Blick zurück vom Jahr 2030

Der große Spiel-Fluss Meinung

Gaming im Jahr 2030: Spiele kommen per Streaming als Video oder werden abschnittsweise nachgeladen. Genauso wird bezahlt: abschnittsweise und nur für das, was dem Spieler gefällt. Der Kunde ist König und alle profitieren. Steffen Itterheim blickt für GamersGlobal aus dem Jahr 2030 zurück in die bewegte Zukunft der Spieleindustrie.
GamingHorror 7. April 2010 - 21:02 — vor 6 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Wir schreiben das Jahr 2030. Beim Stadtbummel, für mich ein angenehmes Dahingleiten mit meinen beiden iFootPads, treffe ich einen Freund, der mir stolz seinen Einkauf präsentiert: Das 10 Jahre alte FIFA 2020 in der Färöer Inseln Euro Championship Edition. Die ist bemerkenswert rar, war es doch das letzte Spiel, das EA Future-Sports (in kleinen Stückzahlen) auf Blu-ray-Scheiben presste und noch in den physischen Handel brachte. Seit einem Jahrzehnt aber sind Musik, Filme und Spiele komplett aus dem Handel verschwunden. Nur nostalgische Sammler wie mein Freund holen sich noch Spiele mit Verpackung und blau schimmernder Scheibe aus dem einzig verbliebenen “Vinyl, CD, DVD, BluRay Raritätenladen” unserer Stadt -- im Hinterhof eines Fabrikgebäudes.
 
2012: Der Wendepunkt
 

Das Portal „Spielfluss" lässt Steam und Xbox Live alt aussehen.
Zurückblickend kann ich den Wendepunkt für digitale Distribution klar festmachen: er begann Ende 2012 mit der Jährung des Maya-Kalenders und der zeitgleichen Einführung der deutschen Vertriebsplattform Spielfluss (Gameflow), die die bisherigen digitalen Vertriebssysteme wie Steam und Xbox Live schnell alt aussehen ließ. Die mussten widerwillig mitziehen, da ihnen die Kunden in Scharen davonliefen. Bot doch Spielfluss erstmalig ein Rückgaberecht für virtuelle Güter, ein Fair-pay-System, bei dem man nur für gespielte Inhalte bezahlte. Und separate Demos waren passé: die Vollversion des Spiels war gleichzeitig auch die Demo. Damit das funktioniert, wurden Spiele erstmalig gestreamt, also abschnittsweise übertragen. So konnte man schon nach wenigen Sekunden losspielen. Der Zugriff auf jede verfügbare Sprachversion wurde ebenso selbstverständlich wie die Alterskontrolle, die zeitgleich mit Einführung des erweiterten biometrischen Personalausweises im Jahr 2015 gestartet war. Die nahm auch den Killerspielkritikern den Wind aus den Segeln, denn die Starterlaubnis eines Ab-18 Spiels erfolgte fortan erst nach Prüfung von Fingerabdruck und Scan der Iris per Webcam.
 
Fair-Pay: Nur bezahlen, was man wirklich spielt

Doch was bedeutet nun Fair-pay? Es dürfte aus Sicht des Jahres 2010 absurd klingen, aber hier im Jahr 2030 zahlen wir nur noch für das, was wir wirklich spielen. Ich muss mich nach der Demoperiode nicht mehr mit der Frage quälen, ob mir das Spiel ganze 100 Euro wert ist (auch die Inflation ist natürlich vorangeschritten...). Spielfluss erlaubt es mir, abschnittsweise zu zahlen. Das Spiel ist so unterteilt, das bei Erreichen bestimmter Punkte automatisch ein Teilbetrag von meinem Konto abgebucht wird. Nur wenn ich das Spiel wirklich zu 100% erledigt habe, sind die vorher vereinbarten 100 Euro (50 Euro in 2010 entsprechend) in kleinen Teilbeträgen vom meinem Konto abgebucht worden. Spielerweiterungen werden genauso abgerechnet. Und für virtuelle Gegenstände hat man selbstverständlich ein Rückgaberecht: Entspricht die neue Plattenrüstung nicht der von mir erhofften Resistenz gegen Rost-Magie, darf ich sie innerhalb von 30 Tagen oder 3 Spielstunden ohne Angabe von Gründen wieder zurückgeben.
 
Einem guten Zweck dient die Abteilung Indie-Spiele. Hier darf jeder sein eigenes Spiel entwickeln und veröffentlichen – zu denselben Konditionen wie die großen Hersteller, aber zum kleinen Preis. Hier ermutigt Spielfluss ganz bewusst die finanzielle Unterstützung unabhängiger Entwickler mit Spendenaufrufen und einem Abo-Modell. Für 15 Euro im Monat erhält man freien Zugriff auf alle Indie Spiele, die Einnahmen werden zu 90% an die Entwickler verteilt. Am meisten erhält der Entwickler, dessen Spiel am längsten gespielt und am höchsten bewertet wurde. Die Nachwuchsförderung für die Spieleindustrie wird in 2030 auch an Universitäten und Fachhochschulen groß geschrieben.
 
2016 - 2018: Die Weltspielekrise
 
Das ist eine Konsequenz aus der Weltspielekrise 2016, als die Verkaufszahlen von Rockstar Hero X und Call of Beauty bis hinunter auf 5-stellige Ziffern ausgelutscht waren, der Social Games Markt mit den immer gleichen Konzepten an einen toten Punkt gelangte und die gesamte MMO-Branche zusammenbrach, als Blizzard einen möglichen Start des Pre-Alpha-Tests für WoW 2 für 2022 vage in den Raum stellte. Letzteres soll nun tatsächlich noch im Jahre 2030 erscheinen, wir warten alle gespannt!
 
Verstärkt wurde die Weltspielekrise in den Folgejahren bis 2018 zusätzlich durch überhastete Reaktionen der Publisher. Zuerst entließen sie große Teile der Belegschaft, schlossen etliche Studios und kündigten an, sich wieder verstärkt auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren. Im Klartext: Lizenzspiele und ja keine digitalen Experimente, die den so mächtigen Handel erzürnen könnten. Doch was im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends noch geklappt hatte, ließ die Analysten dieses Mal kalt. In der Folge gerieten alle großen Publisher unter einen enormen finanziellen Druck. Furcht, Skepsis und Pessimismus führten letztlich dazu, das die Publisher reihum ein vielversprechendes Spiel nach dem anderen unfertig und bugverseucht auf den Markt warfen. Doch am 4. Juli 2018, besser bekannt als Gamedependence Day, gingen die Gamer aller Länder auf die Straße und skandierten „Wir sind die Zocker! Ihr seid die Abzocker!“.

2019: Das Spielfluss-Pranger-System

Die Politik wollte bereits einschreiten, lag doch der führende Wirtschaftszweig vieler Industrieländer -- Games -- in Trümmern. Doch die inzwischen errungene Führungsposition im digitalen Markt erlaubte es Spielfluss, die Hersteller zu einem Pranger-System zu verpflichten. Spieler können über ein einheitliches Beschwerdesystem Mängel in einem Spiel melden, und das taten sie fortan auch gnadenlos. Die Top-Ten der Spiele mit den meisten Mängeln wurde für Publisher und Investoren umgehend zu einer derart gefürchteten Liste, dass ein Umdenken in Richtung Qualität schneller stattfand als die Politik zum Handeln in der Lage war. Derart angeprangerte Spiele blieben wie Blei-Bytes auf den Servern liegen. Dazu droht in besonders schweren Fällen eine automatische und unwiderrufliche Rückrufaktion, in deren Zuge alle Käufer ihr Geld zurück bekommen. Bislang gab es nur einen solchen Fall, den Hersteller des Spiels Age of Hellgothic 3: Vampire Mass Charade traf die Rücknahme so hart, das er als letzter Publisher der alten Garde „Quartal vor Qualität“ im Jahr 2021 Insolvenz anmelden musste.
 
Als letztes fielen die Region-Codes.
Als letztes Überbleibsel der unvernetzten Welt wurden im Jahr 2026 die Region-Codes – viel zu spät – abgeschafft. TV Serien werden in den hochtechnisierten Ländern gleichzeitig und mehrsprachig über das Internet ausgestrahlt. Man abonniert nicht mehr ganze PayTV Sender, sondern gezielt einzelne Sendungen. Werbefrei, versteht sich. Eine Folge Dr. Lost’s Housewives kostet ohne Werbeunterbrechung 1,50 Euro, im Abo zahle ich für die ganze Staffel mit 20 Folgen nur 20 Euro. Das lohnt sich, denn alle gekauften Sendungen kann ich wann und so oft ich will überall abrufen, auf jedem Gerät, und egal, welche neue Varianten desselben Inhalts in Zukunft mit besserer Auflösung oder stärkerem 3D-Effekt noch herauskommen werden. Für denselben Film oder dasselbe Spiel im Laufe der Jahre für x Plattformen zigmal zahlen? Die heute 15jährigen halten das für einen schlechten Witz!
 
2030: Die Raubkopierer-Szene ist ausgetrocknet

Nach der konsequenten Umstellung auf digitale Distribution aller Medien betreibt nur noch eine eingeschworene Gemeinde das illegale Filesharing weiter, aus Prinzip und aus Nostalgie. Man duldet sie als Freerider und gliedert sie anders in den Markt und das Marketing ein: Da fleißige Schreiber auf populären Seiten wie dem IGGN (International GamersGlobal Network) virtuelle Credits verdienen, die sie  für Medieninhalte einlösen können, schreiben manche Freerider nun lieber interessante News und Reviews anstatt in Szene-Foren moviez zu nuken, weil am Filmrand eine Sekunde lang ein Bildfehler zu sehen war. Mit derselben Akribie schreiben sie jetzt Essays. Die Popularität der Raubkopiererszene ist in den letzten zehn Jahren stetig gesunken: Da das Fair-Pay-System für Minderjährige automatische prozentuale Rabatte nach der Formel "( 18 minus Lebensjahre ) mal 5" bereithält, gewöhnen sich schon die jungen Spieler daran, mit ihrem Taschengeld für Spiele zu zahlen -- zumal sie ja nur für das löhnen müssen, was sie auch tatsächlich konsumieren, also gut finden. Seit die Erzeuger von Inhalten begriffen hatten, dass man die eigenen Kunden wie Könige und nicht wie potentielle Diebe behandeln sollte, löste sich das Raubkopierproblem in Wohlgefallen auf.
 
Im Museum of New Media, das 2029 in New York eröffnet wurde, haben denn auch Relikte der schamlos übertriebenen Kampagnen „Raubkopierer sind Verbrecher“ und „You wouldn’t steal a car.“ in der Abteilung für gescheiterte PR ihren Platz gefunden. Die Museumsbetreiber kreierten dafür den englischen Kunstbegriff PR-assing. Ein Wortspiel aus PR und embarrassing, zu deutsch: arschpeinliche PR.
 
Moment, es ist immer noch April 2010, und ich habe mir das alles nur ausgedacht? Das kann nicht sein, dafür ist diese Zukunft einfach zu schön. Für Spieler. Und für uns Programmierer.

Euer Steffen Itterheim

Abfuehrung
floppi 22 AAA-Gamer - - 33563 - 7. April 2010 - 21:24 #

Schön geschrieben, nette Kolumne. Aber trotz der genannten Vorteile gibt es halt noch immer immense Nachteile. Wir werden sehen wie es sich entwickelt.

"Age of Hellgothic 3: Vampire Mass Charade"
Da musste ich wirklich köstlich und laut lachen! Spitze!

Anonymous (unregistriert) 7. April 2010 - 22:00 #

einfach nur genial, ich freu mich auf 2030 :o)

hoffen wir das wenigstens ein paar kleine dinge dieser utopie mal wirklichkeit werden...

Jamison Wolf 17 Shapeshifter - P - 8100 - 7. April 2010 - 22:33 #

Herrlich, hab ich lachen müssen. Einfach Genial!

Olphas 24 Trolljäger - - 47294 - 7. April 2010 - 22:46 #

Ah, schöne neue Welt!

Sehr lesenswerter Artikel. Und einiges davon ist, denke ich, gar nicht so abwegig.

bersi (unregistriert) 7. April 2010 - 23:34 #

Viel wichtiger als die Kolumne: Woher zum Geier hast du ne Zeitmaschine?! NEEEEEEEEEEEEEEEEED! :D

Schöne Kolumne. Musste lachen :)

Earl iGrey 16 Übertalent - 5042 - 8. April 2010 - 0:30 #

Hervorragend Steffen, ganz ausgezeichnete Unterhaltung. Und irgendwie echt so, als sei es erst Morgen gewesen. ;)

gnutz (unregistriert) 8. April 2010 - 0:54 #

Schön lustig!

Aber wieso können die sich keine neuen Spiele und Fernsehserien ausdenken und müssen immer die alten Sachen neu verzapfen? ;)

Und meine Iris ist nur für mich! Die darf niemand andres sehen! Überwachungsstaat ftw :O

Bernd Wener 19 Megatalent - 13635 - 8. April 2010 - 6:15 #

Köstlich, ich wusste GG wird die Welt ein ganzes Stück besser machen! So fängt der Tag gut an ;)

Wann programmieren wir den Spielfluss-Client?

Roland_D11 15 Kenner - 3685 - 8. April 2010 - 10:05 #

Wir sollten bald anfangen, schließlich sollen wir schon Ende 2012 online gehen können.

Welche Technologien wollen wir denn einsetzen? Das Frontend "zukunftsträchtig" HTML5-basiert oder lieber "hat jeder" Flash oder "exotischeres" Silverlight?

Als Sicherungsmaßnahme für die Bezahlung sollte man nur Leute zulassen, die einen elektronischen Ausweis haben und den angesprochenen Fingerabdruckscanner...

Schöne Kolumne, ich könnte lange über solche Themen diskutieren und Gedankenmodelle basteln ;-).

Bernd Wener 19 Megatalent - 13635 - 8. April 2010 - 12:36 #

Ja und Nacktscanner... Öhm... Herr Schäuble, was machen Sie denn hier... Argh, loslassen! Ich wollte doch nur... *BEEEEEEEEEEEEP* EOF

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 21:05 #

Nix da, das wird brav in Assembler gecoded! ,)

estevan2 14 Komm-Experte - 1976 - 8. April 2010 - 8:09 #

Einfach Spitze - ein sehr interessanter Ausblick in eine rosige Zukunft. Vielleicht sollte man das ganze mal an Ubisoft schicken :)

Karsten Scholz Freier Redakteur - 11129 - 8. April 2010 - 9:20 #

Schöne Kolumne!

Zille 18 Doppel-Voter - P - 10762 - 8. April 2010 - 9:54 #

Wirklich schön geschrieben - und eine tolle Idee!

Uebelkraehe (unregistriert) 8. April 2010 - 10:05 #

Ist ja tatsächlich nicht ein naives Gesundbeten fragwürdiger Entwicklungen, wie auf den ersten Blick von mir befürchtet, sondern eher eine gar nicht mal so abwegige Idealvorstellung davon, wohin uns die allgegenwärtige Vernetzung und digitale Distributionsmodelle auch führen könnten. Nicht, dass ich wirklich daran glaube - realistisch ist wohl eher der Spieler als Cash-Cow.

Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das Motto 'nur zahlen, was man gespielt hat' unbedingt zu interessanten Games führt. Nicht, wen man bedenkt, dass das 'Design' der besten und schlechtesten Vetreter der Gattung Social Games nach dem Motto 'was der Spieler oft tut, ist ein besonders gutes Spielelement' abläuft...

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 21:09 #

Da hab ich auch drüber sinniert. Führt das letztlich dazu, das wir alle Spiele durchspielen weil sie besonders leicht gemacht werden?

Aber ich glaube nicht, zu leichte Spiele verlieren ebenfalls schnell an Reiz. Gleichzeitig könnte ein Mega-Epos wie Fallout 3 auch gerne einen Euro pro Quest kosten - ich bin sicher das wären dann mehr als die Inflationsbereinigten 100€ und die Spieler würden es gern zahlen.

Was aber fehlen wird ist die umgekehrte Psycho-Motivation, ich weiss nicht wie man das genau nennt. Die Sache, das wenn ich ein Produkt gekauft habe, bin ich auch überzeugter davon das es richtig gut ist (es sei denn es enttäuscht mich), man ist vielleicht eher bereit nochmal ein Level zu spielen eben *weil* man soviel Geld dafür hingeblättert hat.

Wie war das? Was der Spieler oft tut muss auch am meisten Spaß machen. Also der "end round" button bei Civilization. ;)

Basti51 14 Komm-Experte - 1984 - 8. April 2010 - 10:06 #

Hehe, schöner Text.
Ich bin auf jeden Fall der Kumpel, der in den Hinterhofladen geht ;)

Guldan 17 Shapeshifter - P - 8320 - 8. April 2010 - 10:07 #

Gute Kolumne, wäre schon cool wenn dasd so kommen würde.

Aber bei den Namen musste ich eher nicht lachen, fand das sehr unwitzig aber das nur so am Rande ich wusste ja was gemeint war^^

Anonymous (unregistriert) 8. April 2010 - 10:18 #

Gute Kolumne, jedoch sehe ich einen großen Nachteil:
Ich spiele meine Spiele in der Regel mehr als blos einmal durch.

Vampire 2 habe ich jetzt mindestens 22 mal durchgespielt (2200 Euro)
Mass Effect fast 12 mal, Mass Effct 2 fast 5 mal (1700 Euro)
Jedi Knight 3 mindestens 16 mal (1600 Euro)

also nur mit den 4 Spielen hier hätte ich 5500 Euro verzockt...

Ich sollte mein Konsumverhalten übdenken.

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 21:11 #

Keine Sorge, du wirst natürlich nur einmal zur Kasse gebeten, nicht für jedes durchspielen.

McStroke 14 Komm-Experte - 2276 - 8. April 2010 - 10:32 #

Ist ein nettes Gedankenspiel, diese Kolumne, allerdings hoffe ich, dass es doch nicht so kommt.

Ich finde diese Microtransaktionen für einen Teil eines Spiels, einer Folge einer Serie oder einen Titel eines Albums sind eigentlich das was den Kunden gerade nicht zum König macht. Man gerät wesentlich leichter in eine ungewollte Abhängigkeit zum Publisher.

Man fängt mit einer Episode an, aber die wird wohl in den wenigsten Fällen genügen, da man sich ja ohnehin ein Spiel/Film/Album ausgesucht hat das einen interessiert. Dann wird man nicht nach einer Episode aufhören sondern kauft mehr und mehr, und bei jedem neuen Bezahlen stellt sich vielleicht ein leicht mulmiges Gefühl ein, weil man nur mal eben ein bisschen zwischendurch zocken wollte, jetzt aber mal wieder 30-40€ losgeworden ist.

Es ist unheimlich leicht den Überblick zu verlieren, da ändert auch fair-pay und Bewertungssystem nichts dran.

Deswegen plädiere ich für das heutige Vertriebssystem, man kauft ein Spiel, komplett, ohne DLC, für 50€ (richtiges fair-pay wäre ein spiel mal nicht für 50 sondern für 35-40€ anzubieten;)) und hat dann alles in einem bezahlt. Dadurch wird der Käufer ermutigt sich gründlich zu überlegen wofür er sein hartverdientes Geld ausgiebt und kauft nicht einfach mal wild drauf los weils ja vielleicht nur 10€ für die ersten 5 Stunden Spielzeit kostet. Das wäre mein Vorschlag zur Qualitätssicherung.

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 21:18 #

Das mit dem Überblick verlieren verstehe ich. Derzeit ist es aber leider so, das der Spieler, vor die Wahl gestellt, von 3 möglichen Spielen eines kauft. Also A kriegt die gesamte Kohle, B und C gehen leer aus.

Mir wärs aus Entwicklersicht lieber, und aus Spielersicht finde ich es fairer, wenn ich für A 30€ und für B und C jeweils 10€ ausgebe, da ich A nur zu zwei Drittel durchspiele und B und C zumindest soweit spiele bis ich das Interesse verliere. Wäre jetzt C ein Überaschungstitel der es schafft mich vollkommen unerwartet in den Bann zu ziehen, bekäme der Titel mehr Einnahmen. Bislang gehen solche Titel zu oft leer aus, weswegen ich eigentlich gegen dieses Fullprice-alles-oder-nichts Prinzip bin.

Let's face it: gründlich die Kaufentscheidung überdenken machen die wenigsten, und selbst dann ist die Klogriffrate noch recht hoch. Zudem: man denkt gerne das man sich gut informiert hätte, aber es spielt eine große Rolle wie wir zu einem Produkt stehen wenn wir wissen was andere über ein Produkt denken. Kaufentscheidungen haben selten etwas mit Logik zu tun.

McStroke 14 Komm-Experte - 2276 - 8. April 2010 - 22:43 #

Erstmal ein dickes Lob fürs Auseinandersetzen mit den Comments, find ich immer gut! :)

Ich denke auch, dass gute Spiele immer durch gute Einnahmen beohlnt werden sollten und auch Geheimtips eine Chance bekommen, da sind wir uns einig. Ich glaube auch, dass dein Modell mit dem Fair-Pay bei einigen Genres funktionieren kann. Wenn ich mir beispielsweise bei einem Shooter oder Strategiespiel nur den Multiplayer kaufen möchte weil mich der Singleplayer nicht interessiert finde ich das grundsätzlich ne prima Idee. Aber um mal auf dein Teaserbild zu sprechen zu kommen: Wenn ich bei Mass Effect 2 den ersten Abschnitt gespielt habe werde ich sicherlich auch noch die restlichen 271 Abschnitte kaufen weil die Story einfach zu fesselnd ist. Beim Herrn der Ringe höre ich auch nicht nach dem ersten Teil auf, oder bei 24 nach der ersten Folge.

Das spricht einerseits für die Qualität der Produkte, die ich jedem Spiel wünsche, andererseits halte ich es aber auch für gefährlich, zumindest in "ungeübten" Händen. Ich denke da besonders an Jugendliche, aber nicht nur.

Wenn man für ein Spiel 30-50€ bezahlt hat man eine komplette Ware, die man dann geniessen kann, und durch den Preis denkt man sich : "Hey, jetzt spar ich erstmal wieder bis ich mir ein neues Spiel kaufe". Das ist doch auch ein schönes Gefühl wenn man sich mal was geleistet hat. Spiele und Serien/Filme können so auch viel mehr wirken, und versinken nicht in der Bedeutungslosigkeit der Masse weill immer direkt was Neues kommt.

Ich kann nur für mich selber sprechen, aber ich denke sich gut zu informieren gehört zum Spielekauf dazu. Ich hab bis jetzt auch nur Spiele gekauft die mich vorher durch Demos, Artikel etc. wirklich überzeugt haben, das waren große Blockbuster aber auch einige Underdogs.

Vielleicht seh ich das auch etwas zu konservativ, aber ich mag es eben mir ein komplettes Spiel zu kaufen, es würde mich auch extrem stören wenn ich nach einem gespielten Abschnitt wieder zur Kasse gebeten werde, das erinnert mich an Spielautomatenzeiten.

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 23:06 #

Ich kenne auch Leute (wie mich) die die ganzen Nebenquests von Mass Effect nicht mitgemacht haben, weil das hiess: öde, leere, quadratische Planetenoberflächen mit dem denkbar undankbarsten Fahrgerät aller Computerspiele durchzustehen. Das hätte ich mir gerne "gespart".

Aber in einer allerersten Version des Artikels hatte ich noch den Sofortkauf mit drin, und zwar mit einer zusätzlichen Belohnung (zusätzlicher DLC oder so, oder ein Merchandising Artikel den man zugeschickt bekommt, quasi die Collector's Edition). Dann wäre aber die Frage interessant: kriegt ein Spieler der gleich die gesamte Summe hinlegt ein Rückgaberecht falls er Teile des Spiels doch nicht spielt? Und wenn nein, warum sollte man dann noch den vollen Verkaufspreis akzeptieren? Aus der Überlegung raus hab ich die Idee wieder verworfen.

Anonymous (unregistriert) 8. April 2010 - 10:42 #

König Kunde - das ist wirklich eine großartige Zukunft!
Können wir bitte die 20 schlimmen Jahre bis dahin irgendwie überspringen?

Gecko 13 Koop-Gamer - 1518 - 8. April 2010 - 11:47 #

Interessant geschrieben und der letzte Abschnitt erinnert schön an die derzeitige UbiSoft Problematik.

Grundsätzlich würde mir diese Zukunft ganz gut gefallen, aber - gänzlich auf physische Datenträger verzichten muss auch nicht unbedingt sein, bzw. wird das nicht jeder wollen.

Andreas Monz 11 Forenversteher - 739 - 8. April 2010 - 12:13 #

Wunderbarer Artikel, echt gut geschrieben. Sehr viele Ansätze fände ich wirklich gut, wenn die vielleicht scho früher umgesetzt werden könnten.

Gerade das Fair-Pay und das Pranger-System könnten von mir aus sofort eingeführt werden. Wie viele Spiele habe ich gekauft und nach einigen Stunden spielen dann nicht mehr angerührt? Ich hätte mir viel Geld ersparen können.

Das Pranger-System könnte, gerade jetzt bei Ubisoft, vielleicht auch schon nützlich sein.

In 20 Jahren werde ich mir den Artikel dann nochmals durchlesen und dann vergleichen, was alles Wirklichkeit geworden ist. Die Zukunft kann kommen!

RageGuy (unregistriert) 8. April 2010 - 14:00 #

Könnte es sein, dass Unendlicher Spaß/Infinite Jest von David Foster Wallace die Inspiration für Teile der Kolumne waren? Einige Ähnlichkeiten meine ich gefunden zu haben.

Die erfundenen Namen waren auch amüsant wobei Age of Hellgothic[...] den vogel abgeschoßen hat.

Bei der Vorstellung welch totale Überwachung solch ein system allerdings auch bedeutet haben sich mir aber die fußnägel hochgekringelt.

Trotzdem nettes Aedankenspiel und amüsant geschrieben.

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 21:20 #

Da muss ich passen, David Foster Wallace? Ich kenn nur David Duchovny. ;)

Anonymous (unregistriert) 8. April 2010 - 17:27 #

Hätte ich nur die Spiele in meiner Sammlung bezahlt, die ich
auch gespielt habe, wäre ich ein reicher Mann und die
Spieleindustrie viel ärmer.
Hätte ich nur für die Seiten meiner Abo-Magazine bezahlt,
die ich auch gelesen habe, so manches Mag wäre pleite.

Nur die Hälfte meiner DVD habe ich bisher geguckt, die
ganzen TV-Serien mal als Einzel-DVDs gezählt (in Minuten
habe ich vielleicht 20-30% gesehen).

Ich bin vielleicht nicht der Durchschnittskäufer, aber
bei den Steam-Achievements sieht man doch auch, dass
viele bezahlte Spiele nur in der Ecke liegen.
Man stelle sich vor, diese Einnahmen würden den
Entwicklern und (unnützen) Publishern fehlen!

GamingHorror Game Designer - 968 - 8. April 2010 - 21:26 #

Ja, keine rosige Vorstellung für Publisher, auf der anderen Seite eine Chance für die, die auf Qualität und weniger auf Marketing setzen. Es würde mit Sicherheit zu mehr Konkurrenz zwischen den Spielen führen, was letztlich der Qualität zugute käme.

Für Magazine wäre das noch ein anderes Problem. Könnte man nur die Artikel einzeln beziehen, fielen viele Werbeeinnahmen weg.

Weitergesponnen ist natürlich die Frage ob in 2030 überhaupt noch Publisher am Werk sind, und ob das nicht stattdessen einfach in vielen Fällen reine Marketingagenturen sind. Ein Vertrieb in dem Sinne findet ja nicht mehr statt.

Hinkelbob 13 Koop-Gamer - 1234 - 8. April 2010 - 20:49 #

sehr sehr lustige Kolumne!! Ich musste viel lachen, aber so ganz kann ich mich nicht mit dem Gedanken dieses Stream-gedöns anfreunden.
ICH WILL WAS ANFASSEN UND IN DER HAND HALTEN. Naja auf jeden fall wirklich gut und unterhaltsam
P.S. Ich will auch diese iFootPads haben^^

GamingHorror Game Designer - 968 - 10. April 2010 - 10:07 #

"ICH WILL WAS ANFASSEN UND IN DER HAND HALTEN"

Warum eigentlich?

Ich weiß das das öffnen einer noch in Plastik eingepackten DVD Hülle und das erste mal die Disk ins Laufwerk schieben ein besonderes Gefühl ist. Aber danach brauche ich die physischen Dinger eigentlich nicht mehr, im Gegenteil sind sie eher lästig (DVD einlegen zwecks Kopierschutz) und im Regal sehen sie nur gut aus wenn man sie frontal hinstellt, bei mir passen dann nur 6 Packungen hin.

Vielleicht müssen wir einfach mehr "Vom Haben zum Sein" (Erich Fromm) gelangen?

raveneiven 13 Koop-Gamer - 1705 - 10. April 2010 - 5:48 #

Wie gesagt, die Idee vom Spielen in Abschnitten ist nicht so fern. DLC sind ein erster Schritt in die Richtung. Zwar kauft man hier noch einen ganzen Inhalt der unabhängig von der Hauptstory ist, aber das System gibt es schon.

Velatus 08 Versteher - 182 - 10. April 2010 - 11:07 #

Finde die Idee, "man zahlt nur für das was man spielt" auch gar nicht so schlecht! Wenn man beim Durchspielen eines Spiels (100%) insgesamt seine 50 Eur gelöhnt hat, ist das doch in Ordnung. So fällt es einem doch auch gleich viel leichter, gewisse "Wackelkandidaten" auf der Einkaufsliste einfach auszuprobieren. Also ich finde das ganz innovativ.

Lediglich ein Punkt stört mich. Keine Verpackung mehr? Vielleicht sollte man sich wenigstens als 100% Spieler eine Urkunde oder ähnliches zuschicken lassen können. Oder andere kleine Dinge, die man sich irgendwo hinstellen oder eben aufhängen kann.

raveneiven 13 Koop-Gamer - 1705 - 11. April 2010 - 7:54 #

Wenn man ein Spiel zu 100% durchspielt mit allen Trophäen und Co. bekomm man das Spiel in ner Packung zugeschickt auf Blue Ray oder DVD. Die kann man dann zu Hause aufstellen, das ist die ultimative Trohäe!

GamingHorror Game Designer - 968 - 20. April 2010 - 15:10 #

Bis dahin gibt es ja auch viel mehr "Paraphernalia" (http://de.wikipedia.org/wiki/Paraphernalia) die man sich zu jedem Spiel dazukaufen kann. Sei es nun Actionfiguren, die Kaffeetasse mit einem flotten Spruch oder das T-Shirt mit Logo. Direkt alles aus dem Spiel heraus bestellbar über www.amazon.world

Labrador Nelson 27 Spiele-Experte - - 92268 - 3. August 2011 - 2:01 #

Nun gut. Ein Blick in die Kristallkugel hätts auch getan. ;)

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