Indie-Programmierer im Gespräch:

Paul Schneider über Gun Girl 2 Interview

Gun Girl 2 bietet Zombie-Ballereien, happige Hüpfeinlagen, witzige Dialoge und einen außergewöhnlich hohen Schwierigkeitsgrad. Für ein kostenloses Spiel ist gleichzeitig die Produktqualität beispielhaft. Wir haben mit dem deutschen Entwickler des Titels gesprochen, der den Schwierigkeitsgrad nicht zu leicht und nicht zu schwer findet.
Rechen 15. Juli 2010 - 14:42 — vor 7 Jahren aktualisiert
PC
von Kevin Stich


Gun Girl 2 ist ein Seitwärts-Scroller, in dem es leichter ist, zu sterben, als einige Meter voranzukommen. Ein 2D-Actionspiel mit Oldschool-Schwierigkeitsgrad -- wer macht denn so etwas? Paul Schneider macht so etwas, ein Independent-Programmierer aus Deutschland. Er hat ein Spiel mit hoher Produktqualität geschaffen, sogar die Grafik ist gefällig. Um der zahlreichen Zombiehorden Herr zu werden, stehen euch in dem 2D-Shooter unzählige Waffen zur Verfügung, deren verheerende Wirkung sich in äußerst blutigen Kämpfen zeigt. Trotz des enormen Schwierigkeitsgrads will man auch nach dem gefühlt eintausendsten Bildschirmtod noch die 1001. Partie starten. Denn viele Spielinhalte werden erst nach und nach zugänglich. Und außerdem geben wir nicht einfach so klein bei...

Die eigentliche Besonderheit von Gun Girl 2 ist aber, dass Paul Schneider dieses Spiel in Eigenarbeit entwickelt hat, und es völlig kostenlos anbietet. Der 28-jährige Hamburger ist mit Mario und Co. groß geworden und hat schon in jungen Jahren 2D-Shooter erstellt -- indem er mit Freunden Figuren auf Papier aufmalte, sie ausschnitt und anschließend vor gemalten Levels laufen und springen ließ. Mit dem ersten PC kamen dann Spiele wie Doom und Starcraft, die es Moddern und Leveldesignern einfach machten, ihre Phantasien Wirklichkeit werden zu lassen.

Aber warum investiert ein Mensch so viel Zeit seines Lebens in ein Spiel, das unterm Strich keinen Profit abwirft? Warum musste Gun Girl 2 so verdammt schwer werden? Wir haben Paul für euch interviewt.

Anders als es der Name Gun Girl 2 vermuten lässt, könnt ihr auch als Gun Dude auf Zombiejagd gehen. Wem das nicht genug ist: Besonders Ehrgeizige können zudem noch einen dritten Charakter freispielen.

GamersGlobal: Wieviel Zeit steckt in Gun Girl 2?

Paul Schneider: In Stunden ist das nicht zu beziffern! Tagsüber habe ich immer bei irgendeiner Arbeit gesessen, um mir wenigstens mein Geld für Tiefkühlpizzen zu sichern. Abends habe ich dann bis spät in die Nacht an Gun Girl 2 gearbeitet. Oft habe ich mir den Wecker ein paar Stunden früher gestellt, da ich morgens meine kreativsten Phasen habe. Dann kommt natürlich auch noch meine Freundin ins Spiel, mit der ich Zeit verbracht habe. Sie hatte aber glücklicherweise immer sehr viel Verständnis für mein Hobby und dafür bin ich ihr auch sehr dankbar. Alles in allem sind etwa zwei Jahre ins Land gezogen.

GamersGlobal: Das ist ja richtig viel Zeit. Welche Motivation steckt da bei dir dahinter?

Paul Schneider: Meine größte Motivation besteht darin, ein Spiel zu machen, das ich selbst gerne spielen würde. Bevor ich ein so großes Projekt wie Gun Girl 2 anfange, schreibe ich mir allerhand Ideen auf, die mich begeistern. Egal, ob es interessante Monster, Waffen oder Spielmechaniken sind -- diese Liste besteht bei mir schon seit langer Zeit und ist ewig lang. Nicht jede Idee daraus passt zu jedem  Projekt, aber wenn ich eine gute Anzahl mit interessanten Ideen zusammen habe, wird losgelegt. Um meine Motivation über so lange Zeit aufrecht zu erhalten, habe ich mir diverse Tricks ausgedacht. Einer davon ist zum Beispiel, regelmäßig von einem Projekt mal abzuschalten und mich einfach mal anderen Dingen zu widmen. Ich glaube, Stress ist der größte Feind der Kreativität.

GamersGlobal: Gab es einen Moment, an dem du Gun Girl 2 beinahe aufgegeben hättest?
Gun Girl 2 ist bockschwer. Wirklich. B.O.C.K.S.C.H.W.E.R.

Paul: Ungefähr ein dreiviertel Jahr vor der Fertigstellung von Gun Girl 2 hatte ich ein totales Motivationstief erreicht, denn wenn man über ein Jahr lang immer dasselbe Spiel vor sich sieht, kann das schon mal öde werden. Außerdem hatte ich zu der Zeit großes Interesse an Horrortiteln wie Silent Hill oder Resident Evil. Aus meiner Maps-&-Mods-Vergangenheit wusste ich, dass es nicht viel Zeit kostet, eine Mod zu erstellen, weswegen ich dann spontan ein Level-Set für Doom 2 angefangen habe. Es war für mich ein guter Moment, einfach mal von Gun Girl 2 loszukommen und mich kreativ am Horror-Genre zu versuchen. Heraus kam Unloved für GZdoom, eine an Silent Hill angelehnte Level-Mod. Die erzielte Höchstwertungen auf Doomworld.com und hat mir viel Lob eingebracht. Das gab mir wieder neue Motivation und ich dachte mir, so eine Wertung kann ich auch bei Gun Girl 2 erreichen, wenn ich das Ding jetzt noch mal richtig anpacke. Aber aufgegeben hätte ich es nie, denn es war und ist mein Baby und es steckte schon zu viel Zeit und Energie von mir da drin.

GamersGlobal
: Wie bist du zum Spieleentwickeln gekommen?

Paul Schneider: Ich habe mich immer auf Maps und Mods für Spiele wie Starcraft oder Doom beschränkt, da ich selber nicht programmieren kann. Ich sehe mich als Designer, nicht als Informatiker. Eines Tages stolperte ich über das Spiel I Wanna Be The Guy von Kayin Nasaki. Ich ging auf die Webseite und las dort, dass das Spiel aus einem ROM-Hack von Battletoads entwickelt worden sei. Das stellte sich später natürlich als Scherz heraus, jedoch schrieb ich Kayin an und fragte ihn, wie er das Spiel gemacht hatte. Er erklärte mir, dass er es mit Multimedia Fusion 2 erstellt hatte. Ich schaute mir die Demo an und tatsächlich: Ohne irgendwelche Kenntnisse von Programmiersprachen konnte man damit komplett eigene Spiele erstellen. Innerhalb weniger Wochen hatte ich damit dann Gun Dude gemach -- nach 25 Jahren ging mein Traum vom ersten eigenen Spiel in Erfüllung. Gun Dude war nicht besonders toll, aber ich war glücklich.

Paul hat harte Lehrjahre hinter sich. Das Design und die Vielfalt der Levels zeigen, dass sie sich gelohnt haben.
icezolation 19 Megatalent - 19180 - 15. Juli 2010 - 15:00 #

Sehr lesenswert :) Saugeiles Game mit erfreulich knackigem Schwierigkeitsgrad, aber mit Gamepad ist es wirklich sahnig zu bewältigen.

Und der Herr hat natürlich Recht: Indie-Spiele werden unterschätzt. Wem die Lust fehlt im Internet Ausschau zu halten, dem könnten Site wie etwa gamejolt.com gefallen - und natürlich aufmerksam News auf GG verfolgen ;)

Faxenmacher 16 Übertalent - 4008 - 15. Juli 2010 - 15:20 #

Paul Schneider: "Leider unterschätzen viele Leute immer noch die Indie-Spiele und verpassen dadurch vielleicht ein paar funkelnde Sterne am Horizont ihrer Spielewelt."

Na dann werde ich doch gleich mal Gun Girl 2 runterladen um den funkelnden Stern nicht zu verpassen :)!
Schönes Interview, toll zu lesen!

simfor 08 Versteher - 164 - 15. Juli 2010 - 15:19 #

danke für diesen tollen artikel!

Age 19 Megatalent - P - 14004 - 15. Juli 2010 - 16:38 #

Super Interview, hab GunGirl 2 auf meinem Netbook für zwischendurch. :) Muss ich mal weiter daddeln. :)

ganga Community-Moderator - P - 16354 - 15. Juli 2010 - 18:12 #

Sehr interessant, schönes Interview!

sPEEDfREAK 11 Forenversteher - 717 - 15. Juli 2010 - 19:50 #

Super Interview... Kannte das Spiel überhaupt nicht :) aber ich habe Indie Games auch immer unterschätzt. Werd ich mir nachher mal ansehen

Johannes Mario Simmel 13 Koop-Gamer - 1626 - 15. Juli 2010 - 21:45 #

Klasse News! Vieleicht sollte man einen GG-Indy-Sonderbeauftragten einführen, der die ganze Zeit nach neuen Indie-Perlen taucht!

:)

John of Gaunt Community-Moderator - P - 63834 - 16. Juli 2010 - 7:36 #

Ein schönes Interview. Sollte Gun Girl 2 ja eigentlich auch mal spielen, aber die liebe Zeit... :)

Logined (unregistriert) 16. Juli 2010 - 20:48 #

As far as my humble German knowledge allowed me I got a message. Awaiting for you to continue this project, Paul!

Olphas 24 Trolljäger - - 48136 - 16. Juli 2010 - 21:28 #

Schönes Interview und Respekt vor dem Aufwand, der hinter dem Spiel steckt! Habe es gerade mal angespielt und .. holla die Waldfee, das Ding ist schwer! Aber auf eine seltsam angenehme Art und Weise. So wie früher halt :)

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