüglicher Sicherheit Designschnitzer, die andere übersehen. Und auch in seiner monatlichen Kolumne auf GamersGlobal nimmt er kein Blatt vor den Mund.
Mick Schnelle 15. Mai 2009 - 0:32 — vor 7 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Samstag Morgens, halb zehn, in einem Elektromarkt in Deutschland: Die PC- und Videospieleabteilung ist gut besucht. Beim Streifen durch die Regale sehe ich ein paar Halbwüchsige, die mit Rock Band Rockstars spielen und wild mit Guitar Hero-Controllern herum fuchteln. Eine Mutter beäugt kritisch, wie ihr achtjähriger Sohn fachkundig die Nintendo-DS-Spiele durchforstet, eine Mädchenhorde tummelt sich im Sims-Bereich,und ganz hinten, stehen einige gesetztere Herren, die auf den ersten Blick nicht so recht in die Abteilung passen wollen. Die Mittvierziger und darüber, gern mit Heribert-Faßbender-Bart und Tropfenbrille à la Atze Schröder, studieren die Rückseiten von Spielepackungen. Willkommen im Reich der SIMULATIONEN!

Simulierte Simulation

Wer jetzt an schraubengenaue Flugsimulationen denkt, liegt komplett daneben. Die Herren interessieren sich allesamt für Titel wie Euro Truck Simulator, Landwirtschafts-Simulator, Gabelstapler-Simulator, Fahr-Simulator, Bagger-Simulator, Kran-Simulator, Kurierservice-Simulator, Müllabfuhr-Simulator, Sprengmeister Simulator … Man braucht nicht viel Phantasie, um sich locker ein Dutzend weiterer Titel vorstellen zu können. Neben den wenig originellen, dafür umso treffsicher gewählten Namen vereint diese Programme, dass sie meist sehr leicht zugänglich sind und das Kind im Manne fast schon vorbildlich ansprechen.

Offensichtlich verkaufen sich diese Dinger ganz prächtig
Weniger vorbildlich ist ein weiteres vereinendes Element: Alle diese Spiele sind von mieser bis schlechter Qualität, Ausnahmen wie der zumindest im unteren Qualitätsmittelfeld angesiedelte Euro Truck Simulator bestätigen die traurige Regel. Doch statt in den Regalen zu versauern und auf Nimmerwiedersehen im Orkus der Spielehistorie zu verschwinden, gibt es von den meisten Titeln bereits mehrere Versionen, die im Jahrestakt immer wieder erneuert werden. Offensichtlich verkaufen sich diese Dinger ganz prächtig, worauf auch der meist sehr großzügig bemessene Regalplatz bei Media Markt & Co. überdeutlich hinweist.

Neugierig geworden installiere ich tatsächlich mal eins dieser Spiele und stelle schnell fest, dass von vielen Titeln trotz mieser Grafik und reichlich Bugs ein rauer, meditativer Charme ausgeht, der sich am besten mit dem Betrachten eines Aquariums vergleichen lässt. Und ehe ich mich versehe, ertappe ich mich dabei, wie ich in meiner Freizeit über die günstigste Transportroute von Warschau nach München philosophiere, versuche, den aktuellen Weizenpreis in Relation zur gerade frisch gepflügten Ackerfläche zu setzen oder überlege, wo auf meiner Landwirtschaftsinsel noch ein paar gewinnbringende Pfandflaschen versteckt sein könnten.

Kräne statt Konsolenkriege

Kaum auszudenken was geschehen könnte, wenn sich mal ein fähiges Entwicklerteam samt einem potenten Publisher dieses Genres annehmen würde, das ganz offensichtlich eine große Fangemeinde hat. Denn die muss bis heute auf echte Qualitätstitel warten. Vielleicht sollte man die Microsoft-Verantwortlichen, die die Entwicklung von Train- und Flight Simulator eingestellt haben, mal ins wahre Leben des Simulations-Biotops einladen. Hier, liebe Publisher, und damit meine ich nicht nur die Damen und Herren in Redmont sondern alle, die gern Geld verdienen möchten, liegt eine riesige Zielgruppe brach, die nicht darüber nachdenken muss, OB sie ihre Euros ausgeben soll, sondern vielmehr WOFÜR. Statt aufwendige und kaum gewinnbare Konsolenkriege mit Milliarden Dollars auszutragen, könnte man für ein recht bescheidenes Budget spannende Spiele für reifere Herren entwickeln, denen Raubkopien fremd sind und die gerne vorm PC ein paar Stunden lang wieder sechs Jahre alt sein wollen. Die sich in Spielwelten voller Bagger, Kräne, Züge oder meinetwegen auch Schubkarren verlieren. Also, liebe Publisher, traut euch, es lohnt sich garantiert!

Euer Mick Schnelle

Abfuehrung
Name 15. Mai 2009 - 12:52 #

Hallo Gamersglobal, Herr Schnelle,

ein wunderbarer Kommentar zur festgefahrenen Situation der spieleproduzierenden Zunft.

Alltägliche Instrumente der Wirtschaft, insbesondere die der Marktanalyse, scheinen in weiten Kreisen der Spielebranche, weitgehend unbekannt.

Anders kann ich mir nicht erklären, wieso die männliche Käuferschaft, zwischen 30 und 60 Jahren, konsequent unterversorgt bleibt.

Diesen Markt zu bedienen kann nur gute Umsätze bedeuten. Das scheint aber nicht in die Köpfe der meisten Marketing Abteilungen vorzudringen.

Übrigens betrifft das, meiner Meinung nach, nicht nur die digitale Unterhaltung im Stile eines Landwirtschaftsimmulators.

Auch Rollenspiele, Actionadventures, Sportspiele usw. sind in aller Regel nur für die schnellen Finger der 12-18 Jährigen ausgelegt.

Äaaction und mindestes ein 120er Maustakt/Sekunde sind prägende Elemente des modernen Gameplays.

Ältere Spieler mögen durchaus mehr als Eisenbahn und Landwirtschaftssimmulatoren. Ich habe viele Freunde und Bekannte jenseits der vierzig, die Rollenspiele und Shooter gerne spielen.

Die haben nur, genausowenig wie ich, keine Lust auf diesen binären Giftmüll, der seit Jahren die Regale der Elektronikkonzerne überflutet.

Games müssen (wieder) erwachsener werden! Plausibel erzählt, mit erkennbaren Emotionen, keine charakterfreien Protagonisten sondern TYPEN mit Profil, nicht so hektisch und laut.

Meine Wenigkeit, mit meinen 47 Jahren, hat seit Monaten kein Game mehr gekauft. Warum ? Weil es nicht's gibt das mich interessiert.

Games wie DeusEx, System Shock, Bioforge, Ultima Underworld usw. habe ich damals am ersten Tag, mit zittrigen Beinen um 9:00h morgens, käuflich erworben.

Aber dieser ewige Kloppmist, Rollenspiele mit dem Charme einer Exceltabelle, Mord und Totschlag hat für mich in der Tat nur einen positiven Aspekt: Ich habe wieder Zeit für Freunde und mein schickes Cannondale Bike.

Wie auch immer, ich freue mich über Euer auftauchen in den weiten des I-net's und wünsche Euch aufrichtig, alles gute und viel Erfolg.

Best
ZappasGhost

perry2 13 Koop-Gamer - P - 1451 - 15. Mai 2009 - 20:04 #

das erinnert mich an einen besuch, bei einer freundinn meiner frau.
das ganze liegt schon jahre zurueck.
diese hatte probleme mit ihrem rechner und im laufe der instandsetzungsarbeiten kamen wir ins gespraech.
dabei kamen wir dann auch auf ihren vater zu sprechen und das dieser den ganzen tag an ihrem rechner sitzen und ein transport und logistikspiel spielen wuerde (das war irgendein uralt DOS spiel in 16bit grafik).
der alte herr (er war rentner) konnte sich da richtig einbringen und war total begeistert.
desweiteren kann ich mich noch an einen damaligen arbeitskollegen erinnern (mittlerweile verstorben),der auch den ganzen tag vor einem eisenbahnsimulator sitzen konnte und einfach nicht genug bekam ;)
was ich damit sagen will ... fuer aeltere menschen muss es nicht immer die beste grafik und das neueste, schnellste spiel sein ... sie begnuegen sich auch mit weniger ,wen der spielspass stimmt.
tugenden ,die vielleicht irgendwann mal wieder in der breiten masse ankommen.
eigentlich ja auch das erfolgsrezept von WoW...
natuerlich nehmen die reflexe mit steigendem alter ab ,aber die geistigen herausforderungen bleiben.
genau das ist auch ein kommender markt fuer Deutschland ,den in den naechsten jahrzehnten wird die 'ueberalterung' ja hier zunehmen.
sprich: es gibt immer mehr ruestige rentner ,die unterhaltung wollen und durchaus keine beruehrungsaengste mit computern haben.

mein traum waere ein galaxie-online-strategiespiel-rollenspiel simulation, in dem man planeten besiedelt ,flotten aufbaut,versorgungswege und rohstoffversorgungen aufbaut,sich auf wunsch in ego perspektive hineinversetzen kann und dadurch sozusagen mitten im spiel befindet.
ein modulares onlinespiel ...
-strategiespiel im gott-modus (C&C,Warcraft)
-wirtschaftssimulation im gott-modus(Master of Orion,Transport Tycoon)
-rollenspiel im 3D-modus/dritte person ansicht mit humanoidem avatar (StarWarsGalaxys,gaengige onlinerollenspiele)
-rollenspiel im 3D-modus/dritte person ansicht mit fahrzeug avatar (Eve,Jumpgate ,raumschiffe,land/flugfahrzeuge)

alles als einzelne module erwerbbar bzw. monatlich bezahlbar.
man spielt das was man gerade will ,also wen ich basen bauen will starte ich modul 1 ... spaeter habe ich lust auf einem meiner planeten in der taverne zu sitzen ... kein problem ... modul 2 gestartet...
ich will ein wenig aktion ? modul 3 gestartet ...rein in mein raumschiff und auf zu den versorgungswegen meines nachbarn und dort seinen transportern aufgelauert ;)
alles in einer einzigen galaxie und ohne seperate ,spiegel-server.
ich will nur eine handels bzw. aufbausimulation ?
modul 4 gestartet und ich kann ohne PvP stress im sicheren imperiumsraum planeten ausbauen und handel treiben.

perry2 ;)

Vincent 15 Kenner - 3129 - 15. Mai 2009 - 19:58 #

"Rauer Charme" trotz "mieser Qualität" ist ein sehr interessantes Argument für diese Simulationen in deinem Kommentar, den ich nachprüfen müsste, dafür aber leider (als armer Schüler) kein Geld habe.

PPJ 09 Triple-Talent - 254 - 16. Mai 2009 - 12:40 #

Interessanter Artikel, interessante Diskussion. Was mir an dieser "Simulator-Schwemme" aber auffällt, ist eben die Einordnung von diesen Spielen in das Simulations-Genre.

Meiner Meinung nach sind diese Spiele sowenig Simulatoren wie Moorhuhn ein Shooter ist. Es sind eher Casual-Games mit ernsten Hintergrund (sorry, weiß es nicht besser auszudrücken)

Daher kann von einer "Simulator-Schwemme" nicht die Rede sein, denn Fans von "echten" Simulatoren warten seit langem auf Spiele à la Falcon 4.0 oder ähnlichem.

Natürlich haben die großen in der Branche (Flight-Sim/Train-Sim) eine starke Community mit vielen kleinen Software-Schmieden, die tolle Addons (sowohl Freeware als auch Payware) rausbringen.

Trotzdem sind wirkliche Simulatoren eher Mangelware.

Christoph 17 Shapeshifter - P - 6521 - 16. Mai 2009 - 19:24 #

Schon als SimCity (1) herauskam, habe ich mit meinem Spiele(r)kumpel Witze gemacht, welche Sims man noch herausbringen koennte - von SimFreundin ueber SimMuelleimerrunterbringen bis hin zu echt visionaeren Dingen wie SimRollenspielMonster. Von den Dungeon Keeper-Umsaetzen haben wir aber irgendwie nix abbekommen...

luckypete 15 Kenner - - 2748 - 18. Mai 2009 - 14:10 #

Jaja, XYZ-Tycoon und XYZ-Simulator sind auch Spiele, bei denen man auf Anhieb sagen kann worums geht. Oder wer weiß, wenn er sich überhaupt nicht mit Spielen auseinandersetzt, dass Empire: Total War ein gutes Spiel ist. Für Unerfahrene hört sich das doch eher kompliziert an. Meine Meinung

The Godfather 10 Kommunikator - 399 - 18. Mai 2009 - 21:29 #

Bei einer gewissen österreichischen Einzelhandelskette ist seit Wochen der Landwirtschaftssimulator auf Platz 1 der "Top 10 Games" gelistet. Irgendetwas Wahres muss also dran sein.

Name 20. Mai 2009 - 19:38 #

Irre ich mich, oder ist das Photo in Münster aufgenommen worden?

Taller Ghost Walt 15 Kenner - 3210 - 21. Mai 2009 - 9:13 #

Sehr interessanter und vor allem schön geschriebener Artikel! Schon eine eigenartige Entwicklung, zumal PPJ wohl recht hat: Es sind praktisch Simulationen für Gelegenheitsspieler... Tatsächlich wäre ich mir ncht sicher, ob ein Vollpreistitel da mithalten könnte, auch wenn er qualitativ besser sein mag.

Name 21. Mai 2009 - 9:30 #

Ich kann mir kaum vorstellen dass sich jemand ein zweites mal eines dieser Spiele besorgt, nachdem er das erste gespielt hat. Ich denke die Leute die das spielen haben möglicherweise Angst vor komplizierteren Titeln.

hoschi 13 Koop-Gamer - 1484 - 21. Mai 2009 - 18:33 #

glaub ich eher nicht. ich denke schon dass die leute die sowas kaufen schon ein hinter den fassaden kompliziertes spiel wollen. nur muss es sich erstens einfach bedienen lassen und zweitens muss man es ohne hektik und erfolgsdruck spielen dürfen. das hat aber nichts mit "nicht-kompliziert" sein müssen zu tun. also der spielerische anspruch muss auch bei diesen spielen gegeben sein.
Natürlich sinds es keine Wirtschaftsimulations Hardcore Games. Obwohl ich mir schon mal wieder ein solches Spielchen wünschen würde. so im style Transport Tycoon. Aber leider gibts da seit Jahren auf dem Gebiet nix mehr. Schade.

Name 22. Mai 2009 - 2:21 #

Mir gibt es zu wenig "langweilige" Spiele, die das
Prinzip von Bridge-Builder (Pontifex) aufgreifen:
Ich bastele in einer möglichst kurzen Planungsphase
etwas zusammen, oder lege irgendwelche Parameter fest,
aber das Spiel selbst läuft dann ganz von alleine,
selbst wenn ich schnell zum Bäcker muss.
Sowas wie SimCity, Rollercoaster Tycoon oder Tycoon City:
New York vielleicht, nur mit dem Unterschied, dass man
nur am Anfang an ein paar Parametern schraubt.
Ein Spiel in die Richtung kann man bei homokaasu.org
in der Sektion "GasGames" finden, das heisst "Gravity".
Man schickt ein Objekt in einem (instabilen) Sonnensystem
auf eine Umlaufbahn und das Ding soll möglichst lange
überlegen. Die einzige Interaktion findet am Anfang statt,
die "Simulation" läuft von alleine. Allerdings hier
meist nur für wenige Sekunden, dann geht es in die nächste
Runde.

Imperitum 18 Doppel-Voter - 9391 - 15. Juli 2011 - 14:49 #

Im Bereich der Simulationen fehlt einfach die Abwechslung. Ständig wird Altes, neu aufgegossen, statt sich mal um wirkliche Innovationen zu bemühen.

Labrador Nelson 27 Spiele-Experte - - 95702 - 3. August 2011 - 3:44 #

Ja, das Volksmusik-Phänomen lässt sich ohne Weiteres auf die Spielebranche übertragen. Diesbezüglich könnte sich hier in der Tat mehr tun.

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