Jörg Langer 30. März 2015 - 10:53 — vor 2 Jahren aktualisiert
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Alle Fotos stammen von GamersGlobal

Russell Brower hat den prestigeträchtigen amerikanischen Fernseh-Preis Emmy gleich dreimal gewonnen, für seine Leistungen als Komponist für mehrere Serien. Er hat unter anderem für Warner Bros. Animation, DiC Entertainment und Disney gearbeitet, bevor er 2002 in Vollzeit in die Spielebranche wechselte, wo er für den Simulationsexperten Novalogic arbeitete. Seit 2005 ist er bei Blizzard tätig, für alle wichtigen Serien.  Wir interviewten den seit kurzem 52jährigen in seiner Garderobe im Münchner Gasteig, einige Stunden vor dem Konzert Video Games Live, das er dirigierte. Wir haben zu dem Konzert auch eine Galerie+ für euch, außerdem könnt ihr euch das Interview komplett anhören.
 
GamersGlobal: Russell, du bist seit 2007 bei Blizzard, richtig?
 
Russell Brower: Seit 2005. Im Juni habe ich mein zehnjähriges Jubiläum.
 
GamersGlobal: Gratulation im voraus! Das erste Projekt, bei dem du im Abspann erwähnt wirst, war aber wohl das erste WoW-Addon aus dem Jahr 2007, The Burning Crusade.
 
Russell Brower: Ja, das war der erste große Release. Ich glaube, ich fing bei Blizzard mit Patch 1.6 an, also vor Darkmoon Faire.
 
GamersGlobal: Was bekommt man denn bei Blizzard beim zehnjährigen Betriebsjubiläum? Einen Bleistift mit dem eigenen Namen?
 
Russell Brower: Zum Zweijährigen bekommt man einen Bierkrug, der von einem oder mehreren unserer Grafiker entworfen wurde. Er ist sehr kunstvoll verziert. Und nach fünf Jahren bekommt man ein Schwert, zum an die Wand hängen, und dazu gibt's ein kleines Schild mit deinem Namen, wo draufsteht, "Zur Feier von fünf Jahren". Nach zehn Jahren bekommst du dann einen Schild, passend zum Schwert, und die zugehörige Wandaufhängung. Nach 15 Jahren erhält man dann einen dicken, schweren Siegelring, komplett personalisiert. Naja, darauf muss ich noch fünf Jahre warten.
 
GamersGlobal: Und nach 20 Jahren bekommt man ein Schloss...?
 
Russell Brower: Nach 20 Jahren wartet dann eine Art Helm. Ich habe nur Fotos davon gesehen. Zum einen gab es einige Designänderungen daran, zum anderen gibt's nur eine Handvoll von 20-Jahre-Veteranen bei Blizzard.
 
GamersGlobal: Und nach 25 Jahren geht's dann um die Weltherrschaft, weil dann die Blizzard-Angestellten vollständig bewaffnet sind...
 
Russell Brower: Da bringe ich dann lieber meinen LARP-Kriegshammer mit, und wir hauen uns damit auf die Köpfe.
 
GamersGlobal: Du warst bereits vor Blizzard bei Spielefirmen angestellt oder hast für sie frei gearbeitet, darunter Novalogic, wo du unter anderem die Musik zu Joint Operations komponiert hast.
 
Zu dieser Zeit wurde der Sound in Spielen reichhaltiger.
Russell Brower: Ja, und davor für Black Hawk Down. Ich war etwas mehr als zwei Jahre dort. An Spielen habe ich jedoch schon während meiner ganzen Karriere gearbeitet, und die dauert nun fast 35 Jahre. Schon ganz am Anfang habe ich als Freiberufler an Soundeffekten oder Musikstücken für Games gewerkelt, etwa für Disney Interactive oder eben Novalogic. Über die Jahre veränderte sich der TV-Serienmarkt , und ich musste mich neu erfinden. Ich habe beispielsweise für Vergnügungsparks komponiert. Und als es dort nicht mehr so gut lief, bin ich eine Weile im Spielzeugbereich gelandet. Es ging immer um Soundeffekte und Musik. So um 2001 kam ein Punkt, wo ich mich entscheiden musste. Damals wurden Reality-Serien sehr populär, und das bedeutete, dass die Art von TV-Shows, für die ich immer gearbeitet hatte, weniger wurden. Und Reality TV hat mich nicht interessiert. Ich erkannte, dass ich mit Games bereits rund 20 Jahre lang gute Erfahrungen gemacht hatte, und dachte mir: Schau dir das doch noch genauer an! Außerdem wurde zu dieser Zeit der Sound in Spielen reichhaltiger. Die Technologie war endlich ungefähr dort angelangt, wo wir sie uns gewünscht hatten.
 
GamersGlobal: Mehr Kanäle, eine größere Breite an...
 
Russell Brower: ... mehr Kanäle, eine höhere Klangtreue, mehr Immersion. Und so wechselte ich in Vollzeit zur Spielebranche, 2002, bei Novalogic. Seitdem arbeite ich konstant in der Spielebranche. Wobei ich schon vorher mit interaktiven Projekten beschäftigt gewesen bin. Ich habe beispielsweise für Disney an interaktiven Installationen für das Epcot Center [einem der vier Vergnügungsparks im Walt Disney World Resort in Florida, Anm. d. Red.] gearbeitet. Das waren große Dinger, die man nicht ins Wohnzimmer hätte stellen können. Aber technisch waren das Videospiele. Und ab 2002 waren es dann eben Videospiele, die man mit nach Hause nehmen konnte. Es war genau die richtige Zeit in unserer Industrie, als ich kurz nach der Veröffentlichung von World of Warcraft auf ein Stellenangebot von Blizzard stieß.
 
GamersGlobal: Hast du bereits WoW gespielt, als du dich beworben hast?
 
Als Spieler und Privatmann hat mich Diablo umgehauen.
Russell Brower: Ich hatte Blizzard-Spiele seit Diablo gespielt, aber nicht WoW. Als Privatmann und Spieler hat mich Diablo umgehauen! Es war so faszinierend. Ich verliebte mich in die Musik! Ich dachte mir, diese Firma hat den Qualitätsanspruch, nach dem ich selber strebe. Diablo hatte Tiefe, es war sehr leicht zu lernen, aber schwer zu meistern. Die Lernkurve machte Spaß, das Gameplay und die Immersion waren klasse. Wer eine Story wollte, bekam sie, aber wer keine wollte, wurde nicht davon genervt. Und ich dachte mir: Das ist genau das, was mir gefällt – meine besten Projekte waren immer die, bei denen sich Technologie, Kunst und Unterhaltung miteinander verbanden.
 
GamersGlobal: Das erste Projekt, das dich im Abspann erwähnte, hat einen seltsamen Titel. Es ist ein Film aus dem Jahr 1983, und er heißt: What's up, hideous Sun Demon? ("Was geht ab, scheußlicher Sonnendämon?").
 
Russell Brower: Oh, sie haben den Titel geändert. Ich kannte ihn als "Hideous Sun Demon: The Special Edition". Lange vor Mystery Science Theater 3000, das ich mag [eine TV-Serie aus den späten 80ern bis späten 90ern, bei der ein Mann und sein Roboter alte B-Movies anschauen müssen, und diese witzig kommentieren – Anm. d. Red.], gab es einige Filmemacher, die eine Idee hatten: Sie nahmen einen schlechten 50er Jahre Science-Fiction-Film namens Hideous Sun Demon und ersetzten komplett den Soundtrack und die Stimmen, um ihn lustig zu machen.
 
GamersGlobal: Also es war derselbe Film, dieselben Szenen?
 
Russell Brower: Ja, sie rührten das Bild nicht an. Ich erinnere mich, das Jay Leno den Hauptdarsteller sprach, vieles davon in einer Art Ich-Erzählung. Es war völlig absurd, aber es nahm in gewisser Weise die Idee von Mystery Science Theater vorweg. Ich glaube nicht, dass es da eine echte Verbindung gibt, aber es war absurd und lustig. Vermutlich erschien der Film nur auf Videokassette, aber irgendwo da draußen gibt
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es ihn! Und der Typ, der den Originalfilm in den 50ern gemacht hat, lebte noch und kam in mein Studio und sprach einige Voiceover-Parts dafür ein. Und sein Sohn war und ist ein Synchronsprecher, mit dem ich oft zusammen gearbeitet habe. Schon lustig, wie jedermanns Karriere irgendwie zusammenhängt.
 
GamersGlobal: Du hast drei Emmy-Fernsehpreise gewonnen, darunter für den Sound der Batman-Cartoonserie und der Zurück in die Zukunft-TV-Serie. Gibt es in der Spielebranche Auszeichnungen, die du mit dem Emmy vergleichen würdest?
 
Russell Brower: Ja, einige. Diablo 3 war beispielsweise für einen Musik-BAFTA nominiert. Ich war aufgeregt, weil ich für unser Team zu den Awards durfte, auch wenn wir dann nicht gewannen. Das ist ein ziemlich angesehener Preis. Und auch die Awards, die von der Game Audio Network Guild während der GDC vergeben werden, ordne ich ganz weit oben ein – das sind schließlich unsere Kollegen. Ich bin sehr stolz, dass ich mit meinem Team und der ganzen Abteilung dort mehrere Auszeichnungen erhalten habe, unter anderem für Diablo 3.
Brower in seiner Garderobe: Wenige Stunden vor dem Konzert zeigte er sich entspannt und auskunftsfreudig.
Jörg Langer Chefredakteur - P - 345640 - 30. März 2015 - 10:58 #

Viel Spaß beim Lesen und ggf. Zuhören!

mihawk 19 Megatalent - P - 13205 - 30. März 2015 - 11:12 #

Ein super Interview. Scheint auch ein echt netter Typ zu sein.

Jörg Langer Chefredakteur - P - 345640 - 30. März 2015 - 11:26 #

Ja, ich fand den sehr nett. Hat auch eine angenehme Stimme, vgl. MP3 :-)

rammmses 18 Doppel-Voter - P - 12896 - 30. März 2015 - 11:37 #

Sowas von, nach 10 Minuten weggenickt gestern. Gut, dass ich jetzt lesen kann, um was es geht^^

mihawk 19 Megatalent - P - 13205 - 30. März 2015 - 11:39 #

Werd ich mir heute Abend noch anhören, bin schon gespannt :)

immerwütend 22 AAA-Gamer - P - 31831 - 30. März 2015 - 11:42 #

Sehr interessantes Interview - obwohl ich ja die Musik in Spielen grundsätzlich abschalte ;-)

Novachen 19 Megatalent - 13073 - 30. März 2015 - 11:43 #

Bei dem Titel der News dachte ich jetzt ehrlich gesagt an ein Interview über Loom... wohl wegen der Blitzaktion :D.

amenon 15 Kenner - P - 3033 - 30. März 2015 - 13:15 #

War auch mein erster Gedanke.

Olphas 24 Trolljäger - - 48291 - 30. März 2015 - 11:51 #

Sehr schönes Interview :)

Casa 12 Trollwächter - 1089 - 30. März 2015 - 11:52 #

Tolle Sache, gestern im Konzert gewesen, wirklich ein super Typ :)

firstdeathmaker 17 Shapeshifter - P - 6829 - 30. März 2015 - 12:22 #

Ich muss sagen, auch wenn ich die Welt von WoW nicht so toll finde (zu Comic-haft), gespielt habe ich es anfangs trotzdem. Und der Soundtrack ist überhaupt nicht billig, sondern gehört definitiv zu den besseren. Und ist durch seinen Spielehintergrund auch perfekt für Pen&Paper Rollenspiele geeignet, anders als Filmsoundtracks.

Sindbadius 11 Forenversteher - 577 - 30. März 2015 - 14:23 #

Danke für die Mühe. Bin selber Musiker/Komponist und die Komponisten bei Blizzard sind da echt erfahrene Hochkaräter. Es ist schon beeindruckend, was für ein Budget Blizzard ihre Musikwelt wert ist.

Sven Gellersen Community-Moderator - P - 24273 - 30. März 2015 - 14:25 #

Sehr schönes Interview. Hat Spaß gemacht, es zu lesen :)

Putenbuch 02 Sammler - 5 - 30. März 2015 - 14:49 #

Tolles Interview, vielen Dank dafür!

Lencer 15 Kenner - P - 2789 - 30. März 2015 - 17:06 #

Spannendes Interview, danke!

Labrador Nelson 28 Endgamer - - 100272 - 30. März 2015 - 19:00 #

Tolles Interview. Mal ein Blick aus nem anderen Winkel.

Kramer 10 Kommunikator - 452 - 30. März 2015 - 20:00 #

Danke für das schöne Interview, es war sehr interessant, obwohl ich weder Diablo-/WoW-Spieler noch audiophil bin. Ich höre gerade Grand Canyon Suite. :-) Das mit den Variationen eines Stücks (reduziert auf die einzelnen Instrumente) finde ich ja genial. Gibt es noch andere Spiele, die diese Methode anwenden?

Sindbadius 11 Forenversteher - 577 - 30. März 2015 - 20:10 #

Dazu auch sehr produktiv, da Stimmen bzw. Instrumente ja eh separiert recordet werden und somit verschiedene Variation bequem im Mix erstellt werden können.

Jörg Langer Chefredakteur - P - 345640 - 30. März 2015 - 21:12 #

Ich dachte übrigens viele Jahre lang, so würden die hunderttausende von Karaoke-Songs produziert in Japan. Also dass da eine Firma vom Hersteller die Gesangsspur-lose Variante bekommt. Denkste: Die Musikstücke werden tatsächlich per Synthesizer nachgespielt und aufgenommen. Und die Texte werden offenbar abgehört und eingetippt, was deren nicht gerade überwältigende Texttreue erklären könnte...

Sindbadius 11 Forenversteher - 577 - 30. März 2015 - 22:19 #

Obwohl es möglich wäre, doch die rücken Produzenten nicht so leicht raus. Selbst bei z.B. alten Deep Purple Songs besitzen die Produzenten noch die einzelnen Tonspuren. Viele Backing/Karaoke Tracks werden oft auch mit VST Instrumenten per Midi erstellt. Oder halt auch live neu eingespielt. Gibt aber tatsächlich Backing Tracks, bei denen der Gesang oder ein bestimmtes Instrument rausgefiltert wird.

fellsocke 16 Übertalent - P - 5389 - 31. März 2015 - 10:19 #

Ich kenne weder den Herren noch seine Musik, aber das Interview hat mir sehr gefallen. Danke dafür!

matthias 13 Koop-Gamer - 1358 - 10. April 2015 - 13:00 #

live:
https://www.youtube.com/watch?v=K1eBQF8F62g
nachbearbeitet:
https://www.youtube.com/watch?v=D4AoXMh0Di4

Crazycommander 14 Komm-Experte - 2166 - 31. März 2015 - 14:13 #

Interessantes Interview. Ich werde das zum Anlass nehmen, mir das Musiksystem von WoW mal genauer anzuschauen. Bislang habe ich es nur als Großes/Ganzes wahrgenommen.

Sindbadius 11 Forenversteher - 577 - 31. März 2015 - 21:46 #

Herr Langer, kam dieses treffen auch aus eigenem Wunsch zustande? Interessieren Sie sich für diese Art der Musik, Film/Spiele Musik auch Privat? Finde es toll auch solche Artikel hier vorzufinden. Und danke dass Sie sich die Zeit genommen haben, dieses Interview zusätzlich in Textform zu veröffentlichen.

Jörg Langer Chefredakteur - P - 345640 - 1. April 2015 - 23:55 #

Naja, ich wurde nicht gezwungen, aber der Vorschlag kam von Blizzard. Solche symphonischen Aufbereitungen mag ich, aber ich höre mir so gut wie nie Soundtracks zu Spielen an.

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