Interview: Gameskonzerte-Pionier

Thomas Böcker zu Symphonic Odysseys

Bereits im Alter von 25 Jahren organisierte Thomas Böcker im Jahr 2003 das allererste Videospielkonzert in der westlichen Welt und legte damit den Grundstein für eine Reihe weiterer, weltweiter Events. GamersGlobal sprach am 8. Juli 2011, einen Tag vor seinem aktuellen Event Symphonic Odysseys, mit dem Produzenten der Konzerte.
André Mackowiak 13. Juli 2011 - 18:25 — vor 2 Jahren aktualisiert

von André Mackowiak


Das Konzert Symphonic Odysseys: Tribute to Nobuo Uematsu war das letzte einer Reihe von Spielemusik-Konzerten, die vom WDR Rundfunkorchester in Deutschland aufgeführt wurden. Nach Symphonic Shades - Hülsbeck in Concert (2008), Symphonic Fantasies - Music from Square Enix (2009) und Symphonic Legends - Music from Nintendo (2010) widmete Produzent Thomas Böcker am 9. Juli 2011 ein Konzert einzig und allein Nobuo Uematsu. Dieser japanische Komponist ist vor allem für seine Soundtracks zu Spielen wie Final Fantasy, Chrono Trigger, Blue Dragon, Lost Odyssey und Last Story bekannt. Wir sprachen mit Thomas Böcker über seine Anfänge, Amiga-Soundtracks auf Audiokasetten, verlorene Shenmue-Noten. Und wie man mit 8-bit Klassikern 4000 junge Menschen in eine Konzerthalle lockt.

Der Produzent Thomas Böcker hat sein Hobby zum Beruf gemacht.

GamersGlobal:
Herr Böcker, was ist so faszinierend an Videospiele-Musik, verglichen etwa mit Filmsoundtracks oder klassischer Musik?

Thomas Böcker: Wahrscheinlich sehr stark die Nostalgie, die Erinnerung, die man einfach hat, wenn man sehr viele Stunden mit Videospielmusik verbringt.  Wenn ich einen Film anschaue, dann dauert das meistens so zwei Stunden. Wenn ich ihn richtig toll finde, schaue ich ihn mir noch drei-, viermal an. Aber das ist es dann auch gewesen. Mit Videospielen kann man Monate verbringen. Dadurch brennt sich diese Musik richtiggehend ein und wenn sie sehr gut ist, löst sie auch emotional etwas aus.  Deswegen denke ich, dass der Nostalgie-Effekt den Leuten wichtig ist. Dass sie sich erinnern, wie das Spiel war und wie sie es gespielt haben. Uns ist es dann bei unserer Konzertreihe wichtig, dass wir die Musik gleichzeitig so aufbereiten, dass es auch denjenigen etwas bietet, die diesen Nostalgie-Effekt vielleicht nicht empfinden.
 
GamersGlobal: Wie sind Sie zu Videospielen gekommen, welches hat sie geprägt?
 
Thomas Böcker: Ich habe relativ früh, so mit acht oder neun Jahren, einen C64 bekommen. Darauf hat mich von Anfang an die Musik von Chris Hülsbeck fasziniert. Dann kamen die Klassiker Giana Sisters und Turrican. Früher dachte ich immer, ich wäre der Einzige, der Spielemusik auf Kassette aufgenommen hat, um sie außerhalb des Spiels anzuhören. Doch durch das Internet habe ich später mitbekommen, dass viele Leute das gemacht haben, speziell bei Amiga-Spielen. Leider gab es bei uns ja nicht so wie in Japan die CD-Veröffentlichungen der Spielemusik. Also musste ich selber tätig werden.
 
GamersGlobal: Wie sah Ihr Leben vor den Videospielkonzerten aus?
 
Thomas Böcker: Ich habe einige Jahre als Produzent für einen Spielepublisher in Frankfurt gearbeitet. Ich hatte eigentlich immer diese Verbindung zu Videospielen und Ende 2002 habe ich mich dann dazu entschieden, mich mit den Spielemusik-Konzerten selbstständig zu machen. Ich habe die Leipziger Messe angeschrieben und gefragt, was die Verantwortlichen von einem Eröffnungskonzert halten würden. Die fanden das, nach einiger Arbeit, auch toll, so hat es sich dann alles entwickelt. 2005 ist dann Play! – A Video Game Symphony dazugekommen, wo ich am Anfang als Produzent gearbeitet habe und anschließend als Berater. 2007 habe ich dann zusammen mit Arnie Roth Distant Worlds: Music from Final Fantasy ins Leben gerufen, dafür arbeite ich momentan auch noch als Berater.
 
Symphonic Game Music Concert 2003: Das erste Videospielkonzert außerhalb Japans, schon damals mit Uematsu.

GamersGlobal:
Das Eröffnungskonzert der Games Convention im Jahr 2003 haben Sie damals im Alter von 25 Jahren organisiert und sich dafür direkt Nobuo Uematsu gesichert. Konnten Sie da bereits auf mehrere Erfahrungen und Vorkenntnisse zurückgreifen oder war da einfach viel Fleiß und Initiative dabei?
 
Thomas Böcker: Ich hatte bereits 1999 ein Projekt ins Leben gerufen namens Merregnon. Ich hatte dabei Spielekomponisten aus aller Welt gebeten, zu einer Geschichte die ich mir selber ausgedacht hatte, orchestrale Musik zu schreiben. Das war der Anfang, die erste CD wurde noch mit Synthesizern oder Samplern gemacht. Die zweite haben wir dann schon mit dem Prager Symphonieorchester aufgenommen. Das war 2002, ein Jahr vor dem Konzert in Leipzig. Da habe ich dann auch Andy Brick kennengelernt und Petr Pycha – das ist der Orchestermanager des Philharmonic Orchestras Prague. Das hat dann die ganzen Spielemusikkonzerte gemacht. Es nimmt mittlerweile auch viele Soundtracks auf, etwa zu Monster Hunter oder Mafia 2.
 
Ich konnte damals auf nichts zurückgreifen:  Sowas hatte es vorher ja noch nie außerhalb Japans gegeben.
So kam ich auf den Gedanken, dass ich eigentlich auch so ein Konzert machen könnte. Das Gute bei solchen Sachen ist ja immer, dass man am Anfang gar nicht weiß, was auf einen da so zukommt! Das war damals natürlich so eine gewisse naive Haltung. Ich konnte damals auf nichts zurückgreifen, denn sowas hatte es vorher ja noch nie außerhalb Japans gegeben. Ich kannte die Orchestra Game Concerts in Japan, und 2002 gab es auch dieses Final Fantasy-Konzert in Tokio. Das war eigentlich die einzige Orientierung, die ich hatte. Ich habe dann versucht, etwas zusammen zu stellen, was sowohl die westliche als auch die japanische Spielemusikwelt repräsentiert.

 
Uematsu bei der Signierstunde vor der Abendvorstellung. Er trägt ein Bandana mit der Deutschlandflagge - Ein Geschenk von GamersGlobal an den Komponisten. Foto: Philippe Ramakers
Spiritogre 16 Übertalent - 4850 EXP - 13. Juli 2011 - 19:24 #

Danke für das schöne Interview.

Ich habe mir das Konzert vorgestern noch als Stream auf der WDR Seite angesehen und ich hielt es für durchwachsen, schließe mich der allgemeinen Euphorie also nicht unumwunden an, auch wenn es teilweise sehr gut war.

Bei vielen Titeln hatte ich ein "P" im Gesicht: "Wo ist das her?", einige habe ich aber auch wiedererkannt. Dennoch habe ich deswegen einen Großteil der Zeit anderes gemacht und das Konzert im Hintergrund dahinplätschern lassen, weil mir einfach die wirklichen Highlights fehlten.

Und nein, das liegt nicht an einer Abneigung gegen klassische Konzerte, ich war sogar schon auf einigen, weil die Bekannte einer Freundin meiner Frau "Star-Pianistin" ist (Shin-Heae Kang) und ein entfernter Bekannter hat mal eine Zeit lang in einem Orchester Horn geblasen.

Und PS: Der momentan bei Spielern so gehypte Benyamin Nuss ist von dem Niveau der Kang noch ziemlich weit entfernt, wenn man da so zuschaut - und die ist auch erst 23 oder 24.

Und obwohl mir Spielemusik, insbesondere von Uematsu, sehr zusagt, fand ich es eben stellenweise langweiliger als die anderen Konzerte (wo ich meist gar kein Stück kannte).

André Mackowiak 13 Koop-Gamer - 1313 EXP - 13. Juli 2011 - 22:03 #

@Tassadar/ASDF: Danke für die Verbesserungsvorschläge - wir schauen noch mal rein.

@Spiritogre: Was hätte man am Konzert besser machen können und welche Videospielmusik würdest du dir noch im einem Konzert wünschen?

Spiritogre 16 Übertalent - 4850 EXP - 14. Juli 2011 - 15:57 #

Der Moderator hätte einen Tick "kompetenter" rüberkommen können. Aber das ist verständlich, wenn eine solche Person nicht so in der Materie steckt.

Mir persönlich ist bei einem solchen Konzert halt der Wiedererkennungswert wichtig. D.h. es können gerne auch mal "unbekannte Perlen" einfließen aber das Augenmerk sollte auf den "bekannten Hits" liegen.

boman 12 Trollwächter - 930 EXP - 13. Juli 2011 - 23:02 #

Schönes Interview, danke dafür :)

Vielleicht noch als Ergänzung: Wer danach (wie ich) Lust bekommen hat, sich den Stream auch noch mal nachträglich anzusehen, das hier müsste der Link sein:

http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/07/09/wdr4_samstagskonzert.xml

Contra4you 16 Übertalent - 5546 EXP - 14. Juli 2011 - 0:43 #

Ich fand das Abend Konzert großartig!
Beim Titel Silent Light aus Chrono Trigger, hat man ganz am Anfang echt Leute leicht lachen gehört, weil es halt so ungewohnt war. Mir hat das Stück nicht so gefallen, wie vielleicht anderen..es war aber mal was anderes. Ansonsten ein sehr schönes Konzert.

Die Schlange für die Uematsu Autogramme war so lang, dass ich sowie viele andere gar nicht bemerkt haben, dass Uematsu irgendwann schon weg war^^ Das war ein bisschen enttäuschend. 2 Autogramme von Benjamin Nuss, sind aber auch nicht schlecht^^

Das Konzert fand ich wirklich ziemlich gut, auch wenn ich Symphonic Fantasies von vor 2 Jahren, etwas besser fand^^

Kappi 15 Kenner - 3180 EXP - 14. Juli 2011 - 4:03 #

sympatischer Mensch und schönes Interview.. ich wollt ja auch schon immer mal auf ein solches Konzert, einzig mangelts an Zeit und Geld..

Aladan 16 Übertalent - 4114 EXP - 14. Juli 2011 - 16:30 #

Danke für das Interview, ich muss sagen, ich fand bisher jedes der Konzerte toll und wäre auch gern mal live dabei. Vielleicht klappt es ja irgendwann mal.

beagel 09 Triple-Talent - 293 EXP - 16. Juli 2011 - 17:59 #

Das Konzert klang live weitaus besser als auf youtube (ich denke mal das war dann der Stream), nur der Nuss war auch dort eher schlecht: gegen das Orchester gespielt und auch nervig verkünstelt (z.B.: wer To Zanarkand flirrend spielt und Profimusiker ist, macht was falsch).
Das Problem bei Silent Light ist das man es normalerweise garnicht richtig bemerkt das spielt nur in der Kirche, nichtmal hintendran, soweit ich mich erinnere. Und Uematsu hat halt nur wenig bei Chrono Trigger gemacht.
Ich fands übrigens klasse das gerade die FFs drankamen die mir sehr gut gefallen, 5, 6, 7 und der beste von allen 10.
Und ich muss doch mal protzen: von unseren Sitzen hätten wir auf die Bühne spucken können, und wir hätten sitzend Uematsus Leibwächter treten können, die Gruppe saß eine Reihe vor uns, auf der anderen Seite des Durchgangs :-)

Asto 15 Kenner - 2904 EXP - 20. Juli 2011 - 18:25 #

Danke für das klasse Interview, das erinnert mich an eine Sache die ich auch nochmal machen wollte...

T_Prime 10 Kommunikator - 388 EXP - 20. Juli 2011 - 20:07 #

Danke für das sehr gelungene Interview. Auf jeden Fall würde ich mich sehr freuen, wenn das WDR Rundfunkorchester auch weiterhin Konzerte dieser Art aufführen würde, auch wenn es vorerst das letzte "Symphonic-Konzert" gewesen war. Ich werde versuchen nächstes Jahr bei der Wiederaufführung von Somphonic Fantasies dabei zu sein, da ich 2009 dieses Konzert leider verpasst habe.
Symphonic Odysseys war für mich jedenfalls wieder eine großartige Erfahrung. Allein Nobuo Uematsu live zu sehen, ist schon etwas ganz Besonderes.

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